Altes Denken in Davos: „Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten“

  • Noch immer hält sich die Denkweise, dass es einen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie gibt.
  • Tatsache sei aber, dass Umweltschutz ein extrem wichtiger Wirtschaftszweig ist, sagt der Autor Ralf Volke.
  • Klimaschutz koste zwar Geld – jedoch nicht so viel wie Untätigkeit.
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Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig sich altes Denken manchmal hält – und das, obgleich es von den Realitäten längst widerlegt wurde: „Um meine feierliche Pflicht zu erfüllen, Amerika und seine Bürger zu schützen, werden die USA aus dem Pariser Klimaabkommen austreten“, verkündete US-Präsident Donald Trump im Sommer 2017.

Dass die Haltung des 45. Präsidenten der USA zum Klimawandel jenseits von Gut und Böse ist, dürfte offenkundig sein. Wer den Klimawandel als „Erfindung der Chinesen“ mal eben vom Tisch wischt, hat sich aus einer ernsthaften Diskussion zu diesem Thema verabschiedet.

Trump: Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie

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In Davos dürfte er mit seiner Sicht der Dinge in diesen Tagen zwar relativ einsam sein, aber Trumps Aussage ist dennoch interessant. Dass er sich mit der Begründung, die USA schützen zu wollen, aus dem Klimaschutz zurückzieht, meint ja nichts anderes als: „Das ist uns zu teuer.“ Klimaschutz bezeichnet er auch ganz offen als „kostspieligen Bockmist“.

Der US-Präsident offenbart damit eine Denkweise, die zwar nachweislich falsch, aber dennoch nicht auszurotten ist: nämlich die Denkweise, dass es einen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie gibt. Umweltschutz, so diese noch immer weit verbreitete Auffassung, ist vor allem ein Kostenfaktor.

Mit dieser Sichtweise reiht Trump sich in eine lange Reihe von Politikern und Wirtschaftsmanagern ein, die im Denken der 1980er-Jahre stecken geblieben sind und denen offenbar kaum aufgefallen ist, dass sich Umweltschutz nicht in Birkenstock-Sandalen, Jutetaschen und Müslifrühstück erschöpft.

Umweltschutz als lukrativer Wirtschaftszweig

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Diese mittlerweile reichlich überholte Weltsicht aus den Anfängen der Ökobewegung hält sich erstaunlicherweise recht hartnäckig – ungeachtet der Tatsache, dass Umweltschutz schon seit Jahrzehnten ein extrem wichtiger Wirtschaftszweig ist. Das ist in den USA nicht anders als in Europa.

Allein in Deutschland betrug das Marktvolumen für Umwelttechnik im Jahr 2016 rund 347 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der deutsche Bundeshaushalt betrug im selben Jahr knapp 317 Milliarden Euro. Für die Effizienz von Energie und Rohstoffen, Ökostrom, nachhaltige Mobilität, Kreislaufwirtschaft oder Wassermanagement wird in Deutschland also mehr Geld ausgegeben als für Verteidigung, Soziales oder Straßenbau.

Nach einer Prognose der Unternehmensberatungsgesellschaft Roland Berger wird sich das Volumen für Umwelttechnik in Deutschland bis 2025 auf 738 Milliarden Euro mehr als verdoppeln. Das ist eine durchschnittliche Steigerungsrate von jährlich 8,8 Prozent – ein Wert, von dem andere Branchen nur träumen können.

Umweltpolitik hinter Wirtschaftspolitik

Bereits 2008 sprach der damalige deutsche Umweltminister Gabriel völlig zu Recht davon, dass die Umweltpolitik Innovationen vorantreiben müsse. Im 21. Jahrhundert werde „Ökologie zur Ökonomie“, fügte er unter dem Applaus der Umweltbewegung hinzu. Allerdings rutschte er später als Wirtschaftsminister (zwischen 2013 und 2017) wieder zurück in die alte Haltung des Gegeneinander von Umwelt und Wirtschaft.

Gleiches kann man auch beim heutigen Wirtschaftsminister Peter Altmaier beobachten. Mit den neuen Regeln aus seinem Haus macht der ehemalige Umweltminister Altmaier ausgerechnet dem Ökostrom das Leben schwer – und damit dem Kernbereich des Klimaschutzes. Aber selbst junge Politiker offenbaren zuweilen diese uralte und längst widerlegte Sichtweise. So sprach der zu diesem Zeitpunkt gerade mal 40-jährige FDP-Chef Christian Lindner im April 2019 davon, dass man sich Klima- und Umweltschutz schließlich auch leisten können müsse.

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Umweltschutz kostet Geld, aber lohnt

Selbstverständlich muss man für Umwelt- und Klimaschutz Geld in die Hand nehmen. Es wäre Unfug, das zu bestreiten. Wenn etwa ein Häuslebauer darüber nachdenkt, ob er 5000 Euro für eine solarthermische Anlage ausgeben soll, wird er nachrechnen, wie viel er ansonsten für Öl oder Gas bezahlen müsste. Und dann wird er sich überlegen, ob sich diese Investition lohnt.

Möglicherweise wird er zu dem Schluss kommen, dass sich eine solche Anlage erst nach zwölf oder 15 Jahren rechnet. Wenn aber in den folgenden Jahren die Preise für Öl und Gas deutlich steigen, dann wird er vielleicht schon in fünf oder zehn Jahren mit Blick auf die Ersparnis in seiner Energierechnung zu dem Schluss kommen, dass er mit seiner Solaranlage etwas richtig gemacht hat.

Diese Rechnung geht auch volkswirtschaftlich auf: Wenn die Menschen stromsparende Kühlschränke oder verbrauchsarme Hybrid- sowie abgasfreie Elektroautos kaufen und auf die Weise die Öl- und Gasimporte sinken, dann hilft das nicht nur dem Klima, sondern verbessert auch die Außenhandelsbilanz.

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Untätigkeit wird auf lange Sicht teuer

Der Charme solcher Investitionen liegt auch darin, dass wir in Bereiche investieren, für die wir früher oder später ohnehin Geld ausgeben müssen. Um den Abschied vom Verbrennungsmotor oder den weiteren Aufbau von Windparks und Solaranlagen kommt Deutschland mit dem fortschreitenden Klimawandel und den zur Neige gehenden Ölvorkommen ohnehin nicht herum. Je früher und zügiger dieser Strukturwandel stattfindet, umso sanfter und preiswerter wird er sein. Untätigkeit dagegen wird ausgesprochen teuer – zumindest auf lange Sicht.

Finanzkrise statt Klimaschutz

Auch der weltweite Klimaschutz muss unter diesem Gesichtspunkt gesehen werden: Bereits im Jahr 2006 legte der Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern eine Rechnung vor, nach der die Welt für einen wirksamen Klimaschutz über 30 Jahre hinweg jährlich etwa ein Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes ausgeben müsse. Als der Stern-Report im Oktober 2006 veröffentlicht wurde, waren das ungefähr 600 Milliarden US-Dollar, zehn Jahre später rund 770 Milliarden. Stern gilt seither als der Mann, der an den Klimaschutz ein Preisschild geklebt hat.

Und zwar eins, bei dem viele Politiker schlucken mussten. Was Stern da verlangte, war eine Menge Geld. Allerdings bei Weitem nicht so viel, wie kurz darauf während der internationalen Finanzkrise verbrannt wurde. Nach Berechnungen der Asiatischen Entwicklungsbank gingen allein während des ersten Jahres dieser Krise 50.000 Milliarden Dollar verloren – fast 100-mal so viel, wie man für einen effizienten Klimaschutz ausgeben müsste.

Der Unterschied war allerdings, dass Stern das geforderte Geld seriös investieren, und nicht durch waghalsiges Zocken an den Börsen vernichten wollte. Vor allem in mehr Energieeffizienz und den Aufbau einer kohlenstoffarmen Energieversorgung wollte Stern diese Milliarden pumpen. Der Ökonom erhielt für seine Berechnungen (die von zahlreichen Wirtschaftswissenschaftlern ausdrücklich bestätigt wurden) weltweit viel Zustimmung, auch aus den Reihen der deutschen Regierung.

Klimawandel schadet Bruttoinlandsprodukt

Janos Pasztor vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen sagte wenig später zu Sterns Erkenntnissen: „Es kostet nicht die Welt, die Welt zu retten.“ Ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes ist zwar eine Menge Geld – aber immer noch weniger, als die deutsche Bundesregierung beispielsweise für Verteidigung ausgibt.

Umgesetzt wurden Sterns Vorschläge trotz aller Zustimmung bisher nicht – obgleich er eine ziemlich eindrucksvolle Rechnung aufgemacht hatte: Die Ausgaben würden durch die angestoßenen Innovationsprozesse einen wirtschaftlichen Nutzen in siebenfacher Höhe des ausgegebenen Betrags nach sich ziehen.

Bleibe man dagegen untätig, so der vielfach ausgezeichnete britische Ökonom, seien durch den Klimawandel höhere Schäden zu erwarten, als sie durch beide Weltkriege verursacht wurden. Allein in der Landwirtschaft seien die zu erwartenden Verluste immens.

Insgesamt, so belegte der Stern-Report, müsse bei fortschreitendem Klimawandel mit Schäden gerechnet werden, die mindestens 5 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes entsprechen. Wahrscheinlicher sei jedoch eine Größenordnung von etwa 20 Prozent.

Materielle Schäden durch Klimawandel

Der Münchner Rückversicherer Munich Re legte vor einigen Tagen eine Schadensbilanz für das vergangene Jahr vor. Zwar gab es 2019 weniger Tote durch Naturkatastrophen, aber die materiellen Schäden blieben mit 150 Milliarden US-Dollar auf einem ähnlichen Niveau wie in den vergangenen Jahren.

Dass ein erheblicher Anteil dieser Schäden dem Klimawandel zuzurechnen ist, steht für den Versicherer außer Frage: „Die Indizienkette geht dahin, dass es sehr wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Klimawandel gibt“, sagt Ernst Rauch, Chef der Klimaforschung bei dem Versicherungsunternehmen.

Klimaschutz: Plus an Arbeitsplätzen

Dabei gibt es auch einen sehr direkten wirtschaftlichen Nutzen bei Klimaschutz. Im Mai 2018 legte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Berechnungen vor, nach denen eine klimafreundliche Wirtschaftsweise bis zum Jahr 2030 weltweit 24 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen würde – überwiegend in den Bereichen erneuerbare Energien, Elektromobilität sowie Energieeffizienz von Gebäuden.

ILO-Generaldirektor Guy Ryder verschwieg bei der Vorstellung der Studie nicht, dass zugleich auch sechs Millionen Arbeitsplätze wegfallen würden – vor allem bei Unternehmen, die bisher noch ihr Geld mit fossilen Energien (Kohle, Öl, Erdgas) verdienen. Unter dem Strich würde aber in den meisten Ländern ein deutliches Plus an Arbeitsplätzen stehen.

Mit einem Minus müssten vor allem der Mittlere und Nahe Osten sowie Teile Afrikas rechnen – eine Folge der übermäßigen Abhängigkeit dieser Länder vom Erdöl und vom Bergbau. Der ILO-Chef sprach von einem „sauberen Wachstum“, das angesichts der Erderwärmung notwendig sei.

Der Autor Ralf Volke hat dieses Thema auch in seinem Buch „30 Jahre Dummheit: Warum wir unser Klima nicht retten“ ausführlicher beschrieben.

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