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Der Dax wächst – doch viele Probleme bleiben ungelöst

  • Nach vielen Jahrzehnten sollen nicht mehr die größten 30, sondern 40 Unternehmen im DAX berücksichtigt werden.
  • Und auch die Anforderungen an die Unternehmen im wichtigsten deutschen Aktienindex steigen.
  • Doch einige Probleme bleiben ungelöst, analysiert RND-Redakteur Frank Wenzel.
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Anleger haben noch bis September nächsten Jahres Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dann wird nicht mehr vom Dax 30 die Rede sein, sondern vom Dax 40. Die erste Börsenliga wird um zehn Spieler aufgestockt. Zugleich werden die Regeln für die Akteure verschärft und internationalen Gepflogenheiten angepasst – als Konsequenz aus dem Desaster mit dem Finanzdienstleister Wirecard.

Das Unternehmen war im Frühsommer nach zahlreichen Betrügereien kollabiert, konnte aber nicht aus dem Deutschen Aktienindex rausgeworfen werden. Das war höchst peinlich für die Deutsche Börse, die selbst in dem Leitindex notiert ist und ihn als eine Art Aushängeschild für die hiesige Wirtschaft vermarktet. Dann kam zu allem Übel noch hinzu, dass mit dem Mahlzeitendienst Delivery Hero eine Firma nachrückte, die hierzulande überhaupt kein Geschäft mehr betreibt, sondern vor allem in Asien aktiv ist. Noch viel schlimmer für zahlreiche Analysten: Das Berliner Unternehmen hat noch nie Geld verdient, und daran dürfte sich auf absehbare Zeit auch nichts ändern.

Die Ansprüche an Dax-Unternehmen steigen

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Jetzt soll alles besser werden: Mit 40 Mitgliedern soll der Club „die größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland noch umfassender abbilden“, teilt die Deutsche Börse mit. Zudem gilt von Dezember 2020 an: Dax-Kandidaten müssen in den vorangegangenen zwei Geschäftsjahren einen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) erwirtschaftet haben. Die Firmen werden verdonnert, rechtzeitig testierte Geschäftsberichte und vierteljährlich Quartalsmitteilungen vorzulegen. Bei Verstößen folgt nach Ablauf einer Karenzzeit von 30 Tagen der sofortige Rauswurf – Wirecard hatte die Veröffentlichung von Kennzahlen immer wieder verschoben.

Außerdem sollen in den Aufsichtsräten Prüfungsausschüsse eingerichtet werden, die sich über die Zahlenwerke beugen, bevor sie veröffentlicht werden. Zweimal im Jahr gibt es künftig planmäßige Hauptprüfungen (März und September), bei denen über die Zugehörigkeit zur Börsenelite entschieden wird – bislang geschah dies nur einmal. Zudem gilt von September an, dass das Hauptkriterium beim Dax die Marktkapitalisierung ist – also der Wert der handelbaren Aktien eines Unternehmens. Das Kriterium des Umsatzes der Aktien an der Börse wird gestrichen – das war eine deutsche Spezialregelung. Stattdessen müssen die Unternehmen eine Mindestliquidität vorweisen, was international üblich ist.

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All dies soll den Dax weltweit für Finanzprofis, aber auch für Verbraucher, die Geld anlegen wollen, attraktiver machen. Immerhin sind derzeit schon 14 Milliarden Euro allein in Aktienfonds investiert, die nichts anderes tun, als den Dax nachzubilden. Auch bei zahlreichen Anlageprodukten zur Altersvorsorge, für Pensionskassen und Vermögensverwalter spielt der hiesige Leitindex eine wichtige Rolle. Für die Unternehmen bedeutet die Zugehörigkeit zum Leitindex eine erhöhte Wahrnehmbarkeit, was sich zumeist in steigende Kurse ummünzt.

Große Unternehmen sind gar nicht an der Börse

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Ein großer Nachteil wird aber auch nach der Reform bleiben: Er wird trotz der Erweiterung im internationalen Vergleich in puncto Marktkapitalisierung eher schwächlich unterwegs sein. Das hat viel damit zu tun, dass zahlreiche große Konzerne nicht börsennotiert sind. Aber auch die auf einem starken Mittelstand beruhende Unternehmenslandschaft macht sich bemerkbar. So ist der Einzelhandel gar nicht präsent, obwohl die großen vier im Lebensmittelgeschäft (Rewe, Edeka, Aldi und Lidl) seit Jahren sehr erfolgreich sind. Auch Vertreter des hierzulande wichtigen Maschinenbaus sucht der Anleger im Dax vergeblich.

Nur 30 Firmen bedeutet bislang trotzdem, dass das Auf und Ab des Dax von Wohl und Wehe weniger Großer abhängig ist. Die Branchen Autos, Chemie, Energie und Finanzdienstleistungen dominieren. Deshalb wurde die Diversifizierung mit der Ausweitung auf 40 Unternehmen am Dienstag von Analysten und Aktienstrategen durchweg begrüßt.

Eine Chance für Zalando, Puma und Siemens Healthineers

Zu den aussichtsreichen Kandidaten für einen Aufstieg von der zweiten Liga (M-Dax) in die erste gehört zuallererst der Luftfahrt-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern Airbus. Auch die Siemens-Abspaltung Healthineers (Spezialist für Medizintechnik), der Onlinehändler Zalando, der Versicherungskonzern Hannover Rueck und der Sportartikler Puma haben sehr gute Chancen.

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Der Dax-Reform vorausgegangen war eine umfängliche Befragung von Finanzprofis, Privatleuten und Verbänden. Die Deutsche-Börse-Tochter Qontigo hat dann die neuen Regeln auf der Basis von mehr als 600 Rückmeldungen erarbeitet.

Nachhaltigkeit spielt keine große Rolle

Nicht alle sind jetzt wunschlos glücklich. Die Analysten des Vermögensverwalters Flossbach von Storch beschweren sich, dass aufgrund der Profitabilitätsanforderungen junge, schnell wachsende Firmen außen vor blieben. Die Aktionärsschützer-Organisation DSW beklagt, dass die Orientierung an der Kennzahl Ebitda fragwürdig sei, da „deren Definition durch die Unternehmen selbst“ vorgenommen werde. Entscheidend seien hingegen der Jahresüberschuss und der Bilanzgewinn.

Die heftig diskutierten Nachhaltigkeitskriterien wurden nicht in den Kriterienkatalog aufgenommen. Unter anderem war im Gespräch, Firmen auszuschließen, die es mit „kontroversen Waffen“ (Atomwaffen) zu tun haben. Das Deutsche Aktieninstitut hat solch eine Regelung als „deutschen Sonderweg“ abgelehnt. Die NGO Urgewald und der Dachverband der kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sprachen hingegen von einem „Rückschritt für Menschenrechte und Klimaschutz“ und von einem „Armutszeugnis“. Beinahe entschuldigende Töne schlägt indes Stephan Flägel von Qontigo an: „Nachhaltiges Investieren ist und bleibt einer der wichtigsten Trends an den Finanzmärkten.“ Deshalb werde der Austausch mit Marktteilnehmern zu diesem Thema fortgeführt.

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