Dieselskandal: Für VW gibt es keinen Schlussstrich

  • Frühere Topmanager zahlen Millionen für den Dieselskandal.
  • Gemessen am Schaden kommen sie günstig weg.
  • Aber die Wurzeln des Versagens reichen ohnehin tiefer, meint Stefan Winter.
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Hannover. Vor fast sechs Jahren brachte der Dieselskandal den größten Autohersteller der Welt ins Wanken, und schon lange will man bei VW nur noch eins: einen Schlussstrich. Das Unternehmen ist längst mit anderen Themen beschäftigt und hält die Vergangenheit für bewältigt.

Deshalb waren die Schadensersatzforderungen gegen die frühere Konzernspitze vor allem eine Pflichtübung. Und deshalb ist es für Martin Winterkorn und seine Ex-Kollegen finanziell auch glimpflich abgegangen: Man wollte fertig werden in Wolfsburg. Nun zahlt jeder aus eigenen Mitteln in der Größenordnung eines früheren Jahresgehalts. Das ist kein Taschengeld, aber weit weg vom Ruin, dem der Konzern immerhin nahe war.

Wer sich auf Winterkorn als Oberschurken im Dieseldrama festgelegt hat, mag das zu billig finden. Allerdings rechnet VW zu Recht vor, dass die 30 Milliarden Euro, die der Betrug bisher gekostet hat, weder bei Managern noch bei Versicherungen zurückzuholen wären. Und härter trifft es die einst gefeierten Männer ohnehin, dass sie öffentlich erledigt sind. Die härteste Strafe für Winterkorn werden die Auftritte vor dem Braunschweiger Landgericht ab September sein – egal, wie das Urteil später lauten mag.

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Vor allem aber sollte die Fixierung auf Winterkorn nicht vom Systemversagen bei Volkswagen ablenken. Erfolg mit allen Mitteln, autoritäre Führung und Topmanager ohne Rückgrat, Selbstbewusstsein bis zur Selbstgefälligkeit – all das waren branchenweit bekannte VW-Merkmale und Treiber des Betrugs.

Winterkorn, keine Frage, passte in dieses System und hat es jahrelang mitgeprägt. Aber er hat es nicht geschaffen. Winterkorn kam gerade erst ins Amt, als VW-Ingenieure in den USA 2006 oder 2007 begannen, mit Software zu tricksen. VWs Kulturprobleme wurzeln tiefer und enden nicht mit Schlussstrichen.

Im Konzern hat man sich inzwischen auf die Erzählung verständigt, dass der Dieselskandal mit einem Neuanfang endete. Es stimmt schon: Elektrifizierung und Vernetzung – ohne das große Erdbeben hätte man sie in Wolfsburg wohl erfolgstrunken verschlafen.

Das Wichtigste daran sind nicht einmal Technologien, sondern Menschen: Neue Partnerunternehmen und Tausende neue Beschäftigte, die nichts vom Wolfsburger Kosmos wissen, kommen ins Haus und erzwingen den Kulturwandel. Und in den Assessment-Centern für den Aufstieg zum Führungskreis empfiehlt sich ein weiterer Eignungstest: Nur wer es wagt, dem Chef zu widersprechen, wird befördert. Aber vielleicht kämen dann zu wenige durch.

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