Dieter Zetsche wird doch nicht Aufsichtsratschef bei Daimler

  • Paukenschlag in Untertürkheim – der langjährige Vorstandschef von Daimler, Dieter Zetsche, übernimmt im kommenden Jahr nicht den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden.
  • Die Personalie galt bereits als fest vereinbart
  • Die Daimler-Aktie reagierte auf Börsenart und legte um bis zu 4 Prozent zu.
|
Anzeige
Anzeige

Die Daimler-Aktie legte am Montag zeitweise um fast 4 Prozent zu. Ein eindeutiges Votum der Anleger zu einer Personalie. Genauer gesagt zu einer Absage. Obwohl alles schon fest vereinbart war, will Dieter Zetsche nun doch nicht den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden im nächsten Jahr übernehmen. Das zeigt, wie heftig der Stuttgarter Konzern ins Schlingern geraten ist.

Betriebsräte warnen vor zu schneller Transformation

Von Anlegern und Analysten hatte es massive Kritik am geplanten Comeback gegeben. Sie befürchteten, dass mit Zetsche an der Spitze des Kontrollgremiums der Umbau des Autobauers – hin zur Elektromobilität – nicht konsequent genug angegangen werden würde. Allerdings kursieren in Branchenkreisen auch Spekulationen, dass die überraschende Absage des Ex-Chefs damit zu tun habe, dass er ausreichend Rückhalt und Unterstützung aus dem Unternehmen vermisse. Unterdessen warnen Betriebsräte vor einer zu schnellen Transformation, der Tausende Stellen in Deutschland zum Opfer fallen könnten.

Anzeige

Zetsche stand von Januar 2006 bis Mai 2019 an der Spitze des Konzerns, der Nobelkarossen der Marke Mercedes-Benz herstellt und zugleich der weltgrößte Nutzfahrzeughersteller ist. Zetsche übernahm den Vorsitz, als Daimler in einer schweren Krise streckte. Mit vielen neuen und sportlicheren Modellen führte er den Autobauer von Rekord zu Rekord bei Absatz und Gewinn. Er setzte dabei vor allem auf PS-starke Geländelimousinen. Er ging aber auch schon früh die Elektromobilität an, sogar mit einer eigener Batteriezellenfertigung. Doch das Experiment wurde 2015 wegen zu hoher Kosten und zu geringer Auslastung gestoppt. Inzwischen gilt Daimler als Nachzügler in der Elektromobilität.

E-Campus für das Stammwerk

Zetsches Nachfolger Ola Källenius agiert bislang weitgehend glücklos. Im zweiten Quartal verbuchten die Stuttgarter (auch wegen Corona) einen Verlust von rund 2 Milliarden Euro. Källenius will nun strikt sparen: Die Personalkosten sollen um zwei Milliarden Euro jährlich schrumpfen. Zugleich forcierte der neue Chef die Transformation. Im nächsten Jahr soll mit dem EQS eine Luxus-Elektrolimousine auf den Markt kommen – mit einer Reichweite von rund 700 Kilometern und mit deutlich mehr als 400 PS. Zudem hat der Konzern angekündigt, auch bei Lkw, Bussen und Vans verstärkt auf den Stromantrieb zu setzen. Medienberichten zufolge soll am Stammsitz im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim ein E-Campus eingerichtet werden, um Technologien für die neuen Antriebe zu entwickeln.

Zugleich ist geplant, dort von insgesamt 19.000 Arbeitsplätzen etwa 4000 Stellen zu streichen, die mit Verbrennungsmotoren verknüpft sind. Unklar ist, wie viele Jobs im gesamten Konzern wegfallen. Es können bis zu 30.000 werden – wird in der Belegschaft befürchtet. Der Betriebsrat hat Alarm geschlagen, warnt vor einem Kahlschlag und davor, keinerlei Investitionen mehr in konventionelle Antriebe an hiesigen Standorten zu tätigen. Stattdessen solle die Fertigung von Motoren mit Verbrennertechnik und dazugehörigen Getrieben nach Osteuropa verlagert oder an Zulieferer abgegeben werden. Von Arbeitsplatzabbau mit “gnadenloser Brutalität“ ist in einem Papier des Betriebsrats die Rede, das der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt. Gewerkschafter mutmaßen sogar, dass die Fertigung im schwäbischen Stammwerk ganz dichtgemacht werden könnte.

Anzeige

Im Eiltempo durch den Wandlungsprozess

Daimler macht mit verschärftem Tempo einen komplexen Prozess durch, der alle etablierten Hersteller der Branche betrifft. Derzeit müsse einerseits die Fertigung der Autos mit Benzin- und Dieselmotoren gewährleistet und andererseits das Hochlaufen der E-Antriebe vorbereitet werden, heißt es in einer aktuellen Studie des Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Die neuen Technologien bedeuteten zugleich einen höheren Automationsgrad und deshalb weniger Arbeitskräfte. Autobauer müssten ihre strategische Personalplanung intensivieren. Dazu gehöre zu entscheiden, wer umgeschult werden könne und wer das Unternehmen verlassen müsse.

Für die BCG-Experten ist bei der Transformation die Batteriezellenproduktion ein entscheidender Faktor, der komplett neu ist für die Autobauer. Zudem ist unklar, wie schnell sich die E-Mobilität durchsetzt. Die Berater sehen den Königsweg in einer flexiblen Produktion, die schnell hochgefahren werden kann, wenn die Nachfrage nach Stromern steigt. Daimler plant bislang, die Zellen bei asiatischen Firmen zuzukaufen. Tesla hingegen hatte vorige Woche angekündigt, in die eigene Fertigung der Stromspeicher einzusteigen, auch um unabhängiger von Zulieferern zu sein.

Corona erhöht den Druck auf den Konzern

Für Frank Schwope, Analyst bei der NordLB, ist derweil in puncto Daimler klar: “Das Unternehmen ist bei der Elektromobilität ins Hintertreffen geraten.“ Die Corona-Pandemie erhöhe den Druck auf den Konzern noch einmal. Mit Blick auf die disruptiven Zeiten sei “vielleicht auch für Daimler die Zeit gekommen, über einen Zusammenschluss nachzudenken“, so Schwope.

Anzeige

Die Zweifel daran, dass Källenius allein Daimler wieder nach vorne bringen kann, wachsen auch bei anderen Experten. Und damit ist die Frage verknüpft, ob Zetsche der richtige Aufsichtsratschef ist. „Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich dem Unternehmen einen Dienst tue. Und ob ich mir einen Gefallen tue, wenn ich diese Aufgabe jetzt übernehme“, sagte der Ex-Chef der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”. Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer hält es indes für „höchst bedauerlich“, dass Zetsche einen Rückzieher gemacht hat. Der Manager sei über Jahre der Garant für die Erfolge des schwäbischen Autobauers gewesen. Und es dürfe nicht vergessen werden, dass er letztlich auch für den Einstieg in die Elektromobilität verantwortlich sei.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen