Dieselprozess: Ex-Audi-Chef Stadler weist Vorwürfe zurück

  • Ex-Audi-Chef Rupert Stadler hat im Dieselprozess die Betrugsanklage zurückgewiesen.
  • Ihm zufolge sind die Audi-Techniker die wahren Schuldigen des Dieselbetrugsskandals.
  • Auch dem Vorwurf, er habe als Audi-Chef intern ungenügende Aufklärung veranlasst, widerspricht Stadler.
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München. Rupert Stadler drängt großes Mitteilungsbedürfnis. Schon um acht Uhr morgens bei Minusgraden begehrt er Einlass in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Stadelheim in München. Dort wird seit dreieinhalb Monaten die Mitschuld von Audi am Dieselskandal des Mutterkonzerns VW verhandelt. Vier Angeklagte stehen vor Gericht. Stadler ist der Ranghöchste. Der silbrig ergraute Ex-Chef der VW-Tochter findet schließlich einen sich für ihn öffnenden Nebeneingang, um seine rund dreistündige Erklärung an diesem 20. Verhandlungstag vorzubereiten. Sie wird frei sein von jedem Schuldbewusstsein, aber dafür abrechnen mit der Staatsanwaltschaft und Audi-Techniker als die wahren Schuldigen des Dieselbetrugsskandals brandmarken.

Für Stadler ist es nur die „Dieselthematik“

Dieses Wort kommt dem 57-jährigen aber nicht einmal über die Lippen. Er nennt das kriminelle Tun bis heute „die Dieselthematik“. Die Vorwürfe, mit denen sich Stadler vor dem Oberlandesgericht München konfrontiert sieht, sind im Vergleich zu denen seiner drei Mitangeklagten relativ harmlos. Während das Trio, bestehend aus zwei Audi-Technikern und Ex-Vorstand Wolfgang Hatz, beschuldigt wird, an der Entwicklung und Verwendung der Betrugssoftware beteiligt zu sein, soll es Stadler lediglich unterlassen haben, den Verkauf manipulierter Dieselautos zu unterbinden, obwohl er von darin verbauter Betrugssoftware wusste.

Das bestreitet der monoton vom Blatt vorlesende Oberbayer entschieden. Von manipulierten Dieselmotoren in den USA will er durch Audi-Techniker erstmals Mitte November 2015 informiert worden sein, von in der EU auf den Markt gebrachten Motoren mit illegaler Abschaltvorrichtung für die Abgassteuerung erst im Sommer 2016. Die wahren Schuldigen sind für Stadler andere. „Hätten verantwortliche Entwickler die Hose heruntergelassen, wären viele Probleme der von ihnen verursachten Salamitaktik vermeidbar gewesen“, klagt er.

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Dieselskandal: Ex-Audichef sagt erstmals vor Gericht aus
1:27 min
Rupert Stadler erklärte, er habe in Zeiten des Dieselskandals sehr viel Stress gehabt und keine Erinnerung, mit dem Problem konfrontiert gewesen zu sein.  © Reuters
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Stadler sagt, er hatte „keinen Anlass zu zweifeln“

In puncto Motorensteuerung erklärt sich Betriebswirt Stadler zum Laien und macht zweimal auch Erinnerungslücken geltend. Als Nichttechniker sei er zur Dieselthematik auf Information von Experten angewiesen gewesen. Die hätten ihm bis Sommer 2016 stets versichert und auch per Unterschrift bestätigt, dass in der EU keine Fahrzeuge mit illegaler Abschaltvorrichtung verkauft worden seien, obwohl US-Behörden das für den dortigen Markt im September 2015 nachgewiesen hatten.

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„Ich hatte keinen Anlass zu zweifeln“, beharrt Stadler heute. Rechtliche Bestimmungen in den USA und der EU seien derart unterschiedlich, dass ihm diese Sicht lange als plausibel erschienen sei. Auch seitens des Kraftfahrtbundesamts (KBA) in Deutschland habe es anders als in den USA lange keinen Widerspruch gegeben.

„Es war zu diesem Zeitpunkt für den Audi-Vorstand nicht erkennbar, dass unzulässige Software in EU-Motoren eingesetzt wurde“, sagt Stadler für die Zeit bis Sommer 2016. Die Anklage verweist dagegen auf Warn-E-Mails an Stadler. Er habe niemals alle an ihn gerichteten E-Mails gelesen und nur eine kleine von Mitarbeitern erstellte Auswahl erhalten, kontert dieser und wirft seinerseits der Anklage vor, ihn entlastende Erkenntnisse zu ignorieren.

„Die Staatsanwaltschaft vermittelt fortwährend den Eindruck, voreingenommen zu sein”, klagt der Angeklagte und wird in diesem Moment erstmals hörbar emotional.

Von den Vorwürfen bleibt beim Ex-Chef nicht viel hängen

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Auch dem Vorwurf, er habe als Audi-Chef intern ungenügende Aufklärung veranlasst, widerspricht Stadler energisch. „Diese Wertung ist in meinen Augen willkürlich, unbegründet und einseitig“, wettert er. Vielmehr habe er sich bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen. Als geeignet lasse die Staatsanwaltschaft interne Aufklärungsarbeit bei Audi nur dann gelten, wenn sie ihr genehme Resultate bringe.

Wer dem ehemaligen Audi-Chef zuhört, beginnt zu verstehen, warum er konzernintern als Teflon-Stadler tituliert wurde. An ihm bleibt von den Vorwürfen der Ermittler nach eigener Sicht der Dinge jedenfalls nichts hängen. Die Staatsanwälte würden den prominenten Angeklagten vermutlich nach dessen Äußerungen gerne befragen. Das ist aber vorerst nicht möglich.

Ihr Mandant werde nach seinem Vortrag, dem je nach Prozessverlauf weitere folgen könnten, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keine Fragen beantworten, stellt seine Rechtsanwältin klar. Stadler sei nur wegen seines Amts als Audi-Chef angeklagt worden, sagt sie. Einen persönlichen Schuldbeweis gebe es dagegen nicht.

Techniker sind geständig

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Auch Hatz hält sich für gänzlich unschuldig. Schon vor Stadler hatte er das wortreich über mehrere Prozesstage hinweg zu belegen versucht. Weder angestiftet noch mitgeholfen will er haben, Audi-Dieselautos mit Betrugssoftware auszustatten, die auf der Straße überhöhte Abgaswerte zur Folge hatten. Auch Hatz hatte beteuert, nie alle ihm von Mitarbeitern zur Verfügung gestellten Dokumente gelesen zu haben.

Geständig waren dagegen die beiden mitangeklagten Techniker. Von einer Angstkultur bei Audi hatten sie berichtet und davon, kollektiv den moralischen Kompass verloren zu haben. Von einem solchen Eingeständnis sind Stadler und Hatz weit entfernt. Der Verlauf des bis Ende 2022 angesetzten Prozesses scheint vorgezeichnet.

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