Die Angst vor einem harten Brexit wächst

  • Jetzt wird’s ernst: Die britische Regierung bereitet den Handel auf einen harten Brexit vor.
  • Das könnte schon zum Weihnachtsgeschäft zu Ausfällen für Winzer und Nahrungsmittelproduzenten führen.
  • Und auch die deutsche Automobilindustrie rechnet für diesen Fall mit immensen Kosten.
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Stellen Sie sich vor, Weihnachten und der harte Brexit stehen vor der Tür. Für Winzer, Landwirte und Nahrungsmittelproduzenten eine Horrorvorstellung. Wein, Käse, Butter oder Schweinefleisch: Großbritannien ist ein wichtiger Absatzmarkt für diese und viele andere Produkte aus deutschen Landen. Doch im Dezember könnte es bei Exporten auf die Insel chaotisch werden. Denn zum endgültigen Austritt aus der EU zum Jahresende kommt die Corona-Krise, die sich täglich verschärft. Auch viele andere hiesige Branchen würde ein No-Deal-Szenario heftig treffen.

Noch ist es nicht soweit. Doch der britische Kabinettsminister Michael Gove hat schon einmal einen Brief für 200.000 Firmen formuliert, die mit EU-Unternehmen zusammenarbeiten. „Täuschen Sie sich nicht, in nur 75 Tagen gibt es Änderungen, und die Uhr für die Unternehmen tickt“, heißt es in dem Schreiben. Jetzt müssten alle zusammenarbeiten und neue Chancen nutzen, die eine unabhängige Handelsnation mit Kontrolle über ihre eigenen Grenzen, Hoheitsgewässer und Gesetze biete.

Verbale Eskalation zwischen britischer Regierung und EU

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Vorausgegangen war am Wochenende eine weitere verbale Eskalation zwischen der britischen Regierung und der EU. Premier Boris Johnson hatte ein Ultimatum für ein Handelsabkommen gesetzt, das am Freitag verstrichen war. Danach erklärte er, weitere Verhandlungen seien „sinnlos“, um zugleich die Tür wieder ein zu öffnen: Es sei denn, die EU bewege sich bei grundlegenden Fragen. Am Montagnachmittag wollten dann die beiden Verhandlungsführer Michel Barnier und David Frost doch wieder miteinander telefonieren. Barnier soll sich die gesamte Woche für Gespräche freigehalten haben.

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Derweil beschwerte sich die britische Handelskammer bitterlich über die mangelnde Vorbereitung eines sogenannten No-Deal-Brexits. Angesichts des Wiederauflebens der Pandemie und verschärfter Beschränkungen sei es kein Wunder, dass Unternehmen Schwierigkeiten hätten, für die nächsten Wochen Vorkehrungen zu treffen, so Adam Marshall, Generaldirektor der Kammer. Die Firmen seien es leid, mit immer neuen Klippen und Fristen konfrontiert zu werden, während die Herausforderungen durch die Pandemie größer würden. Großbritannien hat enorm hohe Infektionszahlen. Die Regierung weitet beinahe täglich die Restriktionen für Bürger und Unternehmen aus. Marshall fordert einen baldigen Deal, um Klarheit für die Firmen zu schaffen.

Industrieverbände fürchten Schlimmes

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Was droht, wenn es doch nicht so weit kommt, beschreiben der hiesige Industriespitzenverband BDI und die Schwesterorganisationen aus Italien und Frankreich in einer gemeinsamen Erklärung: „Zölle, Kontrollen, Bürokratie, Verzögerungen, Blockaden, Outsourcing und vieles mehr“.

Völlig offen sind noch immer die künftigen Regularien für Exporte ins Vereinigte Königreich, das für Deutschland einer der wichtigsten Handelspartner ist. Das Gesamtvolumen der Exporte machte von Januar bis August 42,4 Milliarden Euro aus. Das sind schon 20 Prozent weniger als im Vorjahr. Corona im Zusammenspiel mit dem No-Deal-Brexit könnte einen noch viel tieferen Einbruch bringen. Lieferketten können in vielen Branchen reißen.

Automobilindustrie besonders betroffen

Besonders sensibel sind Autobauer und Zulieferer hierzulande. Die sind mit mehr als 100 Standorten in UK vertreten. Die Verzahnung ist sehr eng. Komponenten für Antriebsstränge etwa passieren häufig mehrfach den Ärmelkanal, bevor sie in Fahrzeuge eingebaut werden. Die Kfz-Lobby VDA macht darauf aufmerksam, dass bei einem No-Deal-Brexit auf die Branche in Europa bis zu 110 Milliarden Euro an zusätzlichen Kosten zukommen könnten.

Und das in einem Moment, da für die Fahrzeugbauer die Lage ohnehin schon höchst kritisch ist. Wobei Großbritannien nicht nur Produktionsstandort, sondern noch immer der größte Exportmarkt für deutsche Autobauer ist. Aber zwischen Januar und August haben sich die Ausfuhren dorthin mit gut 223.000 Pkw im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert. Für den inzwischen schnell wachsenden Markt mit E-Autos sind die Briten enorm wichtig. Deshalb der dringliche Appell von VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Die Automobilindustrie braucht ein Abkommen, das den Handel ohne Zölle und Quoten ermöglicht.“

Wein und Spezialitäten zu Weihnachten knapp

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Für die Nahrungsmittelindustrie kann es indes schon zu Weihnachten eng werden. Großbritannien importiert Wein und viele andere Spezialitäten aus Frankreich, Italien oder Deutschland. In der Branche macht sich die Angst breit, dass sich in Großbritannien in den nächsten Wochen noch chaotischere Zustände ergeben könnten als im Frühjahr – mit Panikkäufen und leeren Regalen. Natasha Linhart, Chefin des italienischen Nahrungsmittelgroßhändlers Atlante, weist darauf hin, dass britische Händler kaum Lagerkapazitäten hätten und deshalb keine Vorräte aufbauen könnten. Versorgungsengpässe könnten sich aus einer Kombination aus Brexit, Covid und Weihnachten ergeben. Eine ihrer größten Sorgen ist, dass Lastwagen nicht mehr rechtzeitig aus Großbritannien zurückkommen, um einen kontinuierlichen Nachschub zu gewährleisten. Das könnte für deutsche Nahrungsmittelproduzenten ebenfalls schon bald zum Problem werden.

Auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute geben sich in ihrem jüngst veröffentlichen Herbstgutachten pessimistisch: Sie gehen davon aus, „dass es nicht mehr gelingt, vor Auslaufen der Übergangsregelung einen Handelsvertrag“ mit der EU abzuschließen. Aber immerhin erwarten sie, „dass pragmatische Regelungen einen Einbruch der wirtschaftlichen Transaktionen“ verhindern.

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