Dax-Aktie des Jahres: Das steckt hinter dem Höhenflug von MTU

  • Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen - in dem am Ende Dax-Neuling MTU über den Sportkonzern Adidas triumphierte.
  • Denn nur wenige Monate nach dem Börsendebüt steht fest: MTU-Papiere sind die DAX-Aktien des Jahres.
  • Für den Höhenflug gibt es mehrere Gründe - die auch dafür sprechen, dass die Rallye 2020 weitergehen dürfte.
Thomas Magenheim
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In den Wochen vor Silvester hat das Geschäft mit Flugzeugtriebwerken noch einmal mehr Schub entwickelt als das mit Sportschuhen. Das hat den Anteilsschein des Turbinenherstellers MTU zur Dax-Aktie des Jahres 2019 gemacht - knapp vor Papieren des Sportartiklers Adidas. Beide haben dieses Jahr rund 60 Prozent zugelegt, MTU am Ende etwas mehr als Adidas.

Etwa 255 Euro kostet eine Aktie der Industrieperle aus dem Münchner Norden nun. Wer nach Gründen für den Höhenflug sucht, könnte es sich einfach machen. Ende September wurde MTU in den führenden deutschen Aktienindex aufgenommen. Fonds, die ihn abbilden, mussten daraufhin kaufen, was der Aktie viel Auftrieb beschert hat. Das allein hat aber nicht zum Aufstieg der einst eher unscheinbaren Daimler-Tochter geführt.

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2003 war es, als der Stuttgarter Autobauer beschlossen hatte, MTU für 1,5 Milliarden Euro an den Finanzinvestor KKR zu verkaufen. Zwei Jahre später war MTU an der Börse mit 21 Euro je Aktie als Erstnotiz. Weit mehr als Verzehnfacht hat sich der Kurs seither. Das Unternehmen wird heute mit gut 13 Milliarden Euro bewertet.

MTU-Teile stecken in jedem dritten Passagierjet

Dabei baut MTU nicht einmal komplette Flugzeugtriebwerke wie die US-Hersteller GE und Pratt & Whitney oder die britische Rolls-Royce. Der Luftfahrtzulieferer aus München fertigt aber Schlüsselkomponenten wie Hochdruckverdichter oder Niederdruckturbinen, die es technologisch derart in sich haben, dass MTU-Teile im Schnitt in jedem dritten Passagierflugzeug von Boeing über Airbus bis Embraer oder westlichen Militärjets wie dem Eurofighter stecken. Der jeweilige MTU-Triebwerksanteil schwankt dabei zwischen vier und 40 Prozent.

Derzeit profitieren die Bayern zum Beispiel besonders stark vom Erfolg des Airbus-Verkaufsschlagers A320neo, an dessen sprit- und schadstoffarmen Triebwerken MTU maßgeblichen Anteil hat.

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MTU hat gute Zukunftsaussichten

Teil des Erfolgsgeheimnisses ist auch, dass sich die Münchner nicht exklusiv an einen großen Triebwerkshersteller binden, sondern von Modell zu Modell abwechselnd mit GE, Pratt & Whitney oder Rolls-Royce kooperieren. Das verteilt Risiken und kein Geschäft ist von vorneherein ausgeschlossen.

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Dazu kommt, dass die Wettbewerberzahl sehr überschaubar ist. Experten zählen in der Branche weltweit inklusive MTU acht relevante Konkurrenten, was sich wegen hoher Eintrittshürden auch kaum erhöhen dürfte. „Ein neues Triebwerk zu entwickeln kostet mehrere Milliarden Dollar und ist technisch sehr anspruchsvoll“, stellt MTU-Chef Reiner Winkler klar. Er ist ein betont ruhiger Vertreter der Managerzunft und neigt nicht zu Übertreibungen.

Zweites Standbein: Service

Andererseits ist ein Zulieferer wie MTU und damit auch dessen Aktienkurs abhängig von der Entwicklung der Luftfahrtbranche, die sich immer mehr der Klimadiskussion stellen muss. Noch stehen die Zeichen aber auf Steigflug. Verbraucher fliegen unvermindert, so wie sie immer mehr Geländewagen kaufen. Eine Airbus-Studie sagt bis 2038 fast eine Verdoppelung der weltweiten Flugzeugflotten auf etwa 48.000 Maschinen voraus. Auch diese Aussichten haben MTU 2019 beflügelt.

Lässt die Branchenkonjunktur einmal nach, können die Münchner mit dem lukrativen Wartungsgeschäft an Standorten wie Hannover und Berlin-Ludwigsfelde von einem wichtigen Pfund zehren. Beim Verkauf von Triebwerken an Flugzeughersteller wird branchenüblich relativ wenig verdient. Üppige Margen aber bringen Reparatur und Wartung der Triebwerke. Das könnte die Münchner demnächst in einem speziellen Fall zum Krisengewinnler machen.

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MTU profitiert von der Boeing-Krise

Wegen des anhaltenden Flugverbots für die Boeing 737 Max müssen eingemottete alte Passagierflugzeuge wieder flugfähig gemacht werden, sagt UBS-Analystin Celine Fornaro voraus. Das werde das Wartungsgeschäft von MTU stimulieren. Die Branchenexpertin der UBS-Bank hat deshalb das Kursziel für MTU jüngst auf 295 Euro angehoben. Von gut 20 Bankanalysten, die MTU regelmäßig begutachten, rät aktuell allerdings nur noch knapp ein Drittel zum Kauf der Aktie. Die Hälfte empfiehlt ein Halten des Papiers, weil seine Kursentwicklung nach allgemeiner Einschätzung vorerst ausgereizt ist.

Das Rekordjahr, das MTU 2019 mit 4,7 Milliarden Euro Umsatz und 750 Millionen Euro operativem Gewinn vor Steuern und Zinsen eingeflogen haben dürfte, ist im aktuellen Aktienkurs eingepreist. „Weiterem Wachstum steht nichts im Wege“, meinte Winkler jüngst mit Blick auf 2020 und folgende Jahre. Dafür sorge auch anhaltender Stellenaufbau auf zuletzt weltweit 10.500 Beschäftigte. 21 Milliarden Euro Auftragsbestand lasten die Produktion rechnerisch auf gut vier Jahre aus.

Zudem kündigen sich neue Geschäfte an. Mit dem französischen Triebwerksbauer Safran hat MTU soeben eine Entwicklungspartnerschaft für ein neues europäisches Kampfflugzeug bekanntgegeben. Was die Zukunft des Fliegens betrifft, ist MTU auch an der Entwicklung elektrischer Flugmotoren zum Beispiel für Flugtaxis beteiligt. Um MTU-Technik dürfte auch in Zukunft kaum ein Flugzeughersteller herumkommen.