Covid-Lockerungen bewirken ein kleines Jobwunder

  • Die Arbeitslosigkeit schrumpft so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr.
  • Unternehmen aus fast allen Branchen reduzieren Kurzarbeit massiv und suchen wieder verstärkt nach neuen Leuten.
  • Viele Schulabgänger sind aber noch immer auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz.
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Frankfurt am Main. Ist das schon das neue Jobwunder? Die Arbeitslosigkeit ist im Juni überraschend stark zurückgegangen. Sogar optimistische Schätzungen in puncto Beschäftigung wurden überboten. Unternehmen in nahezu allen Branchen stellen wieder Leute ein, weil mit dem Abklingen der Pandemie die Nachfrage ansteigt. Schon wird über Fachkräftemangel diskutiert. Und Arbeitgeber sorgen sich darum, qualifizierte Bewerber für Ausbildungsplätze zu finden.

„Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sind weiter kräftig gesunken“, sagte Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), am Donnerstag. Nach den Berechnungen seiner Behörde ist im Juni die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat um 73.000 auf rund 2,61 Millionen Frauen und Männer gesunken.

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Stimmung auf dem deutschen Arbeitsmarkt so gut wie nie
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Das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung habe den höchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2008 erreicht.  © dpa
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So günstig hat sich der Arbeitsmarkt in einem sechsten Monat seit zehn Jahren nicht mehr entwickelt. Im Vergleich zum Juni 2020 waren den offiziellen Statistiken zufolge 239.000 Menschen weniger ohne Job.

Die umfassende Besserung am Arbeitsmarkt habe sich fortgesetzt, so Scheele. Die Unternehmen reduzierten wieder die Kurzarbeit und suchten wieder verstärkt nach Personal. Für die aktuellen Daten wurden Meldungen bis zum 14. Juni berücksichtigt.

Die aktuelle Arbeitslosenquote liegt mit ihren 5,7 Prozent zum Vorjahr um einen halben Prozentpunkt und gegenüber dem Mai um 0,2 Punkte niedriger. Die 5,7 Prozent unterbieten die als optimistische gehandelte Prognose des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK für das Gesamtjahr. Auch die Zahl der insgesamt Unterbeschäftigten – Personen in Arbeitsfördermaßnahmen werden dabei mitberücksichtigt – ist stark zurückgegangen (3,41 Millionen, minus rund 200.000 zum Juni 2020).

Und: In den ersten dreieinhalb Wochen des abgelaufenen Monats wurden nur noch 59.000 Beschäftigte für Kurzarbeit angemeldet – zudem werden es real meist spürbar weniger Personen mit reduzierter Einsatz im Job. Im tiefsten Tal des ersten Lockdowns, im April 2020, machten fast sechs Millionen Menschen Kurzarbeit.

Die Zahlen der BA passen zum Beschäftigungsbarometer des Münchner Ifo-Instituts. Das hat aufgrund von 9000 Meldungen aus Unternehmen herausgefunden: „Die Öffnungen und die boomende Industrie heizen die Nachfrage nach Arbeitskräften an.“ Das Barometer ist im Juni deutlich gestiegen und bewegt sich nun wieder auf dem Niveau von Ende 2018 als noch vom deutschen Jobwunder die Rede war.

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Im verarbeitenden Gewerbe setze sich der Anstieg weiter fort. Im Maschinenbau und der Elektroindustrie „würden expansive Beschäftigungspläne“ verfolgt. Auch im Dienstleistungssektor habe die Arbeitskräftenachfrage einen deutlichen Sprung nach oben gemacht. Und selbst der Handel, der von Covid arg gebeutelt wurde, gehe vorsichtig in die Offensive.

Die Befunde des Ifo sind identisch mit den Daten des Stellenindex der BA, der die Nachfrage nach Personal abbilden soll. Der kletterte im vergangenen Monat noch einmal spürbar und liegt nun deutlich höher als vor einem Jahr. Hier wurde das Niveau von März 2020 wieder erreicht, das war der letzte Monat, bevor das Virus hierzulande das Leben lahmlegte. Das alles deutet darauf, dass es auch in den nächsten Monaten – abgesehen von saisonalen Besonderheiten – bei der Beschäftigung weiter nach oben geht.

Mehr Konsum, mehr Exporte, mehr Investitionen

Die volkswirtschaftlichen Begründungen für den Aufschwung am Arbeitsmarkt liegen auf der Hand: So erwartet das IMK bei allen drei wichtigen Faktoren für steigende Nachfrage – Konsum, Exporte, Investitionen – eine kräftige Entwicklung. Die Verbraucher haben während der Lockdowns enorme Mengen Geldes gehortet, das jetzt für Shoppen, essen gehen, Urlaube oder Konzertbesuche ausgegeben wird.

Die Treiber für die Exporte von Autos, Maschinen oder Anlagen sind vor allem das wieder wachsende China und die USA mit ihren gigantischen Konjunktur- und Infrastrukturprogrammen. Hinzu kommen Investitionen, die durch die Unsicherheiten wegen Covid verschoben wurden.

Das alles und auch die Herausforderungen durch Digitalisierung und Klimawandel ermuntern die Unternehmen zu Investitionen, die ihnen die EZB durch ein niedriges Zinsniveau leicht macht. So rechnet das IMK für dieses Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent und für 2022 von 4,9 Prozent. Nächstes Jahr soll dann die Arbeitslosenquote auf 5,3 Prozent sinken, 2019 waren es 5,0 Prozent gewesen.

Sorgen bereitet aktuell allerdings der Ausbildungsmarkt. 385.000 junge Bewerber haben sich bislang gemeldet, gut 8 Prozent weniger als vor einem Jahr, bei einer in etwa gleichen Jahrgangsstärke. Das habe aber nicht mit weniger Interesse junger Leute zu tun, sondern weil „die gewohnten Zugangswege beeinträchtigt waren“, so die BA. Derzeit seien noch 158.000 Bewerber und Bewerberinnen unversorgt, zugleich aber auch 216.000 gemeldete Ausbildungsstellen unbesetzt.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger appelliert: „Jetzt muss alles getan werden, um das Matching von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voranzubringen. Verlorene Ausbildungsjahrgänge wegen Corona können wir uns nicht leisten.“ Der Hintergrund: Viele Unternehmen sorgen sich um den Nachwuchs. Fachkräftemangel wird befürchtet. Die Jahrgänge werden in den nächsten Jahren dünner. Wegen Corona sind überdies zuletzt weniger junge Migranten nach Deutschland gekommen, die in der Vergangenheit vielfach Lücken geschlossen hatten.

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