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Chemiebranche besonders betroffen

Drohender Gasmangel: Warum es den Osten und Süden Deutschlands härter treffen würde

Lampen beleuchten die Total Raffinerie in Leuna. An dem 1300 Hektar großen Chemiestandort sind bisher laut Betreibergesellschaft Infraleuna Öl und Gas die Energie- und Rohstoffbasis. In den Firmen arbeiten 12.000 Menschen.

Berlin. Selten zuvor haben so viele Menschen aus so unterschiedlichen Branchen auf einen einzigen Tag geblickt wie an diesem Donnerstag. Nimmt Russland die Gaslieferungen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 wieder auf? Bleibt der Gashahn zu? Oder findet das Regime in Moskau einen neuen Vorwand, um die Liefermenge zu drosseln? Von der Antwort auf diese Fragen hängt entscheidend ab, wie sich die deutsche Wirtschaft in den nächsten Monaten und vermutlich auch Jahren entwickeln wird.

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Seit Wochen laufen in den Unternehmen die Vorbereitungen für den Ernstfall. Industriekonzerne machen eingemottete Ölbrenner wieder fit, Kohleöfen erfahren ein Revival. Wer kann, weicht auf Alternativen zum Gas aus.

Der Darmstädter Pharma- und Technologiekonzern Merck etwa sieht sich für einen möglichen Gasmangel inzwischen gerüstet. „Wir sind darauf vorbereitet, dann unsere Produktionsprozesse unter anderem auf Erdöl zu verlagern“, sagte Vorstandschefin Belén Garijo der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Zugleich verringere man die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern.

Bundeskanzler Scholz warnt vor „Renaissance der fossilen Energien“

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Sie sei „ziemlich zuversichtlich, dass wir weiterhin Medikamente liefern können“, führte Garijo aus. Merck habe sich mit Rohstoffen eingedeckt. So habe man auch den Kauf von Öl vorweggenommen. Allerdings hänge es auch von der Dauer der Engpässe ab, wie gut das Unternehmen die Umstellung schaffe, schränkte die Managerin ein.

Abseits von Strom und Wärme wird es schwierig

Bei der Erzeugung von elektrischem Strom und Wärme ist der Umstieg vergleichsweise einfach – wenn alte Feuerungstechniken noch nicht abgebaut worden sind. Kompliziert wird es für Unternehmen, die Gas nicht einfach verbrennen, sondern es als Rohstoff für ihre Produktion nutzen.

Das betrifft vor allem die chemische Industrie, die mit einem Anteil von 15 Prozent am Gesamtmarkt der größte Gasverbraucher des Landes ist. Fast 30 Prozent des von Chemieunternehmen eingekauften Gases wird stofflich verwertet, etwa bei der Produktion von Plastik, Kunstdünger oder Zusätzen für Farben und Lacke.

„Für unsere Unternehmen gilt, dass wir aktuell noch einmal alles geben, um auch die allerletzten Gaseinsparpotenziale zu heben“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI). Allerdings sei auf herkömmlichem Weg nicht mehr viel zu holen, da die meisten Unternehmen ihre Produktionsprozesse wegen steigender Energiekosten und strengerer Klimaschutzauflagen schon in der Vergangenheit auf Effizienz getrimmt hätten, räumt der Verbandsvertreter ein.

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Etwa 2 Prozent des Gasverbrauchs könne die Branche noch durch den Einsatz alternativer Brennstoffe wie Heizöl und Kohle einsparen. Danach geht es ans Eingemachte. „Weitere Einsparungen gehen nur über Drosselung oder Verzicht bei der Produktion“, warnt Große Entrup. Der Verbandsvertreter appelliert an die Gesellschaft, diesen Schritt durch die vermehrte Einsparung von Gas zu vermeiden und so die mehr als 500.000 Arbeitsplätze in der Chemiebranche zu sichern. „Jetzt ist jeder gefordert.“

Im Osten und Süden wäre die Lage schlechter

Sollte der Ernstfall eintreten, rechnet der VCI nicht mit einem sofortigen deutschlandweiten Gasmangel, sondern erwartet eher eine schrittweise Verknappung, die sich regional unterschiedlich auswirken könne. Der Osten und der Süden der Republik wären stärker betroffen als der Westen und der Norden.

Zum einen liegt das daran, dass im Fall eines Lieferstopps von Russland an den Übergabestellen im Osten und Süden kein Gas mehr ankommen würde, während über die Niederlande und perspektivisch über die geplanten LNG-Terminals an den Seehäfen immer mehr Gas nach Deutschland strömen würde. Zum anderen ist der Süden auch mit Speichern deutlich schlechter ausgestattet.

Robert Habeck im RND-Interview: „Es wäre fatal, Büros bis 23 Uhr zu heizen und ganze Industriezweige zu zerstören“

Mit Spannung war deshalb erwartet worden, welche zusätzlichen zwei Standorte die Bundesregierung für schwimmenden Flüssiggasterminals (FSRUs) ins Auge fasst, die der Bund am Weltmarkt angemietet hat. Bereits bekannt war, dass die zwei noch in diesem Jahr zur Verfügung stehenden Spezialschiffe in Wilhelmshaven und Brunsbüttel festgemacht werden. Für zwei weitere Schiffe sind nun ebenfalls die Standortentscheidungen gefallen. Eines wird nach Stade in Niedersachsen gehen, das andere nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern, wo auch die Nord-Stream-Pipeline anlandet.

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Der Standort Stade soll nach Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums ab Ende 2023 zur Verfügung stehen. In Lubmin könnte es noch ein wenig länger dauert. Allerdings hat sich ein privates Betreiberkonsortium ein fünftes FSRU-Schiff gesichert, das noch in diesem Jahr bei Lubmin vor Anker gehen soll.

Wirtschaftsminister Robert Habeck bezeichnete das als „sehr gute Nachricht“. „Damit können wir die Menge, die angelandet werden kann, noch mal erhöhen und so die Versorgungssituation verbessern“, sagte der Grünen-Politiker.

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