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Drei Frauen entwickeln gendergerechte Spielkarten: „Warum ist die höchste Karte männlich?“

  • Samantha Schwickert, Jana Fischer und Carolin Bach wollen mit einem Kartenspiel für mehr Gleichberechtigung sorgen.
  • Egal, ob Bube, Dame oder König, ihre Spielfiguren widersprechen den gängigen Klischees.
  • Die Frauen wollen so auch auf ihre Workshops aufmerksam machen, die die Bedeutung von Diversität am Arbeitsplatz, in der Schule und Uni erhöhen sollen.
Marc R. Hofmann
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Kiel. Beim Termin im Changelab in der Alten Mu, einem Quartier für Künstler und Kreative unweit der Kieler Innenstadt, sitzen die drei Gründerinnen lässig auf einem Sofa. Die Stimmung ist gelöst, fast, als säßen wir in der WG, in der die drei Frauen zusammen leben. Lediglich ein Deck Spielkarten auf dem Tisch, ein rotes Pik-Logo und der Schriftzug „Spielköpfe“ auf ihren T-Shirts lassen erahnen, worum es in unserem Gespräch gehen wird.

Sie vertreiben gendergerechte, diverse und nachhaltig produzierte Spielkarten. Wie sind Sie darauf gekommen?

Samantha Schwickert: Die Idee kam mir im Urlaub beim Doppelkopf-Spielen mit männlichen Freunden. Vorher hatte ich mich schon länger mit Bildsprache in den Medien beschäftigt. Auf den Karten sind jedoch nur weiße Menschen und die höchste Karte ist männlich. Das ist kein Spiegel unserer Gesellschaft mehr.

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Carolin Bach zeigt die gendergerechten und diversen Spielkarten. Nachhaltig produziert sind sie auch. © Quelle: Frank Peter

Wie werden die Karten bisher angenommen?

Carolin Bach: Über unseren eigenen Onlineshop und den Avocadostore bekommen wir fast täglich Bestellungen. Die verpacken wir zweimal in der Woche selbst.

Schwickert: Deutschlandweit gibt es unsere Karten in ungefähr 35 Geschäften. Dort werden sie auch gut angenommen, denn die Händlerinnen und Händler bestellen nach.

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Jana Fischer: Inzwischen haben wir schon dreimal nachproduziert und mindestens 8000 Spiele verkauft.

Gibt es auch Gegenwind, etwa Menschen, die fragen, warum ein Spiel divers sein sollte?

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Fischer: Einige Leute sehen darin keinen Sinn. Online bekommen wir sogar Hasskommentare. Verrückt ist: Die ersten davon kamen schon, bevor es das Spiel überhaupt zu kaufen gab.

Wie gehen Sie damit um?

Bach: Wir haben einen eigenen Ordner für Hassnachrichten in unserem Mailpostfach. Wer eine Mail als Erstes sieht, schiebt sie da rein, damit sie die anderen nicht lesen müssen. Nur wenn wir dazu in der Laune sind, lesen wir uns manchmal welche vor. Zu Herzen nehmen darf man sich das aber nie.

Schwickert: Wenn wir solche Beleidigungen an den Kopf geworfen bekommen, geht das nicht spurlos an uns vorüber. Wir haben deswegen schon vor der Gründung dafür gesorgt, dass unsere Adresse und unsere Handynummern nicht im Internet stehen. Darüber müssen sich die meisten männlichen Gründer bestimmt keine Gedanken machen.

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Fischer: Vor zwei Wochen haben wir den ersten sexualisierenden Kommentar bekommen. Da es um das männliche Geschlechtsteil ging, wollen wir nun Geld an eine Organisation spenden, die sich für die Rechte von Transmenschen einsetzt. So bewirkt er wenigstens etwas Gutes.

Nach Zahlen des Bundesverbands Deutscher Start-ups sind weniger als 16 Prozent der deutschen Gründer weiblich. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bach: Gründen ist sehr männlich konnotiert. Wir arbeiten jetzt in der Starterkitchen, einem Co-Working-Raum in Kiel, und da sind bisher auch nur vereinzelt weibliche Teams zu finden. Diese alten Rollenbilder halten Frauen davon ab, zu gründen.

Was machen Unternehmerinnen besser als ihre männlichen Kollegen?

Schwickert: Sie treffen tendenziell überlegtere Entscheidungen und gründen eher Start-ups im sozialen oder nachhaltigen Bereich. Dort ist der Unterschied in der Anzahl der Gründerinnen und Gründer auch nicht so groß. Außerdem belegen Studien, dass ihre Unternehmen seltener scheitern. Denn wer sich am Anfang weniger zutraut, handelt auch überlegter und vorsichtiger. So kann ein scheinbarer Nachteil zu einem Vorteil werden. Ein Problem ist aber, dass sich die Debatte bisher fast nur um Frauen dreht. Dabei gründen auch Menschen mit Migrationshintergrund viel seltener. Oder mit Realschulabschluss.

Welche Möglichkeiten der Förderung gibt es speziell für Gründerinnen und solche mit einem diversen Hintergrund?

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Fischer: Ich kenne kaum Programme, die sich speziell an Frauen oder diverse Teams richten. Das Bewusstsein dafür wächst aber gerade.

Bach: Aktuell ist es so, dass weiße Männer am liebsten weiße Männer fördern. So sind auch die Jurys besetzt. Die geben tendenziell am ehesten den Leuten Geld, die ihnen ähnlich sind. Dabei sollte Diversität zumindest ein Kriterium sowohl für die Besetzung der Jurys als auch der Förderung sein.

Schwickert: Uns ist bewusst, dass wir herausstechen, weil wir drei Frauen sind. Das kann auch mal ein Vorteil sein, gleicht die Nachteile aber noch nicht aus. Der Mainstream ist noch männlich.

Haben Sie denn selbst schon Benachteiligung erlebt?

Fischer: Zum einen natürlich die Hasskommentare, die bei uns Frauen teilweise auch sexualisierend werden. Manchmal haben wir auch das Gefühl, mit unserem Produkt nicht ganz ernst genommen zu werden.

Bach: Bei der Preisverleihung eines Ideenwettbewerbs zum Beispiel ist mein Freund erst später dazu gekommen. Und hinterher wurde er angesprochen, wo es denn die Kartenspiele gibt.

Schwickert: Wir hatten kein Problem, einen geförderten Platz in einem Co-Working-Raum zu bekommen. Aber es macht schon etwas mit uns, dort oft die einzigen Frauen zu sein. Was wir sagen, wird anders wahrgenommen. Das kann sowohl ein Vor- als auch ein Nachteil sein. Jedenfalls sind wir immer in einer besonderen Rolle.

Neben dem Kartenspiel geben Sie auch Workshops, die sich mit Kritik im Netz auseinandersetzen und Frauen Tipps zur Gründung geben sollen. Was hat es damit auf sich?

Fischer: Es geht darum, unsere Themen über das Produkt hinaus in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen und so auf Benachteiligung aufmerksam zu machen.

Schwickert: Dabei hatten wir von Anfang an auch Lust auf Beratung, Workshops und Bildung. Wir wollen mit unserem Unternehmen Gendergerechtigkeit, Diversität und Nachhaltigkeit fördern. Und dazu sind die Spielkarten nur ein Kanal.

Was würde Ihnen und anderen diversen Gründerinnen und Gründern das Leben erleichtern?

Schwickert: Diversität und Gendergerechtigkeit sollten Mainstream werden. Noch sind die Ausschreibungen aber oft so verfasst, dass sie für viele abschreckend wirken. Da werden Durchsetzungsvermögen und Einsatzbereitschaft gefordert. Das können Frauen auch, aber sie identifizieren sich damit oft weniger. Eigenschaften wie Teamfähigkeit und Empathie sprechen hingegen viel mehr Frauen an.

Das sind die Spielköpfe

Samantha Schwickert (26) kommt aus Wiesbaden (Hessen) und hat vor Gründung der Spielköpfe Physik an der Uni Hamburg studiert.

Jana Fischer (27) ist in Bietigheim-Bissingen (Baden-Württemberg) aufgewachsen und war in Reutlingen an der Business School.

Carolin Bach (27) kommt aus Fleckeby (Schleswig-Holstein) und hat in Lüneburg einen Abschluss in Umweltwissenschaften gemacht.

Heute studieren die drei Frauen in Kiel auf Master Sustainability, Society and the Environment (SSE) an der Christian-Albrechts-Universität. Zum Programm des Studiengangs gehört es, Gründungsideen zu entwickeln.

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