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Die Niederlande im Aufwind: Warum sich Holland zum Musterland der EU entwickelt

  • Die Niederlande gehören zu den am besten digitalisierten Ländern Europas. Vielerorts gibt es kostenloses Wi-Fi und Funklöcher sind sehr selten.
  • 2019 wird die Wirtschaft des Landes voraussichtlich um 1,8 Prozent wachsen.
  • Doch das Land hat auch Schattenseiten: Beispielsweise hat sich Gesundheitssystem verschlechtert.
Helmut Hetzel
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Den Haag. Im Vergleich zu Deutschland sind die Niederlande ein digitales Paradies. Wer dort in einen Zug steigt und auf seinem Handy unter „Einstellungen“ das Netzwerk der niederländischen Eisenbahnen wählt, wird sofort verbunden und ist online. Gratis. Wer am Strand in Scheveningen im Sommer in der Sonne liegt und schnell mal via Whatsapp telefonieren will, der kann das. Wi-Fi und Internet sind da. Kostenlos. Wer in der Haager Innenstadt gemütlich Kaffee trinken möchte, in einem Restaurant isst oder in einer Bar einen Wein trinkt, der braucht nur das jeweilige Wi-Fi-Netzwerk anzuklicken und nach dem Passwort zu fragen – und schon ist man mit dem Internet verbunden.

Niederlande unter den am besten digitalisierten Ländern Europas

Funklöcher sind in den Niederlanden ein Fremdwort. Offline zu sein ist eine freie Entscheidung. Wer will, kann jederzeit und überall online sein. Mit Schweden und Finnland gehören die Niederlande zu den am besten digitalisierten Ländern in Europa. Die Einführung des neuen, noch schnelleren 5G-Mobilfunknetzes soll dort möglicherweise noch in diesem Jahr, aber spätestens 2020 beginnen. Proteste dagegen wie mancherorts in Deutschland oder in der Schweiz wegen der „Strahlungseinflüsse“ des 5G-Netzwerks gibt es bisher keine. Der Fortschritt geht weiter. Er muss weitergehen, wenn man als große Exportnation in der Welt auch künftig wettbewerbsfähig sein will. Dafür werden die Weichen gestellt.

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Hightech-Konzerne und Start-ups in den Niederlanden florieren

Die Hightech-Konzerne in den Niederlanden florieren. Das beweist beispielsweise die ASML, die fotolithografische Systeme für die Halbleiterindustrie herstellt und auf diesem Gebiet mit einem Marktanteil von mehr als 80 Prozent heute Weltmarktführer ist. Alle großen Halbleiterhersteller von Intel bis Samsung und Motorola kaufen ihre Litho-Systeme in den Niederlanden bei der ASML ein. Neue Start-ups wie der Dienstleister für digitale Zahlungssysteme, Adyen, sorgen an der Börse für ein Kursfeuerwerk.

Mit einem in dieser Form bisher unbekannten Erfolg starteten die Adyen-Aktien am ersten Handelstag, dem 13. Juni 2018. Die Titel wurden zum Preis von 240 Euro je Stück schon zum Höchstpreis platziert, schossen zum Auftakt des Börsenhandels wie eine Rakete nach oben. Derzeit kostet eine Aktie an der Amsterdamer Börse 596 Euro. Prinzessin Mabel, die Schwägerin von König Willem-Alexander und Witwe des bei einem Skiunglück in Österreich umgekommenen Prinz Friso, wurde mit diesem Börsengang zur Multimillionärin, da sie ein großes Adyen-Aktienpaket besitzt.

Gute Botschaften vom König: Sinkende Staatsverschuldung

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Mit Spannung erwarteten die Niederländer in diesem Jahr die alljährliche Thronrede von König Willem-Alexander. Denn der König hatte gute Botschaften für seine Landsleute parat, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Die frohen Botschaften des Königs wurden im Detail von Finanzminister Wopke Hoekstra nach der Thronrede in Form des Haushalts für 2020 dem Haager Parlament vorgelegt.

Dieser Haushaltsentwurf für das kommende Jahr ist für alle Niederländer ein Grund zur Freude. Der Etat 2020 weist einen Überschuss von 3,4 Milliarden Euro aus. Die Staatsverschuldung der Niederlande sinkt damit weiter auf nur noch 48 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: Die Staatsverschuldung von Italien beträgt 130 Prozent des BIP, die von Deutschland 61 Prozent. Am besten schneidet in der Euro-Zone Luxemburg ab mit einer geringen Staatsschuld von 23 Prozent des BIP.

Wachsende Wirtschaft und niedrige Arbeitslosenquote in den Niederlanden

Die Niederlande sind ein Hort der Stabilität und des Wachstums in Sachen Wirtschaft in der EU und in der Euro-Zone. Die Wirtschaft des Oranjestaates wird im laufenden Jahr voraussichtlich um 1,8 Prozent wachsen. Für das kommende Jahr wird mit einem Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent gerechnet. Die Arbeitslosenquote liegt mit 3,3 Prozent im internationalen Vergleich sehr niedrig. Es herrscht Vollbeschäftigung. Die Kaufkraft der Niederländer wird im kommenden Jahr um durchschnittlich 2,1 Prozent steigen. Denn die Haager Regierung will den Haushaltsüberschuss in Form von Steuersenkungen an die Bürger zurückgeben.

Das Schweizer Weltwirtschaftsforum in Davos rief die niederländische Volkswirtschaft in einer Studie gerade zu der wettbewerbsfähigsten Ökonomie in Europa aus. Der Mercer Global Pension Index bezeichnet das niederländische Pensions- und Rentensystem als „das beste in der Welt“.

Weitere Investitionen in die Modernisierung und kommende Steuersenkung

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Trotz der vielen Lorbeeren, die die Niederlande erhalten, soll weiterhin kräftig in die Modernisierung und Digitalisierung sowie in die Verbesserung der Infrastruktur – also Verkehr, Sicherheit, Erziehung und Wissenschaft, Soziales und Küstenschutz – investiert werden. Die Haager Regierung plant, einen Investitionsfonds von rund 50 Milliarden Euro aufzulegen, mit dessen Finanzmitteln man die Investitionsprogramme dann finanziert und durchführt.

Die frohe Botschaft von Finanzminister Wopke Hoekstra ans Parlament lautete: „Wir erwarten in 2020 das siebte Wachstumsjahr in Folge. Auch wenn sich das Wachstum etwas abschwächen wird, haben wir so gut wie Vollbeschäftigung, sinkende Staatsschulden und einen Überschuss im Haushalt.“ Der „Prinsjesdag“, wie der Tag der alljährlichen Thronrede von König Willem-Alexander heißt, „war in diesem Jahr eine Show der guten Nachrichten“, schreibt die Tageszeitung „De Telegraaf“. „Die kommenden Steuersenkungen waren die beste Nachricht.“

Andere Energiepolitik: Erdgas gilt in den Niederlanden als umweltschädlich

Und was ist mit dem Klimaschutz? In Holland heißt es „Erdgas: Nein, danke“, in Deutschland dagegen „Erdgas: Ja, bitte“. Die Nachbarländer betreiben in Sachen Erdgas eine völlig andere Energiepolitik. In den Niederlanden erhält man staatliche Subventionen, wenn man das Erdgas abschaltet und auf einen anderen Energieträger umsteigt. In Deutschland ist es umgekehrt. Haushalte, die hier auf Erdgas als Energieträger umsteigen, erhalten dafür staatliche Subventionen.

In der direkt an der deutschen Grenze gelegenen niederländischen Stadt Nimwegen zum Beispiel bekommt jeder Haushalt 650 Euro Subvention, wenn er das Gas abschaltet. Die Regelung gilt bis zum 1. Februar 2020. Nur einen Katzensprung entfernt in Deutschland wirbt die Energieversorgung des Städtchens Kranenburg mit einer stattlichen staatlichen Prämie für einen neuen Gasanschluss in einem Haushalt. Wer hier auf Erdgas umsteigt, erhält 892 Euro. „Es ist die verkehrte Welt. Warum ist Erdgas in Deutschland umweltfreundlich und in den Niederlanden umweltschädlich?“, fragt sich Hans Peters, Stadtrat der niederländischen Gemeinde Groensbeek, die nur ein paar Kilometer vom deutschen Kranenburg entfernt liegt, in einem Beitrag für die Zeitung „De Telegraaf“. „Das ist doch verrückt.“

Ziel für 2030: Niederlande wollen 70 Prozent ihrer Energie aus erneuerbaren Energiequellen beziehen

Hintergrund für die Maßnahme der Niederländer, Erdgasanschlüsse in den Haushalten abzuschalten, ist der sogenannte Klimaakkord – ein Deal, den die christlich-liberale Regierung von Premierminister Mark Rutte mit den Grünen (Groen Links, GL) abgeschlossen hat. Darin ist der Ausstieg vom Erdgas festgelegt. Ziel ist es, dass das Land im Jahr 2030 rund 70 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind- oder Sonnenenergie bezieht.

Außerdem wollen die Niederlande ihre bisher sehr lukrative Erdgasförderung im eigenen Land einstellen. Zwar schlummern rund um die Stadt Groningen im Norden noch große Mengen Erdgas unter der Erde. Aber die intensive Erdgasförderung in dieser Region, mit der die Niederlande in den zurückliegenden Jahren viele Milliarden Euro verdienten, führt regelmäßig zu kleineren Erdbeben in der Provinz und der Stadt Groningen. Viele Häuser sind dadurch beschädigt, manche sogar unbewohnbar geworden. Die dortige Bevölkerung protestiert seit Langem gegen die Erdgasförderung. Nun hat sie sich mit ihren Protesten durchgesetzt.

Günstiger leben: Viele Niederländer ziehen nach Deutschland

Viele Niederländer verlassen inzwischen ihr Land, um sich nur ein paar Kilometer entfernt in Deutschland anzusiedeln. Dort können sie die Subventionen für Erdgas kassieren. Und dort können sie außerdem Häuser zu einem Preis kaufen, der für sie noch erschwinglich ist, da Immobilien in diesem Teil der Bundesrepublik weitaus preisgünstiger sind als in den Niederlanden oder in deutschen Großstädten und Ballungsgebieten.

Die Niederländerin Annelies Jagner, die seit elf Jahren in Deutschland direkt an der Grenze wohnt, findet die unterschiedliche Energiepolitik in den beiden Nachbarländern unbegreiflich. „Bei uns hat man Erdgas zu Gift erklärt, hier in Deutschland bekommt man staatliche Subventionen, wenn man auf Erdgas umsteigt. Wo ist da die europäische Zusammenarbeit?“, fragt sie. Die scheint es in Sachen Erdgas zumindest zwischen Deutschland und den Niederlanden kaum zu geben. Aber die Deutschen beziehen ja einen Großteil ihres Gases aus Russland, die Niederländer nicht.

CO₂-Emissionen reduzieren: Niederlande setzen auf Biomasse

In Holland will man weg von den fossilen Brennstoffen, insbesondere weg von der Kohle und hin zu erneuerbaren Energien. Die Niederlande setzen voll und ganz auf Biomasse. Rund 11,4 Milliarden Euro will die Haager Regierung in den Ausbau von Energie, die aus Biomasse gewonnen wird, investieren, um den CO₂-Ausstoß zu reduzieren. Die beiden großen Kohlezentralen in Geertruidenberg südlich von Rotterdam und in Eemshaven nahe der deutschen Grenze an der Ems werden mit großem Aufwand umgebaut. Sie sollen künftig mit aus Holz gewonnener Biomasse durch Verbrennung Strom liefern. Jährlich sollen in diesen beiden neuen Energiezentralen Wälder in der Größe von umgerechnet 18.000 Fußballfeldern verheizt werden.

„Das ist der helle Wahnsinn. Die Verfeuerung von aus Holz generierter Biomasse produziert per Saldo noch mehr CO₂-Ausstoß als bisher“, sagt Louise Vet, Biologin und Professorin an der Königlichen Akademie der Wissenschaften in den Niederlanden. Sie ist auch Mitglied des European Academies Science Advisory Council (EASAC). Dieses hochrangige Collegium meint auch: „Die Verfeuerung von Biogas steigert den CO₂-Ausstoß noch. Diese Form der Energiegewinnung ist in Sachen Klima nicht günstiger als die Verbrennung von Kohle.“

Gute CO₂-Statistik dank Trick: Niederlande beziehen Biomasseholz aus anderen Ländern

Dennoch ist die CO₂-Statistik der Niederlande durch den Einsatz der Biomasse als neuen Energieträger unterm Strich günstiger. Aufgrund der geltenden europäischen Verträge wird der Ausstoß aus der Biomasse den Ländern angerechnet, in denen die Biomasse entsteht. Also beispielsweise den baltischen Staaten und Skandinavien und den USA, weil die Niederlande von dort den Großteil des Biomasseholzes beziehen. Mit diesem Trick reduzieren die Niederlande auf dem Papier ihren Ausstoß.

Für manche Energiekonzerne, darunter auch die deutsche RWE, deren Kohlezentralen im Nachbarland jetzt auf Biomasseverheizung umgerüstet werden, ist die Energiewende à la hollandaise ein gutes Geschäft. Allein RWE bekommt vom niederländischen Staat 2,4 Milliarden an Subventionen für den Umbau der bisherigen Kohlezentralen in Biomassezentralen. Der niederländische Lungenfonds warnt: „Wir sehen, wie immer mehr Biomassezentralen entstehen. Aber die Verheizung von Holz verschmutzt die Luft mit Stickstoff und mit Feinstaub, das verursacht Bronchitis und Asthma.“

Anstieg des Meeresspiegels: Werden Küstenorte der Niederlande ab 2100 überflutet?

Die Kritiker vor allem vom Wissenschaftscouncil EASAC warnen vor dem großflächigen Abholzen der Wälder, um Biomasse zu gewinnen. Die Wälder würden zwar wieder aufgeforstet, aber es dauere Jahre oder Jahrzehnte, bis die gefällten Bäume nachgewachsen sind. Außerdem entstünden dann oft Monokulturen mit Baumbeständen, die mit den früheren Waldgebieten so gut wie nichts mehr gemein haben. Mit dem Großeinsatz von Biomasse zur Energiegewinnung sei man im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Holzweg, meint das EASAC.

Doch nicht nur das ist ein wichtiges Umweltthema im Nachbarland: Wegen des Klimawandels und des damit verbundenen Schmelzens der Gletscher und des Ansteigens des Meeresspiegels sorgen sich immer mehr Niederländer um den Küstenschutz. Schließlich liegt mehr als die Hälfte des Landes unter dem Meeresspiegel. Was passiert mit den Land, wenn – wie manche Wissenschaftler vorhersagen – der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um einen Meter ansteigt? Darüber wird in den Niederlanden derzeit heftig debattiert. Die Lokalzeitung „Den Haag Centraal“ fragt sogar schon: „Wird Den Haag das überleben, oder gehen wir unter?“ Die Stadt liegt direkt an der Nordsee. Sie braucht daher einen Küstenschutz, der den steigenden Fluten der Nordsee standhalten kann. Wie der aussehen soll, weiß bisher noch niemand.

Schattenseite: Gesundheitssystem in den Niederlanden hat sich verschlechtert

Trotz boomender Wirtschaft und niedriger Arbeitslosenquoten: Auch in den Niederlanden ist nicht alles Gold, was glänzt. Verschlechtert hat sich beispielsweise das Gesundheitssystem durch die Einführung einer sogenannten Bürgerversicherung. Jeder Patient ist nun gleich. Jeder muss ein eigenes Risiko von 385 Euro pro Jahr für die anfallenden Gesundheitskosten bei ärztlicher Behandlung bezahlen. Eine Möglichkeit, sich privat zu versichern, gibt es nicht mehr. Nur die wirklich Wohlhabenden können es sich leisten, sich im Krankheitsfall in Privatkliniken behandeln zu lassen. Diese bieten einen Service wie die besten Hotels sowie exzellente ärztliche Versorgung, die für Otto Normalverbraucher unbezahlbar sind. Es ist, seit es die Bürgerversicherung gibt, gang und gäbe, mit vier, fünf Patienten in einem Zimmer im Krankenhaus zu liegen – ohne Geschlechtertrennung. Auch das gibt es im Wirtschaftswunderland Holland.