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Erster Corona-Ausbruch in Deutschland: “Wir sind Webasto ausdrücklich sehr dankbar”

  • Vor sechs Monaten kam es in Deutschland erstmals zu einem dokumentierten Corona-Ausbruch.
  • Bei Webasto, einem Zulieferer der Automobilindustrie, steckten sich mehrere Mitarbeiter bei einer Kollegin aus China an.
  • Das Unternehmen reagierte schnell, verhinderte Schlimmeres – und wurde zum Vorbild für die ganze Branche.
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Am 26. Januar 2020 schien die Welt noch in Ordnung zu sein. In China rumorte es zwar, weil ein neuartiges Coronavirus die Stadt Wuhan lahmlegte, doch in der deutschen Industrie war davon wenig zu spüren – bis Holger Engelmann, Chef des Automobilzulieferers Webasto, am darauffolgenden Morgen seine E-Mails las. Eine chinesische Mitarbeiterin habe des Virus von einer Dienstreise mitgebracht, hieß es. Und als sich am Abend bestätigte, dass sich weitere Kollegen am Stammsitz in Stockdorf angesteckt hatten, war klar, dass auch in Deutschland ein Ausbruch der Pandemie drohte.

Von einer solchen sprach Ende Januar hierzulande kaum jemand. Er gehe von einer realistischen Pandemiegefahr aus, sagte etwa zeitgleich ein noch recht unbekannter Charité-Chefvirologe namens Christian Drosten im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Er betonte, es sei noch zu früh für offizielle Warnungen – schlug aber vor, schon Testkapazitäten zu schaffen und die Gesundheitsbehörden vorzubereiten.

Bei Webasto überschlugen sich derweil die Ereignisse: “Montagabend hatten wir dann den ersten deutschen Mitarbeiter, der positiv getestet wurde, und am Dienstag waren es noch drei weitere. Das ging dann sehr schnell, dass wir mitten in der Corona-Pandemie waren”, erzählte Engelmann jüngst der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Heute, sechs Monate später, weiß man genug über das Coronavirus, um sagen zu können, dass sich Stockdorf in diesen Tagen zum ersten deutschen Seuchenherd hätte entwickeln können.

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Dass es anders kam, ist wohl vor allem Engelmann und seinem Unternehmen zu verdanken. Das Familienunternehmen, das unter anderem Autodächer und Batterietechnik fertigt, wechselte rasant schnell in den Krisenmodus. Webasto schloss am Mittwoch, zwei Tage nach den ersten positiven Tests, seinen Stammsitz – und reagierte damit deutlich konsequenter als etwa der ein oder andere Schlachthof, der es zuletzt in die Schlagzeilen schaffte.

Webasto verfolgte Kontakte selbst

“Ich glaube, wir haben verdammt viel richtig gemacht. Wie wir damals gehandelt haben, ist auch aus heutiger Sicht eine Blaupause, wie man Infektionsketten unterbricht”, sagt Engelmann. Webasto hatte damals etwa nicht gewartet, bis Gesundheitsämter das Verfolgen von Infektionsketten übernahmen. “Wir haben Infizierte selbst angerufen und ihre Kontakte im Betrieb getestet”, schildert Engelmann die damalige Lage. Später habe das Unternehmen den Behörden sogar Mitarbeiter zur Kontaktverfolgung zur Verfügung gestellt.

“Wir haben zum Teil auch Glück gehabt”, räumt der Manager ein. Er erinnert sich, unwissentlich einem Infizierten die Hand geschüttelt zu haben. “Ich habe mich aber nicht angesteckt”, weiß Engelmann heute. Ein Webasto-Mitarbeiter in der Kantine hatte weniger Glück. Er saß Rücken an Rücken mit einem Corona-Infizierten. Als der sich dann umgedreht hat, um ihm einen Salzstreuer zu reichen, ist das Virus übergesprungen. Das weiß man, seit Wissenschaftler den Fall Webasto genau unter die Lupe genommen haben. Studien über Ansteckungswege und die Rolle von Infizierten ohne Symptome schafften es in die hochkarätigsten Fachzeitschriften.

Ein Handbuch, das Maßstäbe setzte

Das Unternehmen lernte schnell dazu: Schon kurz nach dem Ausbruch erstellte Webasto ein Corona-Handbuch. Das wirkt teilweise heute noch zeitgemäß: Gesundheitsschutz der Mitarbeiter müsse höchste Priorität haben, hat das Unternehmen dort festgehalten. Weiter heißt es, Schnelligkeit beim Erstellen von Kontaktlisten und beim Testen sei entscheidend, um Infektionsketten zu unterbrechen. Ebenso wird eine transparente und offene Kommunikation sowohl mit Mitarbeitern als auch mit Medien und Behörden empfohlen.

Holger Engelmann mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Webasto-Werk im chinesischen Wuhan wenige Monate, bevor dort die Pandemie ausbrach. © Quelle: Michael Kappeler/dpa

In puncto Offenheit setzte Webasto schlussendlich Maßstäbe, als das Unternehmen sein Handbuch der restlichen Automobilbranche zur Verfügung stellte – obwohl es durchaus Interna hätte verraten können. “Das Handbuch war sehr, sehr hilfreich”, lobt heute Hildegard Müller, Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie. “Wir konnten frühzeitig über die Risiken und mögliche Gegenmaßnahmen informieren, weil uns Webasto das an die Hand gegeben hat”, sagte Müller dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Automobilbranche ist Webasto dankbar

Laut dem VDA ist das Webasto-Handbuch in der Frühphase der Pandemie mehrere Hundert Mal abgerufen worden. “Die Lernkurve in der Branche war sehr, sehr steil”, so Müller. “Dank des Handbuchs und weiterer Maßnahmen, die wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsunternehmen entwickelt haben, ist es gelungen, die Ausbreitung der Pandemie in den Unternehmen gering zu halten”, ist die Verbandspräsidentin überzeugt. “Wir sind Webasto ausdrücklich sehr dankbar.”

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Ähnlich sehen es auch die bayerischen Gesundheitsbehörden, die damals eng mit dem Unternehmen zusammenarbeiteten. “Bei der Ausbruchsbekämpfung konnten wir die Wirksamkeit unserer Maßnahmen gut beobachten und evaluieren”, sagt Aleksander Szumilas, Sprecher des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Für die Behörden war das womöglich Gold wert. Schließlich hatten sie spätestens seit der Schweinegrippe 2009 Handlungsanweisungen und Pandemiepläne vorbereitet. “Wenn dann aber der Ernstfall eintritt, stellen sich trotzdem viele Herausforderungen neu”, so Szumilas.

Auch Webasto leidet unter der Autokrise

Die gesammelten Erfahrungen haben auch Webasto selbst genutzt. “Wir hatten noch Fälle an unterschiedlichen Standorten: USA, Mexiko, auch Europa”, sagt Engelmann. Dort habe man aber nicht schließen müssen. “Es reichte, schnell und konsequent zu reagieren, um eine weitere Ausbreitung zu unterbinden.” Und auch in Stockdorf hielten sich die Auswirkungen des Ausbruchs letztendlich in Grenzen. Im Umfeld des Unternehmens steckten sich 14 Menschen an, wenige Wochen später wurden die letzten von ihnen aus dem Krankenhaus entlassen.

Dennoch leidet auch Webasto unter der Corona-Pandemie. “Wirtschaftlich haben wir in den letzten Monaten massiv gespürt, dass unsere Kunden ihre Produktion eingestellt haben”, sagt Engelmann. Inzwischen springe sie von Region zu Region wieder an, aber ein Umsatzeinbruch von zwei bis vier Monaten bleibe. Das sei auch auf Jahressicht nicht mehr aufzuholen. “Langfristig werden wir über die nächsten vier, fünf Jahre niedrigere Volumina bei der weltweiten Fahrzeugproduktion haben”, sagt Engelmann. “Das macht notwendige Investitionen in neue Bereiche wie die Elektromobilität schwieriger.”

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Dennoch ist der Manager überzeugt: “Wir werden durch diese Situation gut hindurchkommen. Sie hat sogar den Zusammenhalt in der Firma gestärkt.”

mit dpa

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