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Die Chance in der Krise: Wie Bremerhaven sich neu erfindet

Innenstädte neu gedacht: So könnte Bremerhaven bald aussehen.

Zwei nackte Puppen liegen im leeren Geschäft, wie zurück­gelassene Opfer nach einem eiligen Abzug. Die Schaufenster ringsherum sind zugeklebt, die dunkelbraunen Fassadenplatten fleckig, an den Rändern weißlich angelaufen, in den Ritzen der Waschbeton­platten am Aufgang zum ersten Stock wächst Moos. So sieht er aus: der Ort, an dem die Stadt jetzt noch einmal von vorne beginnen möchte.

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Als das Karstadt-Haus in Bremerhaven 1960 eröffnete, am zentralen Platz der Stadt, gleich gegenüber dem einzigen historischen Bau, der Großen Kirche, war es ein Ort des Aufbruchs. Die ganze Welt der Waren unter einem Dach, das war das Versprechen. Jetzt, zu seinem Ende, ist es wieder ein Ort des Aufbruchs. Dadurch, dass es bald verschwindet.

Melf Grantz steht auf den Stufen der Kirche und sieht hinüber zu dem dunkelbraunen Klotz, der einmal für die Moderne stand. Er ist selbst ungefähr so alt wie dieser Bau, 59 Jahre jetzt, er hat immer hier gelebt, er kennt die guten Zeiten dieses Hauses noch, als „in die Stadt“ zu gehen hieß, zu Karstadt zu gehen. Aber jetzt ist er seit elf Jahren Ober­bürgermeister. Deshalb weiß er auch um die anderen Zeiten.

Melf Grantz, Oberbürgermeister von Bremerhaven, steht vor dem alten Karstadt-Gebäude in der Innenstadt.

Melf Grantz, Oberbürgermeister von Bremerhaven, steht vor dem alten Karstadt-Gebäude in der Innenstadt.

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Das Leiden ist älter als Corona

Einen „faulen Zahn“, so nennt er den Bau jetzt. „In der Politik waren wir uns von Anfang an einig, dass man diesen Zahn ziehen muss“, sagt Grantz. Und dass die Stadt eine andere sein wird, wenn alles so kommt, wie sie es sich erhoffen.

Als Karstadt nach dem Lockdown im vergangenen Winter nicht mehr öffnete, war Bremerhaven mit diesem Schicksal nicht allein. 41 Filialen schloss der Konzern, 2019 zu Galeria Karstadt Kaufhof fusioniert, nach der Insolvenz 2020. Das Leiden der Warenhäuser und das Leiden an den uniformen Innenstädten ist beides viel älter als Corona. Aber die Pandemie ließ wenig Raum für weitere Illusionen. „Sie hat den Strukturwandel in den Innenstädten“, der ja eh längst und vielleicht immer schon im Gange war, „noch mal erheblich beschleunigt“, sagt Marion Klemme, Referats­leiterin im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.

Das Virus und die Amazonisierung, der Trend zum Onlinehandel, waren zusammen so etwas wie das schlimmst­mögliche Gespann für den Handel in den Innenstadt­zen­tren. Vor einer „Verödung der Innenstädte“ warnten daraufhin rasch Medien und Verbände, also vor der Existenzkrise der traditionellen Einkaufszone.

Wobei die Frage ist, ob veröden kann, was doch in großen Teilen längst öde ist. Oder ob, im besten Fall, nicht etwas Neues entstehen kann, das das Gegenteil von öde ist. Jedenfalls dann, wenn die Krise vorher nur tief genug ist.

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Als Karstadt in Bremerhaven in diesem Jahr für immer schloss, war das für die Stadt keine Überraschung. Es bewahrheitete sich nur, was sie seit Jahren befürchtet hatte. Regelmäßig war das dreistöckige 10.000-Quadratmeter-Haus schon in den Jahren zuvor auf den Schließungs­listen des Konzerns aufgetaucht. Die Beschäftigten demons­trierten mit Mahnwachen. Die Stadt schickte Protestnoten an den Konzern, lange mit Erfolg.

Aber dieser Protest hatte auch etwas Schizophrenes – denn es war ja klar, dass es nicht ewig so weitergehen würde. „In den vergangenen 20 Jahren“, sagt Ober­bürger­meister Grantz, „war Karstadt für uns vor allem ein Sorgenkind.“ Die Lebensmittel­abteilung, früher die beste weit und breit: längst geschlossen. Die Zeiten, in denen seine Mutter froh war über die Freundin in der Gardinen­abteilung, die sie anrief, wenn wieder die guten neuen Stoffe angekommen waren: vorbei. Der Zugang zur überdachten Einkaufs­straße namens Obere Bürger, den Karstadt zugleich bildete: ein dunkles Mauseloch für die unerschrockensten aller Einkäufer. „Das hatte mit einem Event und dem, was Einkaufen heute sein soll, schon lange nichts mehr zu tun“, sagt Grantz.

In den vergangenen 20 Jahren war Karstadt für uns alle vor allem ein Sorgenkind.

Melf Grantz,

Oberbürgermeister von Bremerhaven

Und wenn die Stadt das Ende von Karstadt zugleich ersehnte und fürchtete, dann deshalb, weil das Haus das Zentrum so viel stärker prägte als an vielen anderen Orten. In Bremen, Hannover und anderswo war Karstadt eins von vielen Häusern. Hier, in dieser kleinen Großstadt mit 120.000 Menschen, war es das Haus. Bremerhaven hing an Karstadt, so fühlte man es hier. Emotional. Wirtschaftlich. Und dann, im zweiten Jahr der Pandemie, schließt nicht nur Karstadt – aus dem ehemaligen Kaufhaus Horten zog auch noch Saturn aus, der zweite Magnet der Stadt.

Karstadt weg, Saturn weg, das war eine Krise der existenzielleren Art, vor der die Stadt nun stand. Und der sie sich stellte.

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Mehr als nur Shopping

Es ist kein Geheimwissen, wie Innenstädte ihre Attraktivität zurückgewinnen. Wer all die Studien liest, von der „Innenstadt­strategie“ des Beirats Innenstadt beim Bundes­innen­ministerium bis zum Positions­papier „Städte sind Orte für Menschen“ des Städtetags, findet schnell den gemeinsamen Nenner: weniger Handel und mehr Durchmischung. „Innenstadt ist nicht gleichbedeutend mit Shopping“, sagt Steffen de Rudder, Professor für Städtebau an der Bauhaus-Universität Weimar. „Wir müssen Handel, Gewerbe, Kultur und vor allem Wohnen viel stärker in die Innenstädte zurückbringen und verschränken.“

Wenn Städte als attraktiv erscheinen, dann da, wo diese Mischung traditionell angelegt war – und wo es gelungen ist, den Verkehr zugunsten der Menschen zurückzudrängen. Die Klage über die angeblich verödende Innenstadt hält de Rudder für geschichtsvergessen: „Verödet“, sagt er, „waren viele Innenstädte schon lange vor dem Lockdown durch eine Shopping-Monokultur.“

Für die Bremerhavener war schnell klar, dass sie ein jahrelanges Siechtum im Herzen der Stadt nicht ertragen können. Aber wie geht das bitte: eine Stadt umzubauen? Zumal, wenn man mit noch ein paar anderen Problemen belastet ist. Vor allem dem, dass nirgends in Deutschland so viele Menschen am Rand der Armutsgrenze leben wie hier, in der früheren Werftenstadt.

„Am Anfang“, sagt Grantz, „stand für uns die Schwierigkeit: Wie kommen wir am besten mit den Heuschrecken ins Geschäft?“

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Der Fonds, dem das Gebäude anfangs gehörte, rief 7 Millionen Euro auf. Aber als die Stadt sich dann sortiert hatte, hatte der Fonds das Gebäude schon verkauft, im Paket mit elf anderen Ex-Karstadts, an einen anderen Fonds. Der wollte dann schon 18 Millionen Euro. Für einen leer stehenden Sanierungsfall.

Da saßen sich dann also gegenüber: der neue Besitzer, für den das Karstadt-Haus in Bremerhaven ein anonymer Posten im Portfolio ist, ein Spekulations­objekt, bei nächster Gelegenheit zu veräußern. Und die Stadt, für die die Zukunft ihres Zen­trums an diesem wuchtigen Betonklotz hing. Es waren sehr ungleiche Bedingungen, mit denen die beiden Seiten in diese Verhandlungen gingen.

Lösungen nach Maß

Am Ende bekam Bremerhaven dann den Zuschlag. Für 15 Millionen Euro, zusammen­gekratzt aus den Töpfen, die Land und Stadt für die Bewältigung der Pandemiefolgen gefüllt hatten. Es war Geld, das bis Ende dieses Jahres ausgegeben sein musste, sonst wäre es verfallen. Es musste also auch noch schnell gehen. Aber am Ende, kann man sagen, hat die Pandemie dafür gesorgt, dass Melf Grantz jetzt schon mal die Schlüssel für den Bau in der Hand hat. So weit wären sie also schon mal in Bremerhaven.

Oberbürgermeister Melf Grantz erklärt: So soll Bremerhaven verändert werden

„Ein leer stehendes Karstadt-Gebäude würde die Entwicklung unserer Innenstadt für viele Jahre blockieren“, so Bremerhavens Ober­bürger­meister Melf Grantz.

Die Karstadt-Insolvenz hat in ganz Deutschland Dutzende Kommunen vor ähnliche Probleme gestellt. Ein riesiges leeres Kaufhaus – und jetzt? Die Lösungen sind ex­trem unterschiedlich. Im Berliner Wedding arbeitet Steffen de Rudder mit seinen Studierenden gerade an einem Konzept, das verschiedene Nutzungen, von Co-Working bis Einzelhandel, unter ein Dach bringen soll. In Leipzig läuft gerade der Umbau zu einem kleinteiligen Geschäfts­zentrum. In Wilhelmshaven soll Karstadt zum Pflegeheim werden. Das Haus an der hannoverschen Georgstraße steht noch immer leer, ohne Plan für die Zukunft.

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Stadtentwicklerin Marion Klemme sieht in den frei werdenden Kaufhäusern auch eine Chance für die Städte. Ein Musterbeispiel sind für sie die preisgekrönten Neuen Höfe in Herne, wo nach jahrelangem Leerstand nun Läden, Gastronomie, ein Fitnessstudio und Büros das alte Kaufhaus im Zentrum füllen.

Am Ende aber sind alle diese Lösungen auch eine Frage des Geldes. Und so gehört es wohl zu den großen Glücksfällen, dass Bremerhaven auch bereits Investoren für seine neue Mitte hat. Der Verleger der örtlichen Zeitung steht bereit, um sein Medienzentrum auf dem Karstadt-Grund neu zu errichten. Ein weiterer Investor, so versichert es der OB, ist ebenfalls dabei. Sie sollen dann realisieren, was Andreas Heller, Architekt des Auswanderer­hauses, schon entworfen hat: kleinteiligere, begrünte Blöcke, Platz für Cafés, Büros, eine Markthalle für Produkte aus der Region.

Und wenn sie dann schon dabei sind, dann wollen sie auch gleich die Fehler der Vergangenheit korrigieren. Zum Beispiel die Straße mit dem schönen Namen Am Alten Hafen wieder öffnen, auf die das Warenhaus einfach draufgebaut wurde. Wobei der wohl größte Fehler die Gestalt einer sechsspurigen Straße hat, einer Art innerstädtischen Autobahn, die das Zentrum an der Kirche vom gerade mal 500 Meter entfernten Deich, dem Klimahaus und dem Auswandererhaus regelrecht abschnitt.

Nach den Entwürfen des Architekten Andreas Heller könnte die Bremerhavener Innenstadt bald so aussehen.

Nach den Entwürfen des Architekten Andreas Heller könnte die Bremerhavener Innenstadt bald so aussehen.

Die Kunst, sich von seinen eigenen Attraktionen abzuschneiden, hat Bremerhaven lange perfektioniert. Aber darum, dass die Straße schmaler werden muss, gibt es noch Streit in der Stadt. Wie so oft, wenn es um weniger Platz für Autos geht.

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Für de Rudder, den Stadtplaner der Bauhaus-Universität, ist es gerade das, worum es beim Wandel der Innenstädte geht. „Das Ziel“, sagt er, „muss es sein, das Individuelle jeder Stadt zu betonen, den spezifischen Charakter hervorzukehren, statt wie bisher alles anzugleichen. Deshalb muss auch jede Stadt ihre eigene Lösung finden.“ Das versucht Bremerhaven nun. Stellvertretend für so viele andere.

Und wie kommt das an bei den Menschen? Ein Treffen mit Manfred Ernst, 78 Jahre, Ehrenbürger, ehemaliger Anwalt, seit Jahrzehnten kritischer Begleiter der Stadt und ihrer Entwicklung, gleich beim Denkmal für den Gründer der Stadt, Johann Smidt.

Manfred Ernst ist Ehrenbürger der Stadt Bremerhaven.

Manfred Ernst ist Ehrenbürger der Stadt Bremerhaven.

Ernst warnt. Vor Investoren, die eher das eigene als das Wohl der Stadt im Blick haben. „Was maximale Rendite bringt, ist keine maximale Verschönerung der Stadt.“ Die Stadt müsse da genaue Vorgaben machen. Wobei man die investor­kritischen Bemerkungen besser versteht, wenn man zum Beispiel die Episode von Luigi Colani kennt, dem italienischen Designer, der Ende der Achtzigerjahre hier aufschlug, im alten Hallenbad selbst designte Segelflieger, Klobecken und Damen­unterwäsche zeigen wollte, die Wirtschafts­förderer mit „ihr Hirsche“ ansprach und nach kurzer Zeit wieder weg war.

Die neuen Pläne, sagt Ernst, sehe er sehr positiv. Es sei ja nicht alles neu, vieles hätten er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auch schon immer wieder vorgetragen. Den Abriss von Karstadt aber auch nur vorzuschlagen, das hätten sie sich in der Vergangenheit nicht getraut. „Es erschien“, fügt er hinzu, „einfach nicht realistisch.“

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