So könnten die Innenstädte gerettet werden

  • Die Corona-Pandemie macht dem deutschen Handel mächtig zu schaffen.
  • Wirtschaftsminister Altmaier lädt deshalb zum Einzelhandelsgipfel im September.
  • Doch die Probleme gehen über die Pandemie hinaus, wie ein Blick ins Detail zeigt.
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Hannover. Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) will Anfang September auf einem Einzelhandelsgipfel mit Vertretern der Branche darüber diskutieren, wie die Verödung von Innenstädten bekämpft werden kann. Wir erläutern, was es braucht, um die immer wieder beschworene Magnetwirkung zu erzielen.

Wie schlecht geht es dem Einzelhandel?

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Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes geht es dem Einzelhandel wieder besser. Real lagen die Umsätze im Juni (Inflation wurde herausgerechnet) 5,9 Prozent höher als vor einem Jahr und 1,4 Prozent über dem Wert vom Februar – also bevor die Corona-Krise durchschlug. Beim Blick auf die verschiedenen Sektoren ergibt sich ein differenziertes Bild. So erzielte der Versand- und Onlinehandel mit einem Plus von 30,7 Prozent massive Zuwächse. Der Handel mit Textilien, Schuhen und die Verkäufe in Waren- und Kaufhäusern gingen aber um rund 16 Prozent zurück – die Einbußen haben genau die Sektoren getroffen, die in den Citys lokalisiert sind. Und Einkaufen sei für die meisten Menschen der Hauptgrund, um in die Innenstädte zu kommen, so Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE). Die Lobby warnt vor Pleiten, die die Leerstände erhöhen und zu einem Niedergang vieler Zentren führen könnten.

Warum schaltet sich Wirtschaftsminister Altmaier nun in die Diskussion ein?

Der HDE macht massiv Druck und fordert die Einrichtung eines Innenstadtfonds, der mit 500 Millionen Euro bestückt werden soll. Altmaier reagiert hierauf und will für Anfang September zu einem Einzelhandelsgipfel einladen. Doch er hat der Deutschen Presseagentur schon gesagt, dass es “weniger darauf ankomme, immer neues Geld zu verteilen, sondern darauf, die Attraktivität der Innenstädte zu stärken”. So gelte es etwa für kleinere Schuh- und Modeläden, Kundenbeziehungen zu digitalisieren: Es müsse möglich sein, beispielsweise ein Markenhemd beim Einzelhändler der Wahl online bestellen zu können.

Kann Altmaiers Vorschlag Läden retten?

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Es kann ein Element sein – die Verknüpfung von E-Commerce und stationärem Handel hat durch die Corona-Krise an Bedeutung gewonnen. Modegiganten wie H&M und Inditex (Zara) haben dafür Investitionen in Milliardenhöhe eingeplant. Kleinen Läden fehlt es vielfach an finanziellen und logistischen Kapazitäten, um beispielsweise eigene Webseiten zu betreuen und den Versand zu organisieren. Die Immobilienwirtschaft sieht in Altmaiers Vorstoß aber bestenfalls einen Teil der Lösung. “Der Onlinehandel greift seit mehr als zehn Jahren die Konsumausgabenanstiege der Verbraucher ab”, sagte Carolin Hegenbarth, Bundesgeschäftsführerin des Immobilienverbandes, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Viele Einzelhändler haben bereits darauf reagiert, indem sie einen Teil ihrer Services nur noch online anbieten und ihren Flächenbedarf reduzieren. Insofern beschreibt der Vorstoß vom Bundeswirtschaftsminister einen Trend, der dem Ladensterben in den Innenstädten in gewisser Weise Einhalt gebieten könnte”, so Hegenbarth.

Andreas Ibel, Präsident des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmer, äußert sich verhaltener. “Eine grundlegende Digitalisierung auch bei kleinen Läden ist ein ‘Muss’, kein ‘Kann’”, sagte er dem RND. “Eine solche Einzelmaßnahme wird jedoch keinesfalls die Verödung der Innenstädte aufhalten.” Hier bedürfe es eines ganzen Bündels an Maßnahmen, die die Kommunen in Kooperation mit dem Handel und der Gastronomie anpacken müssten, so Ibel weiter. Dazu zählten flexiblere Öffnungszeiten, kostenfreie Parkplätze, bessere Anbindung durch den Nahverkehr sowie unbürokratische Lösungen bei der Nutzung öffentlicher Flächen für Gastronomie. “Covid-19 hat eine Entwicklung beschleunigt, die sich schon seit Jahren abgezeichnet hat”, sagte Ibel. “Jetzt gilt es, alle Kräfte zu bündeln, damit es nicht zu einer Kettenreaktion kommt. Denn eine gute Lage wird mit jeder Schließung unattraktiver.”

Was setzt den Händlern in den Städten neben Onlinekonkurrenz und Corona noch zu?

Konsens unter den Experten ist, dass ein grundlegender Strukturwandel im Einzelhandel stattfindet, der durch massive Veränderungen im Verhalten der Kundschaft angetrieben und durch Corona verstärkt wird. Und das betrifft nicht nur kleine inhabergeführte Läden, sondern auch Filialisten und Warenhausbetreiber: So verliert das gezielte Einkaufen in der City an Bedeutung, es geht vielmehr um das Erlebnis von Urbanität, zu dem auch der Besuch von Cafés, Bistros oder Museen gehören kann. Und Warenhäuser wie Kaufhof und Karstadt sind zudem besonders durch Spezialanbieter (H&M, Zara und Co.) bedroht.

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“Dieser Strukturwandel lässt sich nicht stoppen”, sagte Christian Schulz-Wulkow von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. “Es macht deshalb keinen Sinn, Geschäftsmodelle zu konservieren, die sich überholt haben”, betont er mit Blick auf die Krise der Warenhäuser – Galeria Karstadt Kaufhof will rund 50 Standorte dichtmachen. “Und die restlichen Häuser müssen sich entsprechend an die Nachfrage anpassen.”

Was bedeutet der Wandel für die Innenstädte?

Auch hier geht die Entwicklung in verschiedene Richtungen. In Großstädten besteht nach wie vor ein extrem hoher Druck durch steigende Ladenmieten. Das bedeutet, die Produktivität von Flächen muss erhöht werden. Das kann die vielfach beklagte Verdrängung von alteingesessenen Fachgeschäften durch Flagshipstores mit sich bringen. Es könne, so Schulz-Wulkow, aber auch bedeuten, dass an Warenhäuser angeschlossene Parkhäuser abgerissen und durch Büros ersetzt werden.

In frei gewordenen Flächen in den Warenhäusern selbst könnten großflächige Coworking-Büros, Fitnessstudios oder Restaurants entstehen. Denkbar sei bei Neukonzeption von Standorten in Großstädten auch, dass sich in den unteren Geschossen noch Einzelhandelsgeschäfte befinden, in den Stockwerken darüber könnten beispielsweise auch Hotels entstehen – mit einer Bar auf dem Dach. Generell gilt, dass die Nutzungsänderungen der Immobilien in B- und C-Lagen deutlicher ausfallen werde als in der Haupteinkaufsstraße.

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Wie sieht es in kleinen und mittelgroßen Städten aus?

Hier ist die Aufgabe der Konversion um ein Vielfaches komplizierter als in Großstädten. Der HDE etwa sieht besonders in Mittelstädten die Gefahr von Leerständen, die dann in Abwärtsspiralen münden können. Unter den Experten herrscht Einigkeit, dass hier die Kommunalpolitik stark gefragt ist, die gemeinsam mit Immobilienbesitzern Quartierslösungen erarbeitet. Ziel müsse sein, so Schulz-Wulkow, eine Magnetwirkung zu erzielen und die Aufenthaltsqualität zu steigern: “Das kann auch bedeuten, dass dort zusätzlich die Stadtbibliothek, das Bürgeramt oder andere kommunale Einrichtungen angesiedelt werden.” Zudem sei es entscheidend, dorthin Einzelhandelskonzepte zu bringen, für die eine dauerhafte Nachfrage bestehe.

Was fordert der Handelsverband?

Die 500 Millionen Euro sollen in drei Töpfe aufgeteilt werden. Einer soll den Kommunen helfen, Innenstadtkonzepte zu entwickeln. Mit dem zweiten will der HDE ein bundesweit einheitliches Leerstandskataster aufbauen lassen. Und mit dem dritten Topf soll eine aktive Ansiedlungspolitik der Kommunen gefördert werden – inklusive der Möglichkeit des Vorkaufsrechts von Immobilien, um bestimmte Nutzungen zu erreichen.

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