“Es gibt immer eine Erholung”

  • Durch den Corona-Crash haben Privatanleger viel Geld an der Börse verloren.
  • Sie müssten nun nach dem Crash lernen, durch das Tal zu gehen, sagt der Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Deka, Ulrich Kater.
  • Der Experte zeigt auf, warum Aktien und Fonds langfristige Geldanlagen sind.
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Frankfurt. Die Deutschen gelten nicht als große Aktienfans, Herr Kater, aber in den vergangenen Jahren haben sie sich langsam vorgewagt. Viele haben Fondsanteile gekauft. Dann hat der Dax innerhalb von Wochen die Gewinne von Jahren verloren. Das war es dann wohl mit der Begeisterung?

Jetzt zeigt sich, ob zur Begeisterung auch Durchhaltevermögen kommt. Bei 20 oder 30 Prozent Kursrückgängen hat man dafür vielleicht gerade keinen Sinn, aber die Märkte kommen immer wieder zurück. So wird es auch dieses Mal sein.

Kann aber dauern ...

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Natürlich kann das Jahre dauern. Wir haben uns frühere Krisen angesehen und geschaut, wann der Aktienmarkt wieder den Hochpunkt erreicht hat, von dem er vorher abgerutscht war. Das waren nach einer Krise mal fünf Jahre und mal nur zwei, übrigens unabhängig von der Schwere der Krise. Aber die wichtigste Erkenntnis ist: Es gibt immer eine Erholung.

Anfang des Jahres stand der Dax auf Rekordhöhe. Wer dort eingestiegen ist und in fünf Jahren wieder dort landet, hat fünf Jahre verloren.

Wer beim Maximum mit vollem Einsatz eingestiegen ist, war schlecht beraten. Wer aber seit zehn Jahren dabei ist, hat Kurszuwächse und Dividenden gesehen und erlebt nicht mehr als einen Rücksetzer. An den Aktienmärkten gehört das nun mal dazu! Dafür, dass der Anleger diese Schwankungen aushält, erhält er langfristig eine höhere Rendite als beim planbaren Sparbuch. Für manche Anleger ist das jetzt die Zwischenprüfung auf dem Weg zum Aktienabitur. Man kann nicht oft genug sagen, dass Aktien und Fonds langfristige Geldanlagen sind. Deswegen raten wir auch immer, schrittweise anzulegen – wie bei einem Sparplan.

Sie wollen Ihre Kunden beruhigen, weil auch den Fondsgesellschaften zuletzt die Anleger weggelaufen sind ...

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Das kann ich jedenfalls für uns definitiv nicht bestätigen. Es gibt verschiedene Kundengruppen, die jetzt dringend Liquidität brauchen – das ja. Aber Verkäufe auf breiter Front – überhaupt nicht. Im Gegenteil: Wir hören von den Beratern in den Sparkassen, dass Kunden nach Einstiegsgelegenheiten fragen.

Nach der Finanzkrise war es schon Anfang 2009 so weit – da fing die Rezession gerade erst an, und die Kurse stiegen, als wäre alles gut. Wird das wieder so sein?

Jedenfalls nehmen die Finanzmärkte die Entwicklung in der Regel vorweg. Aber die beiden Krisen sind schwer zu vergleichen. 2008 brach mit der Lehman-Pleite die große Systempanik aus. Dann sah man, dass die Stabilisierungsmaßnahmen wirken würden, und die Märkte beruhigten sich. Jetzt haben wir keine Ursache aus der Wirtschaft heraus, sondern eine Art Naturkatastrophe. Das bringt Unsicherheiten, die noch eine Weile bestehen bleiben werden: Wie lange steht die Produktion still, wann gehen die Leute wieder in die Läden? Und kommen möglicherweise Probleme im Finanzsektor nach? Wie viel Kredit brauchen Unternehmen, wie viele Kredite fallen aus?

Vor zehn Jahren gab es eine Kettenreaktion: Erst die Bankenkrise, dann die Rezession, dann die Staatsschuldenkrise. Eins entstand aus dem anderen – über Jahre. Kann es wieder so kommen?

Die erste Welle der Panik ist dieses Mal am Finanzsektor abgeprallt. Das Bankensystem ist heute stabiler aufgestellt als 2009. Aber die Staatsschulden werden durch die riesigen Hilfsprogramme natürlich rapide steigen. Die Rettungsmentalität ist ja zum Normalfall geworden – und dieses Mal war der Notarzt da, bevor der Unfall passiert ist: An ökonomischen Daten war die Krise überhaupt noch nicht abzulesen – und doch war klar, dass sie wegen der Pandemie kommen würde. Die Erste Hilfe wird wirken, die Frage ist nur, wie es den Rettern hinterher geht.

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Da wartet also die nächste Schuldenkrise?

Irgendwann kommt man nicht mehr an der Frage vorbei, wie man diese Last der Staatsschulden in einigen Ländern bewältigt. Aber die Europäer haben auch gelernt und werden eine akute Zuspitzung jetzt verhindern. Und erst einmal lösen die Notenbanken das Problem mit ihren Anleihenkäufen.

Das bedeutet Nullzins für Sparer bis zum Sankt-Nimmerleinstag?

Jedenfalls ziemlich lange. Aber im Umkehrschluss sollte das auch die Aktienmärkte wieder beleben. Die alten Themen kommen wieder: niedrige Zinsen, viel Liquidität im Markt, wenig attraktive Anlagemöglichkeiten.

Dann soll man jetzt kaufen?

Man kann schrittweise wieder ans Aufbauen denken – wie gesagt: schrittweise und mit langfristiger Perspektive. Das heißt nicht, dass es von jetzt an nur noch aufwärts geht. Es bleiben unruhige Zeiten, und es werden sicher auch noch Tiefstände getestet.

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Welche Bereiche hat es im Crash am schlimmsten erwischt, und wo sehen Sie Chancen?

Besonders getroffen hat es Branchen, die sonst als stabil gelten: Touristik, Mobilität, Liveunterhaltung. Auch die Industrie wird einige Zeit brauchen, um sich zu erholen. Chancen sehe ich bei allem, was Technologie ist: Digitalisierung und zugehörige Dienstleistungen, auch Gesundheit.

Es gibt gemanagte Fonds, wo ein Fondsmanager aktiv handelt, und die sogenannten ETF, wo die Gebühren niedriger sind, weil sich deren Zusammensetzung automatisch nach einem Aktienindex richtet. Hält sich in der Krise einer von beiden besser?

Wenn es so schnell abwärts geht wie Mitte März, dann hat auch ein Fondsmanager wenig Chancen. Aber ich glaube, dass die aktiv gemanagten Fonds im Aufstieg besser abschneiden werden, weil sie die Verliererunternehmen früher aussortieren, als sie aus den für die ETF maßgeblichen Indizes fliegen.

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