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  • EM 2021: Lieferando verspricht Finaltickets für London − und verärgert Gewinner

„Fühlen uns von Lieferando verarscht“: Wie der EM-Hauptsponsor zwei Finalticket-Gewinner verärgert hat

  • Mit einem virtuellen Glücksrad-Gewinnspiel zur Fußball-EM lockt Hauptsponsor Lieferando Hunderttausende Kunden.
  • Bei zwei Hauptgewinnern jedoch verflog die Freude schnell: Lieferando versprach zwei EM-Finaltickets für London plus Reise und Hotel.
  • Zuvor müssten sie dort jedoch zehn Tage in Quarantäne. Auf eigene Kosten. Auf RND-Nachfrage will Lieferando nun einen Ersatzpreis vergeben.
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Es gab Pizza mit Büffelmozzarella, Bresaola und Rucola an diesem Abend, über Lieferando bestellt und frisch geliefert von einem Frankfurter Italiener. Holger Paur (39), sein Ehemann Sebastian (37) und zwei Freundinnen saßen auf dem Balkon, guckten EM-Fußball und aßen. Nebenbei öffnete Paur seine E-Mails und drehte am virtuellen Lieferando-Glücksrad. Hunderttausende Kunden können aktuell an diesem Gewinnspiel des EM-Hauptsponsors teilnehmen, wenn sie zuvor für mehr als 5 Euro bestellt haben. Zu gewinnen sind meist Verzehrgutscheine, aber auch Spielekonsolen oder EM-Tickets. Auch Paur hatte sein Glück zuvor schon mehrfach versucht. Bisher vergeblich.

Paur drehte. Und stutzte. Gewonnen. „Glückwunsch!“, stand auf seinem Smartphone. „Du hast gewonnen! Du erhältst: 2 Tickets für das Finale in London am 11. Juli 2021″. „Mein Mann sagte: ‚Du willst mich verarschen?!‘“, erzählt Paur. Aber er hatte tatsächlich gewonnen: zwei Tickets plus zwei Hotelübernachtungen und Reisekosten nach London im Wert von 5000 Euro. Der Hauptgewinn.

Zehn Tage Quarantäne in London – auf eigene Kosten

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„Ich habe noch nie etwas gewonnen“, sagt Paur, der als Projektmanager bei einem Autovermieter arbeitet. „Wir haben uns wahnsinnig gefreut – endlich mal etwas Positives nach Kurzarbeit, Lockdown, Corona und dem ganzen Mist.“ Innerhalb von 48 Stunden rief er die angegebene Hotline an, um den Gewinn zu akzeptieren. Dort war man freundlich, erwähnte aber ein Detail, das die Freude der beiden Hauptgewinner erheblich trübte: Paur und sein Mann müssten leider vor dem EM-Finale zehn Tage in London in Corona-Quarantäne – und zwar auf eigene Kosten. Selbst Drei-Sterne-Hotels kosten in London derzeit bis zu 300 Euro pro Nacht.

Hauptsponsor bei der Fußball-EM: Lieferando-Bandenwerbung im Stadion in Bukarest während des Achtelfinalspiels Frankreich gegen die Schweiz mit dem französischen Nationalspieler Presnel Kimpembe beim Elfmeterschießen. © Quelle: Getty Images

Schnell war klar: Das rechnet sich nicht. Zehn Tage in Quarantäne in der englischen Metropole, nach der Rückkehr dann noch einmal 14 Tage in Quarantäne in Deutschland – keine Chance. „Natürlich kann auch Lieferando nichts dafür, dass Corona sich wieder ausbreitet“, sagt Paur. „Ich habe Verständnis für die Planungsschwierigkeiten wegen der Pandemie.“ Aber: „Diese Krise gibt es ja nicht erst seit gestern. Das hätte ja allen klar sein müssen. Ich hätte schon erwartet, dass es einen Plan B gibt.“

„Es gibt leider keine Auszahlung“

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Doch auf diese Situation sei der EM-Hauptsponsor überraschend schlecht vorbereitet gewesen, sagt Paur. Eine Kompensation oder einen Ersatzpreis bot man zunächst nicht an. An der Hotline sei man zwar verbindlich im Ton, aber hart in der Sache gewesen. Es bestehe keinerlei Anspruch auf einen Ersatz, hörte er dort. „Das ist ja ein interessanter Hauptgewinn“, sagt er ironisch. „Wir hätten sogar Zeit, wir würden die Reise gern machen, wir sind sogar beide schon komplett durchgeimpft – aber man sagte uns: Nein, es gibt leider keine Auszahlung oder einen Ausgleich.“

Das Ergebnis: Frust statt Freude. „Das ist schon lustig“, sagt Paur. „Es ist immerhin der Hauptgewinn im großen EM-Gewinnspiel eines UEFA-Sponsors. Da hätte ich lieber einen 5-Euro-Gutschein gewonnen als diesen vergifteten Hauptpreis. Ich fühle mich von Lieferando verarscht.“ Stattdessen bot man ihm an, die Finaltickets auf zwei Personen zu übertragen, die in London leben und daher nicht in Quarantäne müssten. So wie Paur und seinem Mann dürfte es aktuell vielen Lieferando-Kunden gehen, die sich fragen: EM-Finaltickets in London zu gewinnen? Wie soll das funktionieren?

Lieferando verspricht „eine angemessene Lösung“

Paur schrieb eine E-Mail an den Kooperationspartner Sportfive, der die Ticketvergabe für Lieferando abwickelt. Er bekam die Antwort, man bitte um Geduld. Weitere Informationen zur Abwicklung gebe es erst „sechs Tage vor dem Spieltag“. Sechs Tage vor dem Finale? „Eine Zehn-Tage-Quarantäne wäre damit auch hinfällig“, sagt Paur. Wie soll das passen? „Da gewinnst du – und kriegst gar nichts.“ Sein Verdacht: Lieferando setze gern auf den Imagegewinn durch sein großes EM-Gewinnspiel, zeige bei der Umsetzung dann aber keinen großen Ehrgeiz. „Das ist Fake. Damit verarscht Lieferando die Leute, die man mit einem solchen Gewinnspiel vielleicht ja auch animiert, bei Lieferando zu bestellen statt bei der kleinen Pizzeria direkt.“

"Im ständigen Austausch mit der UEFA": Das Logo des Lieferdienstes Lieferando auf dem Bildschirm eines Smartphones. © Quelle: picture alliance / Andreas Franke

Auf Nachfrage hieß es bei Lieferando, man bedauere sehr, „dass die Einreisebeschränkungen seitens Großbritannien für Reisende aus Deutschland verlängert wurden, eine 10-tägige Quarantänepflicht mit sich ziehen und unsere Gewinner von Tickets für das Finale der EURO 2020 am 11. Juli in London damit beeinträchtigen“. Die Firma befinde sich „im ständigen Austausch mit der UEFA, um für die Fans eine angemessene Lösung zu finden“, sagte ein Sprecher dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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„Beschränkungen sind nachvollziehbar“

Die Beschränkungen seitens der britischen Regierung aufgrund steigender Zahlen der Delta-Variante des Coronavirus, seien „nachvollziehbar, um das Infektionsgeschehen weiter unter Kontrolle zu halten und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten“, teilte Lieferando weiter mit. Anders als per Mail oder an der Hotline stellte der Konzern Holger Paur und seinem Ehemann aber eine Kompensation in Aussicht: „Sollte eine Teilnahme am Finale nicht möglich sein, so stellen wir den Gewinnern einen Ersatzgewinn aus – in individueller Absprache mit diesen.“ Das Frankfurter Ehepaar wartet nun auf weitere Informationen.

Lieferando ist seit 2005 Teil der Muttergesellschaft Just Eat Takeaway.com mit Sitz in Amsterdam und lobt sich selbst auf seiner Internetseite für seinen „herausragenden Kundenservice“. Der Bestellvermittler mit mehr als 5000 Mitarbeitern und rund 50.000 angeschlossenen Restaurants ist unter verschiedenen Namen in zwölf europäischen Ländern aktiv: Belgien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich – dazu in Israel, Kanada und Vietnam.

Immer wieder Kritik an Lieferando

Kritik gibt es immer wieder an den schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter sowie an der hohen Provision: Lieferando kassiert in aller Regel 13 Prozent von jeder Bestellung – sogar, wenn das Restaurant die Bestellung selbst ausliefert. Daran, dass der Konzern seine Marktmacht ausnutzt, kann kein Zweifel bestehen. Die Vorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges, tadelte im Februar im Bayerischen Rundfunk die „nahezu monopolistischen Strukturen“ der Firma. Sie führten zu einer „brutalen Abhängigkeit“ der Gastronomen.

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Allein in Europa wickelte der 1999 gegründete Konzern im Vor-Corona-Jahr 2019 mehr als 120 Millionen Bestellungen pro Monat ab. Diese Zahl dürfte in der Corona-Krise sprunghaft angestiegen sein. Das Sponsoring der EM werde „unsere Reichweite erhöhen und Takeaway.com weiter als führenden Markennamen in Europa etablieren“, sagte Jitse Groen, CEO von Takeaway.com, bei der Bekanntgabe der Sponsorenvertrags mit der UEFA. Während der Vorrundenspiele in München testete Lieferando auch einen Am-Platz-Service für Fans in der Allianz Arena.

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