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  • Digitalisierung in Deutschland: Nicht alle Firmen können mithalten - vielen Unternehmen fehlt das Geld

Digitaler Weckruf stößt an Grenzen – hemmt die Pandemie die Digitalisierung?

  • Die Pandemie treibt die Digitalisierung der deutschen Industrie eigentlich voran, da sind Experten sich einig.
  • Aber nicht alle Firmen in Deutschland können da mithalten.
  • Mancherorts verhindert nun fehlendes Geld die Digitalisierung, die eigentlich so dringend nötig ist.
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Digitalexperte Achim Berg beschreibt ein Dilemma. „Die gute Nachricht ist, die Unternehmen wollen Digitalisierung vorantreiben, aber die schlechte Nachricht ist, längst nicht alle sind dazu in der Lage“, sagt der Chef des IT-Branchenverbands Bitkom. Er zieht damit die Bilanz einer Studie um den Stand der Digitalisierung in der gesamten deutschen Wirtschaft. Die Coronakrise habe vielen Firmen digitale Defizite schonungslos vor Augen geführt. So hätten sich noch 2019 fast vier von zehn heimischen Betrieben als digitale Vorreiter gesehen und gut fünf von zehn eher als Nachzügler. Im November 2020 steht eine andere Erkenntnis. Im Licht der Pandemie sieht sich nur noch gut jedes vierte deutsche Unternehmen als digitaler Vorreiter, über sieben von zehn räumen Defizite ein.

Fehlendes Geld verhindert die Digitalisierung

Von daher wäre digitales Aufrüsten geboten, aber vielfach ist das Gegenteil der Fall. Denn jedes vierte Unternehmen gibt an, dass man Investitionen in Digitalisierung zurückfahren musste, weil Geld fehlt oder es gar ans Eingemachte geht. Knapp ein Drittel der Unternehmen hat dem Bitkom verraten, eher oder sehr wahrscheinlich wegen der Pandemie Insolvenz anmelden zu müssen.

„Wir gehen nicht davon aus, dass wirklich jeder Dritte pleite geht und das eher ein Ausdruck negativer Stimmung ist“, relativiert Berg. Aber selbst, wenn es am Ende nicht so schlimm kommt, bremst auch gefühlte Existenznot eine Digitalisierung des eigenen Unternehmens zur falschen Zeit. Zwei von drei befragten Unternehmen stellen klar, dass krisenbedingt fehlendes Geld die eigene Digitalisierung derzeit verhindert.

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Nur jedes zehnte Digitalunternehmen sieht sich als Krisengewinner

Als Folge rechnet mehr als jedes sechste deutsche Unternehmen laut Bitkom-Studie damit, geschwächt aus der Pandemie hervorzugehen. Als mutmaßlicher Corona-Gewinner sieht sich nur eines von zehn heimischen Unternehmen. Berg macht dabei auf deutliche Unterschiede hinsichtlich der Firmengröße aufmerksam. Je größer ein Unternehmen ist, desto geringer seien die Pleiteängste. Auf der anderen Seite habe nur eine von zehn Firmen bis zu hundert Mitarbeitern angegeben, Investitionen in die eigene Digitalisierung jüngst erhöht zu haben. „Es droht eine digitale Spaltung der deutschen Wirtschaft“, folgert Berg daraus und appelliert an pessimistische Firmen.

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„Es darf jetzt keine Resignation geben, wir müssen an die Arbeit gehen“, macht er Mut. Die Politik habe wirtschaftlich gut auf die Pandemie reagiert und finanzielle Hilfen bereitgestellt. Die müssten auf Firmenebene nun gezielt in Digitalisierung gesteckt werden. „Die Firmen dürfen nicht mehr abwarten, sie müssen reagieren“, rät Berg.

Ifo: Firmen müssen Digitalisierungspotentiale besser nutzen

Auch das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung sieht hierzulande brachliegende Digitalisierungspotentiale. Dazu hat sich Ifo-Experte Oliver Falck mit Homeoffice eines der Hauptinstrumente der Digitalisierung genauer angesehen. Zwar würden drei von vier deutschen Firmen das mittlerweile nutzen, was sich mit Bitkom-Erkenntnissen deckt. Aber effektiv von zu Hause aus gearbeitet hätten in der ersten Corona-Welle hierzulande nur gut ein Drittel aller Beschäftigten. Das sei zwar mehr als das Viertel, das 2018 in einer Studie ermittelt wurde. Aber homeofficefähig seien im Schnitt aller Branchen mit 56 Prozent noch viel größere Teile der bundesweiten Belegschaften, betont Falck.

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Ungenutzte Homeoffice-Kapazitäten gebe es vor allem bei Banken und Versicherungen, wo fast 90 Prozent des Personals von zu Hause aus arbeiten könnten. Ähnliches gelte für Energieversorger oder öffentliche Verwaltung, während beispielsweise oft gescholtene Lehrkräfte ihr Homeofficepotential viel weiter ausschöpfen würden. Falck widerspricht auch der These, dass Arbeiten in den eigenen vier Wänden die Uhr zurückdreht und vor allem Frauen wieder zurück zum Herd zwingt.

Es seien vor allem Väter und weniger Mütter gewesen, die hierzulande in der ersten Corona-Welle ins Homeoffice gegangen sind, obwohl das Potential dafür bei Müttern größer sei, stellt Falck klar. Wie Bitkom rät auch Ifo Firmen, Digitalisierungspotentiale besser zu nutzen. Falck kann belegen, dass sich das wirtschaftlich auszahlt. In deutschen Landkreisen mit hohem Homeofficeanteil sei die Zahl an Kurzarbeitern am niedrigsten. Diese Erkenntnis müsse man für die jetzige zweite Corona-Welle nutzen und Homeoffice anbieten, wo immer es möglich ist.

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