Einzelhandel: Miese Stimmung in den Innenstädten – und etwas Hoffnung

  • Die Corona-Beschränkungen werden Schritt für Schritt gelockert, doch die Shoppinglust der Deutschen will einfach nicht anspringen.
  • Der Handel leidet und rechnet bereits mit vielen Pleiten.
  • Aber es gibt auch Zahlen, die Hoffnung machen.
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Hannover. Bis zur Normalität ist es noch ein langer, beschwerlicher Weg. Doch Martin Prenzler ist optimistisch, dass sich die Innenstädte schon bald wieder beleben könnten – und die Kunden mehr Geld ausgeben. “Wenn wir bei der Corona-Bekämpfung keinen Rückschlag erleben, dann könnten wir vielleicht im Juli wieder auf Normalhöhe sein”, sagte der Chef der City-Gemeinschaft, einem Zusammenschluss der Hannoveraner Händler, der “HAZ”.

Im Umkehrschluss heißt das aber auch: Bis in den Sommer hinein müssen die Geschäfte in der niedersächsischen Landeshauptstadt mit weniger Umsatz zurechtkommen. Auf Hannovers Einkaufsmeile – der Georgstraße– sind zwar inzwischen wieder mehr Menschen unterwegs. Passantenzählungen haben ergeben, dass im Vergleich zu Mitte April doppelt so viele Menschen in der City sind. Doch von Konsumlaune kann keine Rede sein. Millionenfache Kurzarbeit, die Angst vor Arbeitslosigkeit und ein beispielloser Einbruch der Wirtschaftsleistung sorgen dafür, dass die Kunden das Geld zusammenhalten – und das nicht nur in Hannover.

Die Wirtschaft bricht ein, vor allem der Handel leidet unter Corona

Bundesweit sind die Innenstädte weit von den Umsatzzahlen aus der Vor-Corona-Zeit entfernt. Entsprechend groß ist der Frust. Die Wirtschaft in Deutschland ist im ersten Quartal um 2 Prozent geschrumpft. Das ist bemerkenswert, da Corona erst im März, also dem letzten Monat des Quartals, die Bundesrepublik erreicht hat. Vor allem auf den Einzelhandel schlug die Pandemie mit voller Wucht durch. Im Gegensatz zur Industrie waren die Geschäfte zu einer vier- bis fünfwöchigen Zwangspause verdonnert. Deutschlands Innenstädte waren bis zum 20. April, dem Ende der Zwangsschließungen, nahezu verwaist.

Umfrage: Ein Drittel der Händler sieht Existenz “massiv bedroht”

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Und jetzt scheint sich zu bewahrheiten, was Handelsvertreter befürchtet haben: Auch mit der Wiedereröffnung ist die Krise noch lange nicht vorbei. Im Gegenteil: Der Branche steht eine schwere Zeit bevor – mit ungewissem Ausgang. So hat der Handelsverband Deutschland (HDE) in einer Umfrage ermittelt, dass jedes dritte Unternehmen seine Existenz “massiv bedroht” sieht – und daher auf weitere Staatshilfen angewiesen ist. “Der Einzelhandel leidet nach wie vor massiv an schwachen Umsätzen und unter geringen Kundenfrequenzen”, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. An der Branchenumfrage des Verbands haben 600 Händler teilgenommen, bei einem Drittel liegen die Umsätze derzeit bei maximal 50 Prozent des Vorjahreszeitraums. Ein weiteres Viertel erlöse zwischen 50 und 75 Prozent. “Es werden nur Bedarfskäufe getätigt, mehr nicht”, fasst HDE-Vertreter Genth die Lage zusammen.

Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet auch eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), wonach sich jeder zehnte Einzelhändler in Deutschland von Insolvenz bedroht sieht. Von den 10.000 im Mai befragten Firmen gab ein Drittel an, so stark von der Krise betroffen zu sein, dass sie Personal abbauen müssten. Die Unternehmen leiden unter der eingebrochenen Nachfrage bei gleichbleibend hohen Kosten. 78 Prozent der Einzelhändler rechnen mit einem Umsatzrückgang. “Dieses Ergebnis ist erschreckend”, sagte Ilja Nothnagel von der DIHK-Hauptgeschäftsführung der “Rheinischen Post”.

Nur halb so viele Menschen in den Innenstädten

Die Händler in den Fußgängerzonen haben gleich mit mehreren Problemen zu kämpfen. Auch nach den zahlreichen Corona-Lockerungen sind in den Innenstädten nur halb so viele Kunden wie üblich unterwegs. Insbesondere ältere Menschen – also Corona-Risikopatienten – meiden die City. Ebenfalls geschäftsmindernd wirken sich die staatlichen Auflagen aus, wonach je nach Bundesland nur ein Kunde pro zehn oder 20 Quadratmeter in die Läden darf. Für den April, als die meisten Geschäfte wochenlang geschlossen waren, erwartet der HDE gar die schlechtesten Umsatzzahlen seit dem Zweiten Weltkrieg.

Und so verwundert es nicht, dass die Branche inzwischen immer energischer nach weiteren Staatshilfen ruft. “Die Konsumstimmung liegt nach wie vor am Boden”, zitiert die Deutsche Presse-Agentur aus einem HDE-Schreiben an Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD). Darin fordert die Branche ein Konjunkturpaket mit Überbrückungshilfen, einem Innenstadtfonds und Digitalisierungszuschüssen. Um den Konsum anzukurbeln, schlägt der Verband zudem “Konsumschecks” für alle Bürger vor. Eine ähnliche Idee hatten in der vergangenen Woche bereits Handwerk-, Industrie- und Handelskammern in Sachsen ins Spiel gebracht. Die Gutscheine könnten vor allem für Branchen ausgegeben werden, die von der Corona-Krise besonders hart betroffen seien, hieß es.

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GfK-Konsumklimaindex steigt – auf niedrigem Niveau

Wie fragil die Lage ist, zeigt auch ein Blick auf das Konsumklima. Für Juni hat das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK den Wert auf minus 18,9 Punkte festgelegt. Das sind zwar 4,2 Punkte mehr als im Mai – aber es ist noch immer der zweitniedrigste Wert, der jemals für das Konsumklima in Deutschland gemessen wurde, teilte die GfK am Dienstag mit. Die Verunsicherung unter den Konsumenten sei weiter hoch. “Sie sehen die deutsche Wirtschaft bei Weitem noch nicht über den Berg und eine schwere Rezession auf sich zukommen”, sagt GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl. “Darauf müssen sich Händler und Hersteller weiter einstellen.”

Sparkassenpräsident sieht keine Kreditklemme

Allerdings gibt es zwischen all den Negativszenarien auch erste Zeichen, die Hoffnung machen. Nach dem Rekordtief von 74,2 Punkten im April ist der Ifo-Geschäftsklimaindex zuletzt auf 79,5 Zähler gestiegen – und damit stärker als erwartet. Im Interview mit der “Süddeutschen Zeitung” hat Sparkassenpräsident Helmut Schleweis außerdem unlängst betont, dass Liquidität für die Unternehmen sichergestellt sei – und somit keine Kreditklemme drohe. Das alles ist zwar noch keine Trendwende. Aber zumindest ein Indiz dafür, dass es – wie nach jeder Krise bisher – auch diesmal wieder aufwärts geht, der Wachstumsmotor anspringt. Und die Deutschen dann auch die Lust am Shoppen wiederentdecken.

Mit Material von dpa


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