Mächtig unter Dampf: Was treibt Claus Weselsky?

  • Bundestagswahlkampf? Pandemie? Für die Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer gibt es keinen Grund, im Arbeitskampf Rücksicht zu nehmen.
  • Sie kündigt die dritte Streikrunde binnen weniger Wochen an – und im Mittelpunkt steht wieder einmal GDL-Chef Claus Weselsky.
  • Was treibt den 62-jährigen Chef der ältesten deutschen Gewerkschaft an?
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Berlin. Der Gewerkschaftsboss hat für den Bahnstreik überhaupt kein Verständnis. „Die DB leidet unter den Sparzwängen der letzten Monate und Jahre. Züge fehlen und sie hat große Personalprobleme“, sagt er der „Leipziger Volkszeitung“. All das führe ohnehin schon bei den Reisenden zu Enttäuschung und Empörung. „In einer solchen Phase zu streiken, halte ich für schwierig“, meint Claus Weselsky.

Ja, genau der. Claus Weselsky, 62, bekanntester Schnurrbartträger der Republik, Sachse, CDU-Mitglied, Rächer der Lokführer und Geißel der Bahn-Manager. Der Weselsky, der gerade für seine Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL) einen Sechs-Tage-Streik bei der Deutschen Bahn (DB) angekündigt hat.

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GDL kündigt bislang längsten Streik an
1:42 min
Der Personenverkehr soll nach Angaben der GDL ab dem 2. September betroffen sein. Die Fronten zwischen Bahn und Gewerkschaft sind verhärtet.  © Reuters
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Natürlich bezog sich Weselsky nicht auf seinen eigenen Streik. Die Sätze stammen aus der vergangenen Tarifrunde. 2018 rief die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zum Arbeitskampf auf. Dabei ist die harte Linie doch eher Markenzeichen der GDL. „Wissen Sie, die EVG will vielleicht auch mal zeigen, dass sie richtig streiken kann“, ätzte Weselsky damals. „Wir hingegen müssen uns nichts beweisen.“

Keiner redet so wie Weselsky

Weselsky redet selten von „Wir“. Meist ist es ein „Ich“, ein „Ich für euch gegen die“. Seine Attacken gegen das Management der DB sind erwartbar und dennoch immer wieder neu. Der 62-Jährige ist kein begnadeter Redner, aber keiner redet so wie er. So kompromisslos. So respektlos. So sächsisch.

Am Mittwoch beginnt die Arbeitsniederlegung im Güterverkehr, ab Donnerstagmorgen bis Dienstagmorgen sollen die Räder im Personenverkehr stillstehen. Es ist die dritte Streikrunde in diesem Sommer und die erste, die ein Wochenende umfasst.

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Was hier passiert, ist nicht zu schlichten.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft deutscher Lokomotivführer (GDL)

Als nächste Eskalationsstufe wäre dann nur noch ein unbefristeter Streik denkbar.

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Weselsky führt seine dritte große Tarifauseinandersetzung. Er ist Veteran vieler Schlachten. 2007 war er als Tarifexperte am Arbeitskampf beteiligt, 2014/15 bereits als Vorsitzender. Neunmal streikten die Lokführer damals, bis schließlich die Schlichter Matthias Platzeck und Bodo Ramelow eine Einigung erzielten. Dieses Mal lehnt Weselsky eine Schlichtung ab. „Was hier passiert, ist nicht zu schlichten“, sagt er.

Ginge es nur ums Geld, würden die Verhandlungen maximal eine Nacht dauern. Aber es geht um den Einfluss im Betrieb. Es geht um die Zukunft der GDL, die befürchtet, im Konzern an den Rand gedrängt zu werden, wenn das Tarifeinheitsgesetz umgesetzt wird. Es kann also noch etwas dauern.

Diese Runde ist die Runde der Wahrheit – auch für Weselsky

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Die zweitägigen Streiks spielten der Bahn in die Hände: Sie konnte für den Notfahrplan Schichtpläne tauschen, sodass der Streik nicht sehr stark über die Kernbelegschaft der GDL – Lokführer und Zugbegleiter – hinaus wirkte. Dennoch umfasste er das ganze Land. Wichtig und mächtig sind vor allem die Fahrdienstleiter: Wird ein Stellwerk bestreikt, bleibt eine ganze Strecke gesperrt. Der Konzern sagt, dass kaum Fahrdienstleiter mitgestreikt haben.

GDL-Funktionäre kontern, dass ihre Leute im Vorfeld abgezogen wurden. Bei fünf, sechs Tagen Streik wird das schwieriger. Diese Runde ist also die Runde der Wahrheit – auch für Weselsky. Wird der Streik zum Flächenbrand im Konzern, hat er neue Argumente an der Hand, warum die GDL für eine ganze Reihe von Berufsgruppen Tarifverträge verhandeln kann. Nach Bahn-Schätzungen hat die Spartengewerkschaft nämlich nur in 16 von mehr als 300 Betrieben eine Mehrheit.

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Der Zorn der Bahnkunden, die Attacken des Boulevards, die Missmut des Managements – das alles treibt Weselsky an, putscht ihn zu neuen Wortspielen, neuen Angriffen. Das macht sonst keiner so in der konsensorientierten deutschen Gewerkschaftswelt. Weselsky kultiviert das Image des Außenseiters wie – und durch – seine Aussprache. Der erste Ostdeutsche an der Spitze einer deutschen Gewerkschaft, das bleibt und das prägt ihn.

Erst neue Zahlen, dann Gespräche – oder umgekehrt?

Die GDL lehnt Verhandlungen ab, solange die DB kein neues Angebot vorlegt. Bahnchef Richard Lutz und Personalvorstand Martin Seiler fordern die umgekehrte Reihenfolge: Erst Gespräche, dann neue Zahlen. Weselsky solle nicht beleidigt draußen stehen bleiben, sagte Lutz gerade dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Doch genau da fühlt er sich am wohlsten. Allzu souverän wirkt aber auch das Management nicht in seiner Weigerung, Zahlen auf den Tisch zu legen. Und das alles mitten im Bundestagswahlkampf und der anhaltenden Corona-Pandemie.

Volle Züge und viel Verkehr in den Bahnhöfen: Mitten in der Pandemie müssen Fahrgäste wegen der streikenden GDL-Lokführer wieder eng zusammenrücken. © Quelle: imago images/Ralph Peters

Die Züge sind wieder voll, mit Masken und flauem Gefühl quetschen sich die Fahrgäste in die voll reservierten ICEs, in die engen Pendlerzüge, es ist eine gedrückte Stimmung zwischen Routine und Unsicherheit. Ab und an wird es laut, dann bricht ein Maskenverweigerer eine Diskussion mit dem deutlich öfter präsenten Sicherheitspersonal vom Zaun.

Millionen Fahrgäste müssen wieder aufs Auto umsteigen

Die Bahn ist wieder da, aber es macht wenig Spaß, mit ihr zu fahren. Wenn sie fährt. Zu Pandemiezeiten sind Millionen Menschen aufs Auto umgestiegen, die Bahn fuhr leere Züge durch die Gegend und Verlust ein. 15-mal mehr Menschen fahren Auto als Bahn. In den nächsten Streiktagen werden es notgedrungen noch Millionen mehr sein. Die Bahn will die Fahrgastzahlen im Fernverkehr verdoppeln, will den Schalter wieder umlegen auf Verkehrswende und den Kampf gegen den Klimawandel – und die GDL ruft: Habt ihr da nicht jemanden vergessen? Die Menschen, die eure Züge steuern?

Ein windiger Nachmittag zwischen der ersten und der zweiten Streikrunde: Weselsky steht vor dem Bahntower am Potsdamer Platz in Berlin, um ihn herum die Kollegen Gewerkschaftschefs des Deutschen Beamtenbundes (dbb), zu dem die GDL gehört. Auf dem Platz gibt es zwei Sorten Pflaster: Das helle ist öffentlicher Grund, hier ist die Kundgebung angemeldet.

Keiner redet so wie er: Claus Weselsky, Chef der GDL, nimmt an einer Protest-Kundgebung der Lokführer-Gewerkschaft GDL vor dem Bahn-Tower am Potsdamer Platz teil. © Quelle: Wolfgang Kumm/dpa

Das dunkle Pflaster ist Privatgelände der DB, Sicherheitsleute des Konzerns halten sich im Hintergrund. „Kommt alle auf das helle Pflaster, auf dem dunklen dürfen und wollen wir nicht stehen“, ruft Weselsky durchs Megafon.

Weselsky spricht von „persönlichen Angriffen“ in den Medien

Seine Provokation folgt strengen Regeln. Und am liebsten steht er draußen, auf der Bühne, im Wind und umgeben von Getreuen, die zu ihm aufschauen. Weselsky, heller Trenchcoat über dunklem Anzug, spricht von den „persönlichen Angriffen“ in den Medien, er ruft: „Ich habe das 2014/15 ausgehalten, ich halte das 2021 aus, und wenn nötig, noch ein drittes Mal – und der einzige Grund, der mich das aushalten lässt, ist eure unglaubliche Solidarität!“

Wir Lokführer gegen den Rest der Welt – und an der Spitze ich, Weselsky, gegen das Establishment. So funktioniert die Rhetorik des GDL-Chefs. Aber ist die Welt so, wie sie ihm gefällt?

„Bei der letzten Streikrunde war es heftig. Dieses Mal werden wir fair behandelt und finden viel Unterstützung“, sagt ein regionaler GDL-Verantwortlicher. Bei den neun Streikrunden vor sechs Jahren gingen die Attacken gegen Weselsky zum Teil tief in den persönlichen Bereich – seine Scheidung, seine Wohnverhältnisse, sein Wochenendhaus waren Thema im Boulevard, „Bild“ nannte ihn den „Größen-Bahnsinnigen“.

Gut die Hälfte der Deutschen lehnt den Streik ab

Nach einer Umfrage, die der Bahn-Arbeitgeberverband in Auftrag gegeben hat, lehnt gut die Hälfte der Deutschen den aktuellen Streik ab (56 Prozent), ein Drittel findet ihn angemessen, 12 Prozent sind unentschieden. Aus dem Drehbuch „Weselsky gegen das ganze Land“ wird ein weniger spektakuläres „Weselsky gegen das halbe Land“.

Das Bahn-Management immerhin ist dünnhäutig genug, um Weselsky in die Hände zu spielen. Vor zehn Jahren lehnte er den Posten des Personalvorstands ab, seitdem war klar: Hier lässt sich einer nicht einfangen. „Wie Herr Weselsky in dieser Situation agiert und vor allem wie er redet, ist absolutes Gift für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Eisenbahnerfamilie“, sagte Bahn-Chef Lutz jetzt dem RND.

Und was antwortet Weselsky, das Enfant terrible dieser alten Familie? „Es geht uns gelinde gesagt am Steiß vorbei, was dieser Vorstandsvorsitzende sagt.“ Die Bahn führe „einen Krieg gegen ihre eigenen Mitarbeiter, den sie nicht gewinnen kann“.

Die Eisenbahnerfamilie. Ein großes Wort. Gab es sie mal, gibt es sie noch? „Die große Eisenbahnerfamilie ist durch die Bahnreform zerschlagen“, sagt Volker Krombholz, GDL-Bezirksvorsitzender Nordost in Berlin. „Aber in den Teilbereichen, bei Cargo, bei Regio, im Fernverkehr, bei der S-Bahn – da gibt es immer noch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Nur beim Streik finden alle Bereiche wieder zusammen – im Streiklokal. Diesmal ganze sechs Tage.

Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn. © Quelle: Florian Gaertner/photothek.de

Eine Liebeserklärung an die Bahn

Vielleicht hilft es, die ganze Sache einmal von außen betrachten zu lassen. Von Jaroslav Rudis zum Beispiel. Der tschechische Schriftsteller hat ein Buch übers Bahnfahren geschrieben, es erscheint demnächst. „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ (Piper Verlag) heißt der irreführende Titel, „Liebeserklärung an die Bahn“ würde es besser treffen. Ob Claus Weselsky mit dem Buch etwas anfangen kann, ist unklar.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Rudis jedenfalls an Bord geholt, als er vergangene Woche mit dem Zug zum Staatsbesuch in Tschechien aufbrach. Rudis kommt aus einer Eisenbahnerfamilie, er wollte Lokführer werden, doch er war zu kurzsichtig für den Aufnahmetest bei der einstigen tschechoslowakischen Staatsbahn. „Ich liebe meinen Beruf“, das sagt in seinem Buch ein verträumter Schaffner in einer hessischen Regionalbahn. „Auf dieser Strecke kenne ich jeden Baum“, fährt der Schaffner fort.

„Für viele Eisenbahner ist das nicht einfach nur ein Beruf, es ist eine Berufung“, sagt Rudis. Als Schriftsteller interessieren ihn nicht die Schnellfahrstrecken und die Umsteigeknoten des künftigen Deutschlandtakts, ihn interessieren die Menschen im Kosmos Bahn. „Man vergisst, dass hinter dieser ganzen Technik in einer Lok immer noch Menschen sitzen – und dass das immer noch ein sehr anspruchsvoller Beruf ist“, sagt Rudis.

Vielleicht sollten Richard Lutz und Claus Weselsky einmal gemeinsam zu einer Lesung von Jaroslav Rudis kommen.

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