Erneuerbare: Ökostromanteil liegt in diesem Jahr bisher bei 53 Prozent

  • Bisher konnten die Erneuerbaren 53 Prozent des gesamten Strombedarfs in Deutschland 2020 decken.
  • Doch wenn die Klimaziele bis 2030 erreicht werden sollen, muss die Produktion der grünen Energie noch weiter gesteigert werden.
  • Durch den Corona-Lockdown erhöhte sich der Anteil des Ökostroms jedoch automatisch.
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Die Erneuerbaren stellen einen Rekord nach dem anderen auf, wenn es um den Anteil am Strommix geht. So wurde mit Wind, Sonne und Biomasse in den ersten neun Monaten des Jahres ein Anteil von knapp 53 Prozent am erzeugten Strom erreicht – das haben Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für solare Energiesysteme (ISE) ergeben. Dennoch muss die Produktion von grüner Elektrizität noch deutlich gesteigert werden, um die deutschen Klimaziele für 2030 zu erreichen.

Gutes Wetter begünstigte die Ökostromgewinnung

Die ISE-Datenplattform Energy Charts zeigt, dass die Windenergie ihre Rolle als Rückgrat der hiesigen Stromversorgung weiter ausgebaut hat. Die Mühlen haben gut ein Viertel (26,3 Prozent) der Elektrizität geliefert, die in die öffentlichen Netze eingespeist wurde. Mit deutlichem Abstand (15,3 Prozent) folgt die Braunkohle, die wegen immenser CO₂-Emissionen hoch umstritten ist. Solar-, Atom- und Steinkohlestrom rangieren mit jeweils gut 12 Prozent auf den folgenden Plätzen.

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Im gesamten Vorjahr lag der Erneuerbaren-Anteil noch bei 46 Prozent. Ein Grund für die deutliche Steigerung auf 53 Prozent von 360 Milliarden Kilowattstunden ist günstiges Wetter. Insbesondere im Februar wehte eine ziemlich steife Brise. Zeitweise sicherten die Windräder fast die Hälfte der deutschen Stromversorgung. Zudem gab es in diesem Jahr bislang ungewöhnlich viele Sonnenstunden.

Corona-Krise senkte Energieverbrauch – aber trieb Ökostromnachfrage voran

“Auch Corona hat deutlich spürbare Auswirkungen”, erläutert der ISE-Wissenschaftler Bruno Burger. Mit dem bundesweiten Lockdown sackte im April und Mai der Stromverbrauch deutlich ab. Dadurch erhöht sich der Anteil des Ökostroms quasi automatisch. Denn die Energie, die von Windrädern oder Solaranlagen erzeugt wird, hat bei der Einspeisung Vorrang. Die konventionellen Kraftwerke müssen sich hinten anstellen und kommen bei sinkendem Bedarf weniger zum Zug.

Burger macht auf einen weiteren Corona-Effekt aufmerksam, der dem Klimaschutz zugutekam: Weniger Stromnachfrage bedeutete auch, dass die Großhandelspreise in den Keller gingen. Zugleich sind die Zertifikate für CO₂-Emissionen – sie werden an den Energiebörsen gehandelt – inzwischen relativ teuer. Sie kosteten nach Burgers Berechnungen in diesem Jahr im Monatsdurchschnitt zwischen 19 und gut 28 Euro pro Tonne.

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Niedrige Strom- und hohe CO₂-Preise schlugen vor allem bei Braunkohlekraftwerken durch: Die Betreiber konnten mit ihrem Strom im April und Mai vielfach kaum noch Geld verdienen. Viele Anlagen wurden heruntergefahren. In den beiden Monaten wurden jeweils nur 4,2 Milliarden Kilowattstunden eingespeist (ein Standardhaushalt verbraucht 4000 Kilowattstunden pro Jahr). “Die Zahlen machen deutlich, dass der Zertifikatehandel funktioniert und dem Klimaschutz hilft”, so Burger. Seine Energy-Charts zeigen: Bei Preisen von konstant etwa 40 Euro pro Tonne würde der Ausstoß des Klimakillergases in großem Stil gedrückt – was einer Art vorgezogenem Kohleausstieg gleichkäme.

Preise für elektrische Energie sind gestiegen

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Inzwischen hat sich die Lage allerdings wieder zugunsten der Kohlekraftwerke verschoben. Vor allem weil der Stromverbrauch wieder fast auf das Normalmaß von vor Corona gestiegen ist, aber auch weil weniger Wind weht als zu Beginn des Jahres. Elektrische Energie ist teurer geworden, die CO₂-Preise sind aber nur moderat gestiegen. Das Resultat: 7,7 Milliarden Kilowattstunden wurden im September eingespeist.

Auch beim Bruttostromverbrauch haben die Erneuerbaren in den neun Monaten neue Höchstmarken erreicht (es wird auch die Energie erfasst, die Kraftwerke und Unternehmen für sich selbst erzeugen, Exporte werden abgezogen). Hier liegt der Erneuerbaren-Anteil laut Energieverband BDEW bei 48 Prozent. Das sind 6 Prozentpunkte mehr als in den ersten drei Quartalen von 2019 und 10 Punkte mehr als 2018.

Ziel der Bundesregierung ist aber, bis 2030 bei dieser Kennziffer eine Quote von 65 Prozent zu erreichen. Bis dahin sei es noch ein weiter Weg, betont BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae. Sie macht darauf aufmerksam, dass in der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes die 65 Prozent sich auf einen “kaum veränderten Stromverbrauch” beziehen. Was unrealistisch sei. Denn in zehn Jahren würden zehn Millionen E-Autos unterwegs sein, und der Strombedarf am Wärmemarkt werde steigen.

Ausbau der Windenergie stockt

Hinzu kommt, dass der Ausbau ausgerechnet bei der Windenergie ins Stocken kommt. Die Bundesnetzagentur teilte gerade mit, dass bei der jüngsten Ausschreibung für Windräder an Land eine Gesamtkapazität von 367 Megawatt offeriert wurde. Mangels Masse bei den Geboten konnten aber nur 284 Megawatt vergeben werden. Andreae fordert nun verstärkte Anstrengungen von der Politik zur Ausweisung von Standorten für Windräder.

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Auch dürften die Landesregierungen keine pauschalen Abstände von Siedlungen für die Anlagen festlegen, denn dadurch könnten viele nutzbare Flächen verloren gehen. Der Bundesverband Windenergie (BWE) verlangt, dass die “nicht bezuschlagten Mengen” erneut angeboten werden, ansonsten vergrößere sich die Ökostromlücke weiter. Auch müssten Hemmnisse bei Genehmigungen beseitigt werden. Besonders ärgerlich sind für BWE-Präsident Hermann Albers die aus seiner Sicht unnötig großen Abstände für Windräder von den Funkfeuern für die Luftfahrt, wodurch allein 4000 Megawatt Windenergie blockiert würden.

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