Gastronomen fürchten chaotische Zustände – vor allem, wenn die Bundesliga wieder Fahrt aufnimmt

  • In vielen Bundesländern dürfen Cafés, Kneipen und Restaurants wieder öffnen. Doch in Corona-Zeiten gelten strenge Regelungen.
  • In der Hamburger Kultkneipe Lütt Döns waren Umarmungen und Wangenküsse gang und gäbe, ebenso wie Bundesliga-Partys, erzählt Wirt Charly Uwe Carstens.
  • Doch in Corona-Zeiten werde jetzt alles anders. Carstens hat hinsichtlich der Wiederöffnung nach der Corona-Pause Bedenken.
Ben Kendal
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Hamburg/Bad Pyrmont. Das Hamburger Kultlokal „Lütt Döns“ öffnet nach knapp zwei Monaten Corona-Pause wieder. Betreiber Charly Uwe Carstens muss – wie jeder andere Gastronom auch – dafür sorgen, dass die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. Von einem Normalzustand ist die Kneipe trotz Wiedereröffnung weit entfernt. „Gerade in meiner Kneipe war Kontakt immer sehr wichtig: Hier wird normalerweise zusammen gefeiert, sich umarmt und auf die Wangen geküsst. Jetzt wird alles anders“, sagt der 48-jährige Wirt.

Umsetzung der Corona-Auflagen wird sich als schwierig erweisen

Zwar freue Carstens sich darauf, endlich wieder öffnen zu dürfen. Doch gleichzeitig frage er sich, ob die Maßnahmen überhaupt alle umsetzbar sind. „Ich hoffe, dass ich alles richtig gemacht habe“, sagt Carstens. Der Wirt hat sich unter anderem über den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) über alle Corona-Auflagen informiert. Alle Mitarbeiter werden mit Mundschutz arbeiten, und in einer Mappe werden die Kontaktdaten der Gäste aufgenommen. Denn Gastronomen sind dazu verpflichtet, alle Gäste zu registrieren, damit die Infektionsketten nachvollzogen werden können.

Hinzu kommen weitere Corona-Auflagen: Carstens muss auf den Abstand von 1,50 Meter achten, an der Bar stehen nun nur noch drei anstelle von neun bis zehn Hockern – und im geschätzt 80 Quadratmeter großen Lokal befinden sich lediglich noch zwei Tische. Ins Lokal könne er maximal zehn Gäste reinlassen, sagt Carstens. Immerhin: Am Öffnungstag waren alle Plätze bereits reserviert. „Mein Telefon steht nicht still: Viele Stammkunden haben gefragt, ob ich wieder öffne“, sagt er. Er befürchte jedoch, dass er Gäste wieder nach Hause schicken muss, wenn es drinnen zu eng wird – und der Abstand nicht eingehalten werden kann.

Charly Uwe Carstens, Wirt der Hamburger Kult-Kneipe "Lütt Döns", sieht die Öffnung seines Ladens mit gemischten Gefühlen. © Quelle: Daniel Killy

Wirt appelliert an Gäste: Verständnis für Hygienemaßnahmen aufbringen

„Ich habe volles Verständnis für die getroffenen Maßnahmen. Wir können uns alle nur an die Empfehlungen der Virologen halten“, sagt Carstens. Der Wirt stimmt auch der Aussage des Virologen Christian Drosten zu, dass die Innenbereiche der Gastronomie häufiger gelüftet werden müssen. Unter normalen Bedingungen könnte Carstens in Corona-Zeiten jedenfalls nicht arbeiten: „Wenn sich 50 bis 60 Menschen hier versammeln, ist das eine reine Virenschleuder“, sagt er. Bei gutem Wetter könne er auch auf den Terrassen-Bereich zugreifen und dementsprechend mehr Gäste bedienen. Bedenken hat Carstens jedoch vor den Spieltagen der 1. und 2. Fußball-Bundesliga. Denn viele seiner Gäste kommen hierher, um Fußball zu schauen. Vor allem, wenn der aktuelle Zweitligist Hamburger SV spielte, stiegen hier vor der Corona-Krise noch große Partys. „Wenn das hier zu chaotisch wird, werde ich an diesen Tagen schließen müssen“, befürchtet er.

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„Die geforderten Maßnahmen kann ich gerade noch so umsetzen“, sagt Carstens. Dennoch sei es mit viel Arbeit verbunden, diese auch einzuhalten. Er rechne damit, dass er manche Gäste noch über die Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln aufklären muss. „Ich hoffe, dass sich alle an die Vorgaben halten und Verständnis dafür haben, dass wir Gastronomen diese Auflagen umsetzen müssen“, betont der Gastronom.

Aus Pavillon wird Kioskverkauf: Ausflugscafé setzt auf Außenbereich

Auch Rainer Meckes “Café am Bismarckturm” in Bad Pyrmont öffnet am Wochenende wieder. Das Ausflugscafé im Waldgebiet hat einen Innenbereich im Bismarckturm, sowie einen Biergarten und einen Pavillon, in dem vor Corona-Zeiten regelmäßig Partys und Geburtstage gefeiert wurden. Unter den Corona-Auflagen wird Mecke den Betrieb nicht wieder in ursprünglicher Form aufnehmen. „Wir haben uns dazu entschieden, aus dem Pavillon einen ,Kioskverkauf‘ zu machen. Unsere Gäste bestellen also ihren Kaffee, Kuchen oder ihre Bockwurst und verteilen sich dann mit Mindestabstand im Biergarten“, sagt Mecke.

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Der Grund: Seinen Mitarbeitern wolle er es nicht zumuten, über die gesamte Öffnungszeit einen Mundschutz zu tragen. Außerdem könne der Mindestabstand im verhältnismäßig kleinen Innenbereich kaum eingehalten werden. Innen war vor Corona-Zeiten Platz für 14 Leute, im Pavillon konnten gut 30 Menschen untergebracht werden. Im Biergarten sei auch unter den Corona-Auflagen genug Platz, um die Abstandsregeln umzusetzen. „Bei uns in der Außengastronomie stelle ich es mir noch etwas einfacher vor als bei den Kollegen, die nur einen Innenbereich haben“, betont Mecke.

Jedoch hat auch er Bedenken, was die Umsetzung der Auflagen angeht: Er hoffe, dass sich die Gäste an die Abstandsregeln halten und sich “nicht zu fünft oder zu sechst an einen Tisch setzen”. Außerdem befürchtet Mecke, dass einige Gäste nicht damit einverstanden sein werden, ihre persönlichen Daten rauszugeben. „Die Umsetzung könnte sich als schwierig erweisen. Wenn es nicht so klappt wie geplant, werden wir darüber nachdenken müssen, wieder zu schließen“, fürchtet der Gastronom.

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