Crowdworker sind die neuen Tagelöhner

  • Crowdworker sind Selbstständige – mit diesem Urteil hat ein Landesarbeitsgericht die Diskussion über das Arbeiten im Netz befeuert.
  • Denn die kleinen Zuverdienstmöglichkeiten sind zwar lukrativ, bergen aber auch große Risiken für die Arbeitswelt.
  • Die neue Form der Arbeit braucht dringend rechtliche Grenzen, meint deshalb unser Autor.
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Rückblende in das analoge 19. Jahrhundert: Die Industrialisierung hält auch in der Landwirtschaft Einzug, Hunderttausende Hilfskräfte verlieren ihre Jobs. Sie ziehen in die Städte, nicht wenige von ihnen werden Tagelöhner. Jeden Morgen stehen sie auf, warten bange Stunden lang an der Straße auf jemanden, der einen Helfer braucht – auf dass einige Groschen wenigstens für die warme Suppe am Abend reichen.

2019 gehört das schon lange der Vergangenheit an. Tagelöhner sind weitgehend von den Straßen verschwunden, die Arbeit gesetzlich durchreguliert. Langfristige Anstellungsverhältnisse sind die Normalität, kürzere Beschäftigungen laufen über Leiharbeit. Außer im Internet, wo sich eine neue Form des Tagelöhnertums etabliert.

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Anders kann man das Leben von Crowdworkern wie dem, der jüngst in München gegen eine Vermittlungsplattform geklagt hat, kaum bezeichnen. Das Gericht argumentiert, dass der Crowdworker ja keine Aufträge annehmen musste, die Plattform ihm aber auch keine geben musste. Entgegen seiner eigenen Wahrnehmung ist er also Selbstständiger.

Warum kein normales Arbeitsverhältnis?

Das mag zutreffen, wenn sich etwa eine Hausfrau bei Clickworker ein paar Euro mit dem Ausfüllen von Umfragen hinzuverdient. Im Münchner Fall geht es aber um einen Monatsverdienst von 1800 Euro. Der Kläger lebte von seiner Tätigkeit als selbstständiger Crowdworker – und bangte womöglich wie ein Tagelöhner im 19. Jahrhundert jeden Morgen, ob die Plattform einen Job für ihn hat.

Dass das im deutschen Arbeitsrecht möglich ist, deutet auf Reformbedarf hin. Zumal es im nun verhandelten Fall um etwa 20 Stunden wöchentliche Arbeitszeit geht – eigentlich genug für eine Teilzeitstelle. Die mit solchen Normalarbeitsverhältnissen verbundenen Vorzüge wie Urlaubsanspruch, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Kündigungsschutz waren eine der größten Errungenschaften des 20. Jahrhunderts.

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Nicht verbieten, aber begrenzen

Die Lösung muss nicht sein, Crowdworking zu verbieten. Auch Tagelöhner gibt es bis heute in Deutschland. Statt einen „Arbeiterstrich“ können sie aber mittlerweile Jobcenter für die Vermittlung kleiner Aufgaben ansteuern – gegen Barzahlung, aber in Grenzen, was die monatliche Arbeitszeit anbelangt.

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Diese bei Crowdworking-Plattformen zu deckeln, wäre ein Anfang. Denn angesichts von laut Bundesregierung Millionen Clickworkern in Deutschland braucht es Regeln für die Arbeit im digitalen 21. Jahrhundert.