Der Fehler steckt im System: VW ruft den Golf 8 zurück

  • Volkswagen hat am Dienstag 58.600 Fahrzeuge des neuen Golf 8 zurückgerufen.
  • Die Kunden reagieren verärgert, denn Schwierigkeiten mit dem Modell waren schon beim Marktstart 2019 absehbar.
  • Der Wolfsburger Konzern räumt allerdings auch ein, die eigenen Ziele nicht erreicht zu haben.
Gerd Piper
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Der Ärger hört einfach nicht auf und das ausgerechnet beim wichtigsten Modell: Volkswagen ruft 56.000 Golf 8 zurück, weil der Hersteller die Schwierigkeiten mit der Software einfach nicht in den Griff bekommt. „Betroffen ist die gesamte erste Produktion“, sagte ein Unternehmenssprecher gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Zwar handele es sich bei den Problemen nicht um sicherheitsrelevante Systeme, doch das Infotainment, quasi das elektronische Herzstück des Wolfsburger Bestsellers, versage immer wieder an ganz unterschiedlichen Stellen: Mal reagiert das System träge, mal wird der Bildschirm schwarz oder die Sprachbedienung versteht die Befehle nicht, dann stellt der Spurhalteassistent überraschend seinen Dienst ein, die Rückfahrkamera überträgt keine Bilder oder die Bedienung der Klimaanlage streikt. Die Kunden sind inzwischen sauer: „Die Reklamationen sind hoch. Wir haben unsere eigenen Ansprüche nicht erfüllt, das gesteckte Ziel nicht erreicht“, räumt der VW-Mann ein.

Der Rückruf betrifft in Deutschland rund 26.000 Fahrzeuge, der Rest verteilt sich über Europa. Es handele sich dabei nicht um einen verpflichtenden Rückruf, sondern um eine freiwillige Aktion, betont der Konzern. Ein Besuch in der Werkstatt ist dabei unumgänglich – die Software der betroffenen Fahrzeuge kann nicht „over the air“ überspielt und auf den aktuellen Stand gebracht werden, weil die Systeme teilweise dezentral arbeiten und nicht die notwendige Vernetzung mitbringen. Die erste Produktion des Golf 8, mit dem Volkswagen den Sprung ins digitale Zeitalter vollziehen wollte, ist dazu nicht in der Lage.

Probleme mit der Software können nicht einzeln behoben werden

Dass es mit dem Golf 8 Schwierigkeiten geben könnte, hatte sich bereits vor dem Marktstart 2019 angekündigt: In der Schlussphase der Endabstimmung häuften sich die Fehlermeldungen in der Software so sehr, dass sich der Hersteller gezwungen sah, eine eilig anberaumte Pressekonferenz anzusetzen, um wieder Ruhe in die Geschichte zu bekommen. Man habe alles im Griff, hieß es damals. Häufige Fehlermeldungen in dieser Phase der Entwicklung seien bei der Komplexität der Systeme normal. „Nichts geht mehr allein, nichts kann isoliert betrachtet werden, weil alles ineinandergreift“, erklärte seinerzeit ein Entwickler die Problematik.

Doch schon im Mai des vergangenen Jahres musste VW rund 30.000 Fahrzeuge in die Werkstätten beordern, weil es Probleme mit dem elektronischen Notrufassistenten eCall gab – da es sich hier um ein sicherheitsrelevantes System handelt, wurde die Rückrufaktion vom Kraftfahrtbundesamt überwacht. Inzwischen ist man schlauer: VW arbeitet mit Hochdruck an eigenen Softwarelösungen, um von den verschiedenen Zulieferern unabhängig zu werden. Denn dass eine hochkomplexe Fahrzeugelektronik sehr wohl stabil laufen kann, beweist ein Hersteller wie Tesla, der von Beginn an auf zentrale Lösungen gesetzt hat.

Holpriger Marktstart

Dass der Marktstart des Golf 8 so holprig verlief und tausende Kunden des Fahrzeugs noch heute mit den Problemen aus dieser Zeit zu kämpfen haben, könnte aber noch einen weiteren Grund haben: Zum Schluss hatte man es mit der Markteinführung ganz besonders eilig, weil noch die Crashtestbewertungen ausstanden. Die Maximalzahl von fünf Sternen für bestmögliche aktive und passive Fahrzeugsicherheit waren für den Golf gesetzt. Der ewige Bestseller im Programm der Niedersachsen durfte sich hier keine Schwäche leisten, der Imageschaden wäre enorm gewesen. Fraglich ist jedoch, ob der Wagen die fünf Sterne vielleicht nicht bekommen hätte, wäre er unter den neuen, verschärften NCAP-Crashtestbedingungen aus dem Jahr 2020 getestet worden, die sich vor allem beim Aufprallschutz mehr an realitätsnahen Szenarien orientieren. Eine offizielle Bestätigung hat es von VW dazu nie gegeben.

Dafür blickt man gegenwärtig voller Optimismus in die Zukunft: Wenn die Software der jetzt betroffenen Fahrzeuge aufgespielt sei, müssten alle Schwierigkeiten ausgeräumt sein, heißt es. Dann seien die Fahrzeuge auf dem gleichen Level wie alle anderen auch. „Abgesehen von den Schwierigkeiten, die so komplexe Systeme immer mal wieder machen können“, sagt der VW-Sprecher.

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