Die Politik muss den Lufthansa-Beschäftigten helfen

  • Die Corona-Pandemie verhagelt der Lufthansa auf Jahre das Geschäft – was auch die Beschäftigten treffen wird.
  • Umso wichtiger ist es, den Konzernumbau sozialverträglich zu gestalten.
  • Das geht nur, wenn sich die Politik einmischt, meint Frank-Thomas Wenzel.
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Das spannendste Experiment der deutschen Wirtschaftsgeschichte nimmt Fahrt auf. Unter erschwerten Bedingungen: Die Malaise der Lufthansa ist größer, als vor Kurzem noch erwartet. Klar ist nur, dass eine weltweite “Erholung” der Branche nicht im nächsten und nicht im übernächsten Jahr kommt. Und niemand weiß, ob die Rückkehr zu einem Flugverkehr, der dem Niveau vor der Corona-Krise einigermaßen entspricht, dann 2024 möglich ist. Inzwischen sind die Bewegungen des Lufthansa-Aktienkurses ein präzises Abbild der Meldungen über die zweite Welle der Pandemie.

Lufthansa muss mehr tun als Kosten drücken

Deutschlands größte Airline trifft es besonders heftig, weil sie stark vom interkontinentalen Verkehr und von fliegenden Geschäftsleuten abhängig ist. Genau hier gibt es die größten Einbußen. Niemand weiß heute, wie viele Führungskräfte sich künftig in die Businessclass setzen werden. Erkennbar ist nur: Je länger die Krise dauert, umso wahrscheinlicher wird, dass sich Videokonferenzen als Kommunikationswerkzeug für Manager dauerhaft durchsetzen.

Wie lässt sich ein Unternehmen durch derartige Turbulenzen navigieren? Kosten drücken, bis es kracht, liegt als Antwort nahe. Da gibt es bei der Lufthansa tatsächlich Luft nach oben. Die riesige Flotte muss verkleinert, die Zahl der Flugzeugtypen deutlich verringert werden, um Ausgaben für die Jets dauerhaft zu drücken. Und im europäischen Verkehr waren die Lufthansa-Billigflugtöchter schon vor der Krise meilenweit vom Marktführer Ryanair entfernt. Nicht nur weil die Beschäftigten dort weniger verdienen.

Eurowings ist es zudem nicht gelungen, an die Auslastung der Ryanair-Maschinen heranzukommen. Die Iren schaffen es, mit kluger Streckenplanung und einem ausgeklügelten Preissystem für durchschnittlich rund 95 Prozent der Sitzplätze Fluggäste zu finden. In diese Regionen muss auch die Lufthansa, wenn sie künftig wieder Renditen erzielen will, die eine nachhaltige Entwicklung des Konzerns erlauben. Denn die kontinentalen Verbindungen werden in der neuen Lufthansa eine erheblich größere Rolle spielen als bisher.

Sozialverträgliche Lösungen für Beschäftigte finden

Doch damit ist es nicht getan. Entscheidend für den Neustart wird sein, was mit den derzeit noch knapp 130.000 Beschäftigten weltweit geschieht. Hier muss es darum gehen, sogenannte sozialverträgliche Lösungen zu finden, die an die Belastungsgrenze des Konzerns gehen. 22.000 Stellen stehen derzeit zur Disposition. Es können sogar noch mehr werden. Mit Kurzarbeit kann nur kurzfristig einiges abgefangen werden. Arbeitszeitverkürzung wird ein wichtiges Element werden. An Lösungen mit einem mehr oder weniger freiwilligen Vorruhestand geht kein Weg vorbei. Und jeder Beschäftigte, der mit einer Umschulung oder Zusatzqualifikation im Konzern gehalten werden kann, sollte die Chance dafür bekommen.

Ohne die Bundesregierung gelingt keine Neuausrichtung

Das werden sehr harte Kämpfe. Dazu gehört, dass Konzernchef Carsten Spohr nun mit betriebsbedingten Kündigungen droht. Dass sich die Politik – namentlich die Bundesregierung – da einmischt, ist zwingend notwendig. Nicht nur weil der Bund der größte Aktionär ist. Denn es gilt einerseits, zu erwartende Ausraster des anderen Großaktionärs, Hans Hermann Thiele, abzufangen – der Milliardär hätte immerhin beinahe die Insolvenz des Konzerns provoziert. Andererseits ist eine Moderatorenfunktion der Politik notwendig, weil Streiks in der derzeitigen Situation undenkbar sind. Damit ist eine annähernde Waffengleichheit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern nicht gegeben, was aber für konstruktive Verhandlungen gerade bei der Lufthansa enorm wichtig ist.

Das Ausreizen des Sozialverträglichen ist wichtig: Es mildert die Schmerzen der Beschäftigten. Und es stärkt massiv das Unternehmen. Das hat mit der Unberechenbarkeit der Pandemie zu tun. Wenn es mit der Fliegerei – vielleicht doch früher als erwartet – wieder richtig losgeht, dann wird entscheidend sein, so zügig wie möglich das Angebot wieder hochzufahren, um sich Marktanteile zu sichern. Dazu braucht es zuallererst erfahrenes Personal. Die beste Lösung ist, wenn die Beschäftigten dann schon da sind – und die Pilotin, der Flugbegleiter und die Verwaltungsangestellte von Teilzeit auf Vollzeit schnell wieder umschalten können.

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