Unsicherheit bei Reiseveranstaltern: Tui wartet auf Grenzöffnungen

  • Keine Flüge, keine Busreisen, keine Hotelübernachtungen: Deutschlands Reiseveranstalter mussten ihren Betrieb wegen der Corona-Pandemie überwiegend einstellen.
  • Auch das Geschäft des weltgrößten Tourismuskonzerns Tui ist wegen der Corona-Krise zum Stillstand gekommen.
  • Nun hofft das Unternehmen auf schnelle Grenzöffnungen und tüftelt an alternativen Reisekonzepten.
Frank-Thomas Wenzel
|
Anzeige
Anzeige

Am Mittwoch demonstrierten sie wieder: Mit rund 50 Bussen haben Betreiber von Reisebüros und Reiseveranstalter im Berliner Regierungsviertel auf ihre Nöte aufmerksam gemacht. Es dürfte nicht die letzte Protestaktion gewesen sein. Die Branche steckt nicht nur hierzulande in einer Krise, die viele Unternehmen in Existenznöte bringt. Deshalb will die EU nun Reisebeschränkungen lockern, um in diesem Sommer Ferien in den klassischen Urlaubsländern doch noch zu ermöglichen.

Bundesweite Demos: Branche macht auf Existenznöte aufmerksam

Die Allianz selbstständiger Reiseunternehmen hatte die Demo in Berlin organisiert. Gefordert wird vor allem ein Sonderfonds, der Rückzahlungen für stornierte Reisen abwickelt. Eine derartige Geldsammelstelle wird auch von Verbraucherschützern verlangt. Es geht darum, Arbeitsplätze in den Reisebüros und bei den Veranstaltern zu sichern. Auch Marktführer Tui machen die Rückzahlungen zu schaffen. Viele der Unternehmen sind auf die geleisteten Anzahlungen angewiesen, weil wegen der Corona-Krise das Urlaubsgeschäft eingebrochen ist. Das zeigt wie prekär die Lage der gesamten Branche ist. Um die Liquidität der Veranstalter zu schonen, wollte die Bundesregierung eigentlich Gutscheine ausgeben. Das hat die EU-Kommission aber abgelehnt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Auch Gastwirte, Hoteliers und Busunternehmen sind betroffen. Zahlreiche Firmen hatten auch in den vergangenen Boom-Jahren kaum Geld verdient. Wo es Rücklagen gab, sind diese inzwischen meist aufgebraucht. In der Reisebranche herrscht harter Wettbewerb, zudem ist sie extrem anfällig für konjunkturelle Schwankungen. Wenn Jobs in Gefahr geraten, gehören Urlaubsreisen zu den ersten Posten, die Verbraucher streichen.

Reiseveranstalter warten auf Grenzöffnungen

Selbst Tui hat schwer zu kämpfen. Nach den Worten von Konzernchef Fritz Joussen ist die Unsicherheit derzeit das größte Problem: „Es gibt keine Zusagen, keine Planbarkeit, wann Flugreisen und Schiffsreisen aus Deutschland wieder möglich sind.“ Das Kerngeschäft des Unternehmens aus Hannover sind Pauschalurlaube rund um das Mittelmeer. Auch die Anrainerländer haben großes Interesse, dass Gäste möglichst bald kommen. In Griechenland, Italien oder in Spanien gehört der Tourismus zu den Schlüsselbranchen. Es drohen massenweise Insolvenzen. Um dies zu verhindern, hat die EU-Kommission am Mittwoch ihr Konzept für Urlaubstrips trotz Corona vorgelegt. Die Empfehlung: Grenzen sollen erst einmal zwischen EU-Staaten mit ähnlichen Infektionsraten und vergleichbar starken Gesundheitssystemen wieder geöffnet werden.

Vor allem Österreich wird damit für deutsche Urlauber wieder erreichbar. Bundeskanzler Sebastian Kurz meldete sich am Mittwoch per Twitter: Ab dem „15. Mai wird es an der deutsch-österreichischen Grenze nur mehr stichprobenartige Kontrollen geben“ und zum „15. Juni soll die Grenze wieder ganz geöffnet werden“.

Anzeige

Tui-Chef: Urlaub in Europa sollte möglich sein

Italien könnte bald folgen. Davon würde dann auch Tui profitieren. Joussen jedenfalls hofft, dass die Saison demnächst mit Verspätung startet, dafür aber länger dauert. Auf Sizilien etwa ist Badeurlaub bis in den Oktober möglich. Auch für Spanien und Griechenland ist der Tui-Chef optimistisch: Sofern die Infektionszahlen regional relativ gering blieben, gebe es „keinen Grund, dass man dort nicht hinreisen könnte“. Dabei müsse Gesundheitsschutz Priorität haben. „Der Urlaub in Europa, wenn er denn sicher ist, sollte möglich sein.“

Ein gutes Signal sei, dass sich bei Buchungen für 2021 eine Verdoppelung der Nachfrage abzeichne. Eine „volle Erholung“ komme aber wohl erst 2022. Bei Tui in Deutschland sind bereits viele Beschäftigte in Kurzarbeit. Und um seine Zahlungsfähigkeit zu sichern, bekommt der Konzern über die staatliche Förderbank KfW einen Kredit von 1,8 Milliarden Euro. Der weltgrößte Reisekonzern will nun die Kosten in der Verwaltung langfristig um 30 Prozent drücken. Joussen: „Weltweit wird das Auswirkungen auf rund 8000 Stellen haben, die wir nicht besetzen oder abbauen.“ Massive Kritik kommt von der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: „Ein Personalabbau in dieser Größenordnung ist immer auch eine beschäftigungspolitische Katastrophe“, sagte die Verdi-Vize-Chefin Christine Behle dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Es gelte, um jeden Arbeitsplatz zu kämpfen und die Beschäftigten abzusichern. Ein Konzern, der Staatshilfe erhalte, stehe „gegenüber der gesamten Gesellschaft in einer sozialen Verantwortung.“

Neues Konzept: Mini-Kreuzfahrten in der Nordsee

Joussen hatte die Verschärfung des Sparkurses bereits angedeutet, um das Unternehmen gestärkt aus der Krise zu führen. Aber es werde dann eine andere Tui sein. Eine Vorahnung davon könnten sogenannte Mini-Kreuzfahrten bieten, die der Konzern demnächst anbieten will. Dazu sollen Schiffe nach Norddeutschland geholt werden, die dann kürzere Rundfahrten in der Nordsee mit nur 1000 Gästen pro Schiff anbieten. Tui gehörte zu den führenden Anbietern des Urlaubs auf dem Schiff. Doch spektakuläre Corona-Fälle auf Kreuzfahrern haben dieses Geschäft ebenfalls zum Erliegen gebracht.

Derzeit flössen monatlich insgesamt 250 Millionen Euro an Barmitteln aus dem Unternehmen ab, erläutert Joussen. Je länger der Reisestopp gelte, desto eher würden auch Kunden ihre Anzahlungen zurückfordern. Der Mittelabfluss könne dadurch noch um 100 bis 200 Millionen Euro steigen. „Insofern müssen wir möglichst schnell versuchen, unser Geschäft wieder aufzunehmen.“

Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Deshalb will Tui den Hotelbetrieb nun schrittweise wieder anlaufen lassen. Zum Schutz vor Infektionen ist dabei unter anderem vorgesehen, dass Kunden online einchecken, dass die Kapazitäten von Restaurants und Teilnehmerzahlen von Sport- und Unterhaltungs-Events verringert werden. Ähnliche Konzepte verfolgen viele andere Hotelbetreiber. Der Dachverband Dehoga hat dafür ein detailliertes Konzept entwickelt. In Tourismus-Hotsports wie Sylt und in Mecklenburg-Vorpommern wollen in den nächsten Tagen die ersten Beherbergungsbetriebe wieder öffnen.

mit dpa

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen