Der Rausch ist vorbei: 2019 war kein gutes Jahr für Cannabisproduzenten

  • Die Euphorie an den Börsen in Kanada war groß, als Ende 2018 Cannabis legalisiert wurde.
  • Jetzt ist klar: Der große Hype ist ausgeblieben, stattdessen macht sich Ernüchterung in der jungen Branche breit.
  • Experten warnen gar davor, dass demnächst eine Cannabisblase platzen könnte.
Anzeige
Anzeige

„Legalize it!“ Die kanadische Regierung hat den Uralt-Hippie-Slogan beherzigt und Cannabis im Herbst 2018 freigegeben. Augenblicklich entstand eine neue Branche, die das Rauschmittel im industriellen Stil produziert. Das löste im Frühjahr auch an den Börsen Euphorie aus. Doch die hochfliegenden Erwartungen wurden enttäuscht.

Die Unternehmen haben so klangvolle Namen wie Aurora Cannabis, Canopy Growth, Aphria, Cronos oder Tilray. Keine andere Kategorie von Aktien hat 2019 für derartige Furore gesorgt. Zuerst der Höhenflug: Anleger griffen wie auf Droge zu. Das erinnerte an den Dotcom-Boom vor 20 Jahren. Die Investment-Story wirkte zunächst plausibel: Die kanadische Regierung gab als erste eines großen Industrielandes die pflanzlichen Produkte mit dem Wirkstoff THC frei, um den Schwarzmarkt trockenzulegen und die damit verknüpfte organisierte Kriminalität zu bekämpfen – auch um Jugendliche vor Marihuana, Haschisch und verunreinigtem Stoff zu schützen. Der psychoaktive Stoff wird nun zum Zwecke der Entspannung, wie es offiziell heißt, ganz legal verkauft.

Viele neue Jobs geschaffen

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Die Unternehmen bauten schnell die Produktion aus und schufen Jobs. Allein bei Canopy sind in zwölf Monaten 2000 Stellen entstanden. Das alles geschah nicht nur mit Blick auf heimische Konsumenten im Erwachsenenalter. Die Manager schielen vor allem auf die benachbarten Vereinigten Staaten, den mit weitem Abstand weltweit größten Markt fürs Kiffen, der für ein Drittel der gesamten globalen Nachfrage steht.

Auch in den USA wird seit Jahren die Legalisierungsdebatte geführt. Zwar hat unter anderem der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders versprochen, innerhalb der ersten 100 Tage THC freizugeben, wenn er gewählt wird. Doch die Republikaner wollen hart bleiben und es bei Alkohol und Nikotin als legale Drogen belassen.

Anzeige

Die große Ernüchterung

Die Bemühungen zur Entkriminalisierung der getrockneten Hanfblätter und des gepressten Harzes der Pflanze stocken. Hinzu kommt: Die Hoffnungen von Canopy und Co. auf Exporte in andere Länder erfüllten sich nicht, weil das „Legalize it“-Motto trotz des kanadischen Vorbilds auf taube Ohren stieß. Vielfach ist wie in Deutschland Cannabis nach wie vor illegal, darf bestenfalls zu medizinischen Zwecken unter strengen Auflagen vom Arzt verschrieben werden.

Anzeige

Ende März kam die große Ernüchterung. Seither geht es mit den Cannabisaktien und ihren Indizes bergab. Wobei Canopy Growth und Aurora als Marktführer auch die negativen Trendsetter waren. Besonders heftig erwischte es Aurora. Die Aktie hat in nur neun Monaten 75 Prozent ihres Werts verloren. Allein in der Woche vor Weihnachten lag das Minus bei 11 Prozent.

Keine Exporte in die EU mehr

Der jüngste Einbruch hat mit hiesigen Regularien zu tun: Wie der Fachdienst „Apotheke adhoc“ berichtet, wurden die Importe nach Deutschland als Medikament kurzfristig eingestellt, weil Aurora Cannabis mit einem nicht für die EU zertifizierten Verfahren radioaktiv bestrahlt hat. Das muss getan werden, um die Keimbildung zu unterbinden, was eine unkontrollierte Vermehrung der Pflanzen verhindern soll.

Das Management hat inzwischen den Fehler eingeräumt und baldige Besserung gelobt. Doch damit wurde das Vertrauen der Anleger zusätzlich erschüttert. Zuvor hatten Aurora und Canopy Quartalszahlen vorgelegt, die massive Rückgänge im Geschäft dokumentierten: Canopy baute Verluste deutlich aus. Aurora meldete beim Umsatz ein Schrumpfen um fast ein Viertel auf rund 75 Millionen kanadische Dollar (51 Millionen Euro). Der Gewinn brach um fast 90 Prozent auf umgerechnet 9,5 Millionen Euro ein. Von Überangebot und Überkapazitäten war schon vorher vielfach die Rede gewesen.

Anzeige

Beide Unternehmen ließen inzwischen verlauten, dass man die Expansionspläne nun auf Eis lege – geplant waren weitere Produktionsstätten in Kanada. Wobei die legalen Drogendealer auf dem Heimatmarkt eigentlich für das Jahresende einen Nachfrageschub erwartet hatten. Denn die Staatsregierung hat eine weitere Lockerung der Vorschriften umgesetzt. Jetzt dürfen auch Nahrungsmittel und Getränke mit Cannabis versetzt werden. Außerdem wurden sogenannte Vapes legalisiert. Dabei handelt es sich um handliche Inhalationsgeräte – E-Zigaretten ähnlich.

Regionalregierungen blockieren Legalisierung

Allerdings blockieren und reglementieren mehrere Regionalregierungen den Verkauf der neuen Produkte. Bislang sind sie nur in wenigen Provinzen zu haben. Die zugleich geplante landesweite Ausweitung der Verkaufsstellen vollziehe sich nur sehr langsam, sagte John Zamparo, Analyst bei der Canadian Imperial Bank, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. Es werde für viele Cannabisproduzenten schwer, die selbst gesteckten Erwartungen zu erfüllen.

Statt Cannabis Geld verbrannt

Das alles hört sich nicht gerade berauschend an. Platzt da bald eine Blase? Eine geradezu vernichtende Beurteilung hat jedenfalls gerade Gordon Johnson von dem Analysehaus GLJ Research abgegeben. Er hat das Kursziel der Aurora-Aktie, die auch an der New Yorker Börse gehandelt wird, auf null US-Dollar gesetzt. Hauptgrund: Er geht davon aus, dass sich das Unternehmen massiv verhoben hat und in eine schwere Liquiditätskrise steuert: Dem Markt werde nun klar, mit welchem Tempo Aurora Kapital verbrenne. Aufgrund von Verpflichtungen gegenüber Banken werde der Cannabisfirma am 1. Juli 2020 das Geld ausgehen.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen