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Zeuge im Dieselskandalprozess: Befehle kamen “von ganz oben”

  • Fünf Jahre nach Aufdeckung des VW-Dieselskandals wird der erste deutsche Strafprozess in dieser Sache geführt.
  • Zwei Mitangeklagte erheben dabei schwere Vorwürfe gegen Ex-Manager und den VW-Aufsichtsrat.
  • Ein mitangeklagter Audi-Techniker erklärt im Prozess, dass die Befehle “von ganz oben” kamen.
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Falls VW geglaubt haben sollte, im Dieselbetrugsskandal schon alles überstanden zu haben, könnte sich das noch als Irrtum herausstellen. Darauf deuten schon die ersten Worte eines Verteidigers im Münchner Betrugsprozess um manipulierte Abgassoftware hin. Es ist der dort mitangeklagte Motorenentwickler Giovanni P., den Rechtsanwalt Walter Lechner vertritt. Dessen Erklärungen machen klar, dass sich sein Mandant als Kronzeuge sieht und im auf gut zwei Jahre angesetzten Mammutverfahren nicht zu einem Bauernopfer werden will. “Die Anweisungen kamen von Vorgesetzten und ganz oben”, lässt P. über seinen Anwalt ausrichten. Damit gemeint ist die Order, Software so zu manipulieren, dass Abgasgrenzwerte, wenn auch nur auf dem Prüfstand, eingehalten werden.

Audi-Techniker: Techniker sollten als Alleinschuldige gelten

Mitangeklagte bestreiten alles. Das sind der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler und der frühere Leiter der Audi-Motorenentwicklung Wolfgang Hatz. Letzteren beschuldigt auch die Staatsanwaltschaft, von den kriminellen Machenschaften gewusst und sie abgesegnet zu haben. Ersterer soll nicht verhindert haben, dass Schummeldiesel nach dem Auffliegen des Skandals im September 2015 weiter hunderttausendfach verkauft wurden.

Aber die Vorwürfe des Audi-Technikers aus der mittleren Führungsebene gehen noch viel weiter. Sie richten sich auch an die Rechtsanwaltskanzlei Jones Day, die im Abgasbetrug Audi-intern ermittelt hat und an den VW-Aufsichtsrat. Jones Day habe keine ehrliche Aufklärung betrieben und an die Staatsanwaltschaft nur gefilterte Wahrheiten weitergereicht, erklärte Lechner. Das habe zum Ziel gehabt, einen kleinen Kreis von Technikern als allein Schuldige zu brandmarken und Topmanager von jedem Mitwissen freizusprechen. Diese Linie habe der VW-Aufsichtsrat vorgegeben. “Deshalb ist Strafvereitelung zu prüfen”, sagt Lechner.

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Rupert Stadler, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Audi AG, sitzt im Gerichtssaal im Landgericht München. Fünf Jahre nach Aufdeckung des VW-Dieselskandals wird der erste deutsche Strafprozess in dieser Sache fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft hat mehrere Personen wegen manipulierter Abgaswerte bei Dieselmotoren des Betrugs angeklagt. Der Prozess soll bis Dezember 2022 dauern. © Quelle: Matthias Schrader/Pool AP/dpa

Von den Anwälten der in München mitangeklagten Topmanager äußert sich zuerst der von Hatz. “Herr Hatz hat nicht veranlasst, dass Software manipuliert wurde, und das auch nicht gebilligt”, erklärt Verteidiger Gerson Trüg. Die Behauptungen des Kronzeugen Giovanni P. seien unwahr. Es gebe dafür keine Beweise außer der Aussage des Mannes, der sich dabei auf ein Telefonat mit Hatz bezieht.

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Schriftliche Anweisungen zum Betrug existieren in der Tat nicht. Das muss nicht heißen, dass es sie nicht gab. Im gesamten VW-Konzern sei bestimmt worden, schriftliche Anweisungen zu vermeiden, wenn es um heikle Themen gehe, sagt Verteidiger Lechner. Sein Mandant sei seinerzeit auch von Jones Day vernommen worden und habe dabei für Vorgesetzte belastendes Material übergeben wollen. Die internen Audi-Ermittler hätten die Annahme aber verweigert. Andere Dokumente habe Jones Day in den Räumen der Anwaltskanzlei verwahrt, um sie nicht Staatsanwälten in die Hände fallen zu lassen.

“Alle wussten Bescheid”

Auch der Verteidiger des mitangeklagten Audi-Abgasspezialisten Henning L. stellt den seinerzeitigen Aufklärungswillen von Audi und der Konzernspitze infrage. Die ersten Monate sei per Salamitaktik nur zugegeben worden, was nicht mehr zu verleugnen war, sagt dessen Anwalt Maximilian Müller. In einem entscheidenden Punkt macht sein Mandant aber eine anderslautende Aussage als Giovanni P. Demnach habe es keine aktive Entscheidung zum Betrug gegeben. Das sei vielmehr eine schleichende Entwicklung gewesen, nachdem das Softwareteam von Henning L. erkannt habe, dass die Vorgaben der Manager anders nicht zu erfüllen seien. Davon seien die Vorgesetzten aber informiert worden, die den Einsatz der Betrugssoftware dann freigegeben hätten, lässt auch der zweite Kronzeuge erklären. “Alle wussten Bescheid”, unterstreicht Verteidiger Lechner.

Verteidiger betonen hierarchische Audi-Firmenkultur

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Beide Anwälte betonten die hierarchische Audi-Firmenkultur der damaligen Zeit, die keinen Widerspruch geduldet und eigene Entscheidungen unterer Ebenen unterbunden habe. Sie sehen ihre Mandanten als bessere Befehlsempfänger, was diese in den nächsten Prozesstagen auch durch ausführliche eigene Aussagen belegen wollen. Sogar eine Powerpoint-Präsentation hat einer der beiden Ingenieure angekündigt.

Hatz will sich ähnlich umfangreich erklären und damit seine Unschuld beweisen. Völlig unschuldig sieht auch Thilo Pfordte als Stadlers Anwalt seinen Mandanten. Alle Vorwürfe seien unzutreffend. Wie der Hatz-Verteidiger kritisierte auch er Staatsanwälte, unfair ermittelt und nicht einmal vor einem Abhören von Stadlers Telefon zurückgeschreckt zu haben. Belauscht haben die Ermittler dabei angeblich, dass der damalige Audi-Chef einen gegenüber der Justiz allzu auskunftsfreudigen Audianer intern habe kaltstellen wollen, was Stadler in Untersuchungshaft brachte. Richter Stefan Weickert dürfte es nicht leicht fallen, aus dem Wust gegenseitiger Schuldzuweisungen die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen.

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