Der Dax boomt (noch): Nach dem Aktienhöhenflug droht der Absturz

  • Die Weltwirtschaft ächzt unter der Corona-Krise, doch der Dax boomt.
  • Dieser scheinbare Widerspruch hat aber auch eine Menge mit dem Vertrauen der Märkte in die europäische Politik zu tun.
  • Besonders Angela Merkel und Emmanuel Macron gelten als Stabilitätsgaranten.
Frank-Thomas Wenzel
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Zu den immer wieder gern zitierten Weisheiten für Anleger zählt: “Politische Börsen haben kurze Beine.” Der Gegenbeweis ist nun aber erbracht. Am Freitagnachmittag notierte der Deutsche Aktienindex (Dax) nahe der Marke von 13.000 Punkten. Das ist der höchste Wert seit dem Corona-Crash Anfang März. Die jähe Erholung wird von Finanzprofis vor allem auf die Aussagen von zwei Politikern zurückgeführt: Nämlich auf die Verlautbarungen von Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Mitte Mai kündigten sie an, EU-weit gigantische Hilfsprogramme auf den Weg bringen zu wollen. An diesem Wochenende diskutieren die Staats- und Regierungschefs der Union über die viele Hundert Milliarden Euro schweren Stützungsmaßnahmen.

US-Großbanken empfehlen Aktien aus Old Europe

Mit den kurzen Beinen ist gemeint, dass Aktienkurse wegen politischer Ereignisse nur kurzfristig nach oben gehen. Doch die Bergfahrt bei den wichtigsten europäischen Indizes währt nun schon seit Mitte Mai. Inzwischen haben auch die Strategen mehrerer US-Großbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder der Bank of America eine Übergewichtung europäischer Aktien empfohlen. Auch der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock ist gerade ebenfalls dem Club beigetreten. Man erwärme sich für die Dividendentitel vom Alten Kontinent, weil die Politik aktiv werde und ein relativer Erfolg beim Eindämmen der Pandemie erkennbar sei, schreiben die Analysten.

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Sie geben dem Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank ihr Gütesiegel, genauso wie dem geplanten Wiederaufbauplan der EU-Kommission sowie den deutschen und französischen Konjunkturpaketen. Die Leute von Blackrock raten auch zum Kauf von Staatsanleihen kleinerer EU-Staaten. Für die Goldman-Strategen zählt vor allem, dass für die nächsten drei Monate eine Erholung der globalen Konjunktur zu erwarten sei und dass davon europäische Unternehmen in besonderem Maß profitieren würden. Als weiterer wichtiger Faktor wird unter Experten die Differenz zwischen den Renditen deutscher und italienischer Staatsanleihen betrachtet. Der sogenannte Spread hat sich seit Mitte Mai deutlich verkleinert. Dies gilt als ein maßgeblicher Indikator für eine gestiegene Stabilität im europäischen Finanzmarkt.

Deutsche Unternehmen als Gewinner der Corona-Krise

All dies führt dazu, dass Fondsmanager umschichten, was die Kurse der europäischen Aktien in die Höhe treibt. Die Folge: Der breit angelegte Stoxx Europe 600 ist in den vergangenen zwei Monaten deutlich stärker gestiegen als sein US-Pendant, der S&P 500. Wie ein Verstärker wirken in dieser Situation aktuelle Geschäftszahlen von Unternehmen. So haben der Internetmodehändler Zalando und der Laborzulieferer Sartorius (beide sind im M-Dax notiert) höhere Umsätze als erwartet präsentiert. Beide Firmen gehören zu den Corona-Gewinnern. Aber auch Adva, ein Ausrüster für Kommunikationsnetzwerke, zeigte am Freitag einen Gewinn für das zweite Quartal, der über den Prognosen lag. Im Fokus stand aber am letzten Handelstag der Woche der Autobauer Daimler.

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Er legte bis zum Nachmittag zeitweise um mehr als 4 Prozent zu. Zwar mussten die Stuttgarter im zweiten Quartal einen operativen Verlust von 1,7 Milliarden Euro hinnehmen. Zudem soll der Stellenabbau massiv ausgeweitet werden. Dies hatten viele Beobachter aber bereits erwartet. Als positive Überraschung wurde indes gewertet, dass das Unternehmen über relativ hohe Barmittel verfügt. All diese Zahlen sind in den Augen vieler Börsianer ein Signal dafür, dass die Unternehmen einigermaßen glimpflich durch die Krise kommen könnten.

Mit dem Niveau nahe der 13.000 Punkte notiert der Dax ungefähr da, wo er Anfang des Jahres stand. Damit liegt er zugleich deutlich über dem Niveau von vor zwölf Monaten. Da spielt eine wichtige Rolle, dass die EZB den Investoren Anleihen in großem Stil abkauft. Mit den Erlösen werden dann verstärkt Aktien gekauft. Dabei erfreuen sich die sogenannten zyklischen Papiere besonderer Beliebtheit. Das sind Anteilscheine von Unternehmen, die stark vom konjunkturellen Auf und Ab abhängig sind – beispielsweise Autobauer, Konsumgüterhersteller oder Techfirmen. Anleger wetten darauf, dass hier besonders hohe Wertsteigerungen erzielt werden können, wenn die Konjunkturprogramme ihre Wirkung entfalten.

Scheitern des EU-Gipfels könnte “verheerendes Signal” sein

Doch dafür müssen sie erst einmal beschlossen und umgesetzt werden. Und da gibt es viele Fragezeichen. So warnte gerade Gabriel Felbermayr vom Kieler Institut für Weltwirtschaft in einem Interview, dass bei langwierigen Verhandlungen der 27 EU-Staaten die Hilfsprogramme zu spät kommen könnten. Auch Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners schreibt in einer Analyse, dass ein Scheitern des EU-Gipfels an diesem Wochenende ein “verheerendes Signal” sein könnte. In den Aktienkursen seien die positiven Effekte des Wiederaufbaufonds bereits berücksichtigt. Auch die Fondsgesellschaft DWS warnt.

Betrachte man Prognosen über Gewinne und Wirtschaftswachstum im Verhältnis zu den Aktienkursen, “dann scheinen die Börsen sehr großzügig zu sein”. Anleger seien derzeit bereit, für künftige Profite deutlich mehr zu bezahlen als noch zu Jahresanfang. Es wird also letztlich auf positive Überraschungen gewettet. Doch wenn die ausbleiben, könnten die Kurse schnell wieder in die Tiefe rauschen.

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