Coworking-Spaces: Warum Corona für die Branche sogar eine Chance ist

  • Die Coworking-Spaces könnten als große Gewinner aus der Corona-Krise hervor gehen.
  • Nur wenige Betriebe mussten schließen, die meisten setzten auf Hygienekonzepte und die Loyalität ihrer Kunden.
  • Durch die veränderte Einstellung zur Arbeit erleben die Coworking-Spaces nun einen enormen Ansturm.
Lilly von Consbruch
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Für die Branche der sogenannten Coworking-Spaces hätte die Corona Pandemie das Aus bedeuten können. Die mit dem Virus einhergehenden Beschränkungen machten dem Konzept grundlegend einen Strich durch die Rechnung. Flexibel mietbare Arbeitsplätze, teils in Großraumbüros, an denen mehrere Menschen abwechselnd arbeiten, sind ebenso wenig mit dem Infektionsschutz zu vereinbaren, wie die Anmietung von großen Räumen für Konferenzen oder Gruppenarbeiten. Doch die Branche ist mit einem “dunkelblauen Auge” davongekommen und wächst nun immer weiter, sagt Tobias Kollewe, Präsident des Bundesverbands Coworking Spaces e.V. (BVCS).

Das Thema Coworking-Spaces hat in den letzten Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. In Deutschland hat sich die Anzahl der Flächen, auf denen Arbeitsplätze für Berufe aller Art zeitlich befristet vermietet werden, allein in den vergangenen 24 Monaten vervierfacht, wie eine Markterhebung des BVCS aus Mai 2020 zeigt. Demnach gibt es derzeit 1268 Coworking-Spaces und Flächen in Deutschland. Anfang 2018 waren es nur knapp über 300.

Branche wird weiter wachsen: “Der Trend ist nach wie vor ungebrochen.”

Zu Beginn der Pandemie befürchtete Tobias Kollewe eine ungewollte Marktbereinigung in der Branche. Nun relativierte er: “Es ist tatsächlich so, dass ein Großteil der Einnahmen und Erlöse durch das Meeting-Geschäft in den letzten Wochen weggebrochen sind. Aber es ist nicht ganz so schlimm, wie wir das ursprünglich befürchtet hatten. Wir sind mit einem dunkelblauen Auge davon gekommen.”

Sogar in der Corona-Pandemie selbst sind neue Coworking-Spaces entstanden. Und Kollewe rechnet damit, dass es auch weiterhin ein starkes Wachstum geben wird: “Der Trend ist nach wie vor ungebrochen.”

Dass die meisten Betriebe glimpflich durch die Corona-Krise gekommen sind, habe mehrere Gründe: Hygienekonzepte ermöglichten die Weiterführung der meisten Angebote, Fördergelder und Unterstützungsangebote von Bund und Ländern leisteten ihren Teil und nicht zuletzt erfuhr die Branche eine große Loyalität von ihren Kunden.

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Kaum Kündigungen: Kunden bleiben Leipziger Coworking-Space treu

Das bestätigte Marco Weicholdt, Chef des Basislagers, einem der größten Coworking-Spaces in Leipzig. Als die Corona-Beschränkungen ausgerufen wurden, durften keine großen Veranstaltungen mehr stattfinden - allein diese machen normalerweise aber ein Drittel des Umsatzes aus. Auch die Büroräume wurden für einen Monat kaum mehr genutzt. Da die Kündigungsfrist im Basislager nur 14 Tage beträgt und die Zielgruppe, allen voran Startups, ohnehin von der Pandemie betroffen waren, wuchs die Angst vor der großen Kündigungswelle. “Aber wir hatten großes Glück. Die Loyalität seitens unserer Kunden war da, es gab kaum Kündigungen”, so Weichholdt.

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Mit einigen Büros seien Stundungen vereinbart worden, zudem konnten in den nicht genutzten Konferenzräumen einzelne Tische mit genügend Abstand aufgestellt und für einen Sondertarif an Studenten vermietet werden. So konnten die Ausfälle teilweise aufgefangen werden.

“Ansonsten hat uns jetzt in die Karten gespielt, dass wir bei der Einrichtung unserer Arbeitsplätze mit dem Raum etwas verschwenderisch umgegangen sind. Der Abstand war groß genug, die Leute konnten ihre Plätze, wenn sie wollten, weiter nutzen”, erklärte Weichholdt. Schließen musste das “Basislager” keinen einzigen Tag.

Kooperation mit Praxis: Hamburger Coworking-Space wird zum “Corona Safe House”

Auch im Coworking-Space “Das Hamburger Ding”, einem der modernsten und größten in Hamburg, waren zumindest die privaten Büros dauerhaft geöffnet. Konferenzen und größere Meeting wurden jedoch zu Beginn der Pandemie reihenweise storniert, erzählte der Pressesprecher des Hamburger Dings, Peter Berg. Um diese Ausfälle möglichst schnell auffangen zu können, begann das Team schon im März mit der Konzeption eines Hygienekonzepts - und verwandelte das Hamburger Ding in ein “Corona Safe House”.

“Um ein schlüssiges Konzept herzustellen, auf das wir und unsere Kunden sich verlassen können, war es naheliegend, dass wir einen medizinischen Partner brauchen”, sagte Peter Berg. Deshalb entstand eine Kooperation mit dem Hamburger Labor Dr. Fenner - eine Praxis, die unter anderem auf Infektionsdiagnostik spezialisiert ist. Binnen sechs Wochen entwickelten sie gemeinsam ein umfassendes Hygienekonzept. “Ich glaube gerade die Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Experten trägt maßgeblich dazu bei, dass auf das Konzept vertraut wird und es angenommen wird”, so Berg.

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Neben Hygieneschulungen des Personals, Anleitungen für Besucher, Mund-Nasen-Schutz-Pflicht auf öffentlichen Wegen im Haus, Desinfektionsstationen auf allen Etagen und einem Wegeleitsystem, sind nun zusätzlich die Meetingräume mit Plexiglasscheiben ausgestattet, sodass auch Konferenzen wieder stattfinden können. Außerdem können sich Teilnehmer freiwillig einem Corona-Schnelltest unterziehen - gegen eine Gebühr von 100 Euro pro Person wird dieser vom Labor Dr. Fenner vor Ort durchgeführt.

“Durch unsere Vorkehrungen haben wir wieder deutlich mehr Buchungen”, sagte Berg. Er geht davon aus, dass viele Unternehmen das Risiko einer Konferenz selbst nicht tragen wollen und deshalb nun auf das Hamburger Ding zukommen. “Wir nehmen unseren Kunden die Sorge ab und tragen für sie die Verantwortung. Sie können sich darauf verlassen, dass wir sie an die Hand nehmen und das Bestmögliche tun, um das Risiko auf ein absolutes Minimum zu reduzieren”, beteuerte der Pressesprecher.

Corona als Chance: Einstellung zur Arbeit hat sich geändert

Den Anstieg an Buchungen führt Berg auch darauf zurück, dass in der Arbeitswelt ein Umdenken stattgefunden hat. Produktivität sei bisher immer gleichbedeutend mit Anwesenheit gewesen. Nun hätten die Arbeitgeber gemerkt, dass dem nicht so ist.

Deshalb ändere sich nun auch die Zielgruppe. Es habe bereits ein mittelständisches Unternehmen aus einem klassischem Gewerbe beim Coworking-Space angefragt, erzählte Tobias Kollewe, um ihr bisheriges Büro komplett aufzulösen - und die Mitarbeiter in mehrerern Coworking-Spaces arbeiten zu lassen. “Ich finde das schon vielsagend, dass ein mittelständisches Unternehmen darüber nachdenkt, seinen Mitarbeitern diese Wahl zu lassen”, so Kollewe. Für die Branche habe Corona deshalb durchaus “einen positiven Effekt” gehabt.

Eine zweite Welle könnte jedoch das Aus für Coworking-Spaces bedeuten

Im Gegensatz zum Homeoffice bieten Coworking-Spaces nicht nur die Möglichkeit, Arbeit und Privates zu trennen, sie geben den Arbeitnehmern auch eine professionelle Umgebung und ermöglichen ihnen einen fachlichen sowie sozialen Austausch. “Für die Arbeitgeber hat das Ganze auch rechtliche Vorteile”, betonte Kollewe. Ein Coworking-Space biete die Rahmenbedingungen, um zum Beispiel Datenschutz oder Arbeitsstättenverordnung besser kontrollieren zu können - das sei im Homeoffice kaum möglich.

Entwarnung gebe es für die Branche trotz allem noch nicht. “Das ist jetzt ein Rückblick. Wie es weitergeht, hängt ganz davon ab, ob sich die Situation noch mal verschärft”, sagte Kollewe, denn aktuell werde in der Branche sehr kritisch einer möglichen zweiten Welle entgegen geblickt. “Spätestens dann wird es tatsächlich eine Marktbereinigung geben.”

Bleibt die zweite Welle aber aus, könnte die Branche der Coworking-Spaces als einer der großen Gewinner aus der Krise hervorgehen

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