Bahnstreik oder: Wenn Männeregos das Land lahmlegen

  • Eigentlich sind die Spottgesänge über Alphatiere und Silberrücken alle längst gesungen.
  • Bei der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL allerdings muss man die Lieder noch einmal anstimmen, kommentiert Andreas Niesmann.
  • Gewerkschaftsboss Claus Weselsky und Konzernchef Lutz markieren den starken Mann – und zwingen das ganze Land zum Zusehen.
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Berlin. Über Alphatiere, jene meist ehrgeizigen, häufige dominanten und nahezu immer männlichen Anführer, ist schon so viel geschrieben, geschimpft und gespottet worden, dass es sich eigentlich verbietet, jener besonderen Spezies weitere Zeilen zu widmen. Im Fall der Deutschen Bahn aber und im Fall der Lokführgewerkschaft GDL lässt sich das leider nicht vermeiden. Dort übertrifft die Realität gerade jedes Klischee.

Da ist auf der einen Seite Claus Weselsky, der streitbare GDL-Chef, dessen bellender Tonfall die meisten Kompaniefeldwebel der Bundeswehr vor Neid erblassen lässt. Was Weselsky dem Bahn-Management in den letzten Tagen an Verunglimpfungen und Beleidigungen an den Kopf geworfen hat, ist selbst für unbeteiligte Dritte schwer zu ertragen. Seine Klassenkampfrhetorik, seine Kompromisslosigkeit und seine Eskalationsbereitschaft lassen keinen Zweifel: Weselsky ist ein Provokateur. Ein Brandstifter. Einer, der Öl ins Feuer gießt, anstatt zu löschen.

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Bedauerlicherweise ist der Lokführerchef damit im Bahn-Konzern nicht allein, denn auch Vorstandschef Richard Lutz hat sich in den vergangenen Tagen nicht für den diplomatischen Dienst empfohlen. Zwar drückt sich der CEO vornehmer aus als Weselsky, zwar betont er mehr das Einende als das Trennende – im Kern aber ist Lutz genauso kompromisslos unterwegs wie der Lokführerchef.

Bei der Bahn stehen sich zwei Männer gegenüber, die beide gewinnen wollen – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Weselsky will ein besseres Angebot, Lutz will ohne Vorbedingungen zurück an den Verhandlungstisch. Nachzugeben scheint derzeit für keinen der beiden eine Option zu sein.

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GDL kündigt bislang längsten Streik an
1:42 min
Der Personenverkehr soll nach Angaben der GDL ab dem 2. September betroffen sein. Die Fronten zwischen Bahn und Gewerkschaft sind verhärtet.  © Reuters

Das ist nicht nachzuvollziehen, zumal es für den Tarifkonflikt keine Rolle spielt, ob noch einmal fünf, sieben oder zehn Tage gestreikt wird. Am Ende wird es einen Kompromiss geben. Beide Seiten werden sich dafür bewegen müssen, und beide wissen das. Die Sache ließe sich deutlich verkürzen, wenn Lutz ein neues Angebot vorlegen und Weselsky in Verhandlungen einwilligen würde. Miteinander zu reden statt übereinander soll ja helfen – gerade in Tarifverhandlungen

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Ein fünftägiger Streik – Was für eine Anmaßung

Dass es bei dem Streit zwischen Bahn-Management und GDL in Wahrheit um deutlich mehr geht, bezweifelt zwar niemand ernsthaft. Nur macht es wenig Sinn, den vergleichsweise leicht zu lösenden Tarifkonflikt mit der komplizierten Frage zu verbinden, wie es bei der Bahn in Sachen Tarifeinheit weitergeht. Um hier eine für alle Seiten befriedigende Antwort zu finden, wird sehr viel mehr Zeit nötig sein, und vor allem sehr viel mehr gegenseitiges Verständnis.

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Leider deutet derzeit wenig darauf hin, dass Lutz oder Weselsky über ihren Schatten springen, um das Trauerspiel zu beenden. Lieber muten sie dem Unternehmen und damit dem ganzen Land einen fünftägigen Streik zu. Trotz bestehender Lieferengpässe bei Rohstoffen, trotz des Klimawandels, trotz der Pandemie. Was für eine Anmaßung.

Für die Folgen sind der Bahn- und der Lokführerchef persönlich verantwortlich. Und zwar beide.

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