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Durchsetzung der Maskenpflicht: Gewerkschaften berichten von Drohungen und Angriffen

  • Nach dem Tod eines Tankstellenkassierers warnen Gewerkschaften vor Gewalt gegen Beschäftigte.
  • Die Durchsetzung der Maskenpflicht ist demnach für Angestellte oft ein Risiko.
  • Auch appellieren Gewerkschafter, umsichtig mit Kassiererinnen und Kassierern umzugehen.
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Hannover. Ganz am Anfang der Pandemie hielt Angela Merkel eine Fernsehansprache, in der sie sich auch an die Beschäftigten im Handel wandte: „Danke, dass Sie da sind für Ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten“, sagte die Bundeskanzlerin.

Auf den Tag genau anderthalb Jahre später ist einer dieser Alltagshelden erschossen worden. Der Tankstellenkassierer aus Idar-Oberstein hatte zuvor einen Kunden auf die Maskenpflicht hingewiesen – eine Aufgabe, die offenbar für viele Beschäftigte in Dienstleistungsberufen zur Bürde geworden ist.

Beim Handelsverband Deutschland herrschte am Dienstag Entsetzen: „Auch wenn es vereinzelt uneinsichtige Kunden geben mag, ist das Maskentragen nach mehr als einem Jahr zur Gewohnheit geworden, das nur noch extrem selten zu Konflikten führt“, erklärte Stefan Genth, Geschäftsführer beim Handelsverband Deutschland.

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„Umso sprach- und fassungsloser macht die Tat von Idar-Oberstein. Die Gedanken und das Mitgefühl der gesamten Branche sind bei den Angehörigen, Freunden und Kollegen des Opfers dieser Gewalttat“, sagte Genth dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Beschimpfungen, Drohungen und Angriffe

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Weniger sprachlos sind Beschäftigte und Gewerkschaften, vor allem bei den sogenannten personenbezogenen Dienstleistungen. Denn es sind die einfachen, meist weiblichen und oft migrantischen Angestellten, die Maskenpflicht und Co etwa in Geschäften und Zügen durchsetzen müssen. Wie häufig sie deshalb angegangen werden, ist nach Auskunft des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) bislang nicht erfasst worden. Einschlägige Erfahrungen machen Beschäftigte und Gewerkschafter allerdings immer wieder.

Da ist Sascha Armat*, der in einem kleinen Kleidungsgeschäft in Norddeutschland arbeitet. Während der Pandemie sei die Arbeit jeden Tag eine Belastung gewesen, sagt er. Armat kann von Kunden berichten, die auf Masken als „die neuen Judensterne“ schimpften, ihn der „Merkel-Mafia“ zurechneten und ihn bedrohten – weil er sie auf die im Geschäft geltende Maskenpflicht hingewiesen hatte.

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Idar-Oberstein: Mann nach Streit um Maskenpflicht erschossen
1:12 min
Ein Kassierer in einer Tankstelle wird von einem Mann erschossen, nachdem er ihn auf die Maskenpflicht hingewiesen hat.  © dpa

„Wir hören von Beschäftigten, dass immer wieder Kunden laut werden, drohen oder sogar handgreiflich werden“, sagt Orhan Akman, Leiter des Fachbereichs Handel der Gewerkschaft. „Und dann sitzt da jemand an der Kasse und ist dem ausgeliefert.“

200 Körperverletzungen allein bei der Bahn

Die Eisenbahnerverkehrsgewerkschaft (EVG) hat bislang verhindert, dass Zugpersonal die Einhaltung von 3-G-Regeln kontrollieren muss. Bei Kundinnen und Kunden hat sich die Gewerkschaft damit unbeliebt gemacht, doch die EVG hält die Kontrollen „eindeutig“ für eine zusätzliche Belastung. Etwa 200 vollendete Körperverletzungen im Kontext von Corona-Regeln habe es 2020 bei der Deutschen Bahn gegeben, teilte die EVG dem RND mit.

Dabei warnen Sicherheitsbehörden schon länger, dass die Gegner der Corona-Regeln zu Gewalt greifen. Der Hintergrund des Schützen von Idar-Oberstein ist bislang aber nicht geklärt. Klar ist, warum der Tankstellenkassierer für ihn zum Feindbild wurde: Das Opfer schien „verantwortlich für die Gesamtsituation, da es die Regeln durchgesetzt habe“, sagte Oberstaatsanwalt Kai Fuhrmann.

Weder befugt noch vorbereitet

Viele Beschäftigte sind dazu aus Sicht der Gewerkschaften weder befugt noch darauf vorbereitet. „Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter haben betriebliche Aufgaben, aber keine hoheitlichen. Sie haben auch gar nicht die Möglichkeit und sind nicht dafür ausgestattet, die Maskenpflicht in den Zügen durchzusetzen“, erklärt die EVG. „Eine Verkäuferin hat keine Ordnungsbefugnis, sie ist weder Polizistin noch beim Sicherheitsdienst“, sagt Verdi-Funktionär Akman.

„Die Unternehmen haben eine Fürsorgepflicht, sie dürfen die Beschäftigten nicht mit verunsicherten oder aggressiven Kunden allein lassen“, betont er. Eine Lösung sei zusätzliches Personal, gegebenenfalls auch Sicherheitsleute. In eine ähnliche Richtung gehen die Forderungen der EVG. Sie will, dass behördliche Anordnungen wie die Maskenpflicht oder die 3-G-Regelung auch von Behörden – etwa der Bundespolizei – umgesetzt werden.

Verdi appelliert an Kundinnen und Kunden

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Doch vorerst sind weder verstärkte Einsätze von Sicherheitspersonal noch von Polizisten absehbar. Akman appelliert deshalb auch an Kundinnen und Kunden: „Die Pandemie ist für alle eine Herausforderung, seien Sie umsichtig gegenüber den Beschäftigten. Wenn eine Verkäuferin um das Tragen einer Maske bittet, geht es um den Schutz aller.“

*Name von der Redaktion geändert

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