Im Betrieb angesteckt: Wann zählt eine Corona-Infektion als Arbeitsunfall?

  • Eine Ansteckung mit dem Coronavirus während der Arbeit kann als Arbeitsunfall anerkannt werden.
  • Doch offenbar machen Arbeitgeber und Arbeitnehmer davon nur zögerlich Gebrauch.
  • Dabei ist das Verfahren nicht unkompliziert, doch besonders bei Long Covid bringt es Erkrankten große Vorteile.
|
Anzeige
Anzeige

Das Coronavirus macht auch vor Werkstoren nicht halt: Im Zuge der dritten Welle stieg zuletzt die Zahl der Infizierten, die vergleichsweise jung und damit berufstätig sind. Wie hoch Ansteckungsrisiken in Büros und Fabriken sind, ist zwar unklar. Klar ist hingegen, dass eine Ansteckung am Arbeitsplatz eigentlich als Arbeitsunfall oder Berufskrankheit gilt. Und das birgt für Beschäftigte große Vorteile – die sich offenbar noch nicht überall herumgesprochen haben.

Dabei gilt in der deutschen Arbeitswelt grundsätzlich, dass berufsbedingte Erkrankungen ein Fall für die Berufsgenossenschaften und die Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) sind. Bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege und in Laboratorien ist Covid-19 mittlerweile als Berufskrankheit anerkannt. Bei allen anderen Beschäftigten kann eine Covid-Erkrankung als Arbeitsunfall gelten, wie die DGUV erklärt.

Bei Long Covid besonders wichtig

Anzeige

Ist sie zuständig, fallen Leistungen großzügiger aus als bei Krankenkassen: Statt auf Krankengeld besteht bei längeren Arbeitsausfällen ein Anspruch auf das höhere Verletztengeld. Auch zahle die DGUV umfangreichere Rehamaßnahmen und gegebenenfalls gebe es eine Hinterbliebenenversorgung, fasst Till Bender, Rechtsschutzsekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund, die Vorteile zusammen. „Gerade bei Long Covid birgt die Verletztenrente große Vorteile“, sagt Bender außerdem. Anders als Erwerbsminderungsrenten sei deren Höhe nach dem Grad der Berufsunfähigkeit gestaffelt, zugleich gebe es einen Berufsschutz. „Es geht also nicht um die Frage, ob man überhaupt noch arbeiten kann. Sondern darum, ob und inwiefern man die vorige Tätigkeit weiterhin ausüben kann“, so Bender.

Nur wenige Infektionen als Arbeitsunfall gemeldet

Anzeige

Doch bislang sind vergleichsweise wenig Corona-Infektionen bei der DGUV und den Berufsgenossenschaften angezeigt worden: Etwa 65.000 Verdachtsanzeigen wegen Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten haben sie nach eigenen Angaben bislang registriert. Im Vergleich zu anderen Untersuchungen konservative Schätzungen des Robert Koch-Instituts gehen davon aus, dass 6 Prozent aller Infektionen am Arbeitsplatz stattfinden. Rechnerisch müsste es demnach bis heute knapp 200.000 Verdachtsanzeigen gegeben haben.

Warum die Zahlen deutlich niedriger sind, ist indes unklar. Bei leichten Covid-Verläufen bergen die Leistungen der Unfallversicherung kaum Vorzüge, vielleicht verzichten viele Beschäftigte deshalb auf eine Anzeige des Arbeitsunfalls – zu der allerdings Arbeitgeber verpflichtet sind, wenn Beschäftigte wegen einer Covid-Erkrankung mindestens drei Tage lang ausfallen. Die Anzeige können aber auch Ärzte und die Beschäftigten selbst stellen. Letzteren rät Bender zwar, so zeitnah wie möglich für eine Meldung des möglichen Arbeitsunfalls zu sorgen. Doch die DGUV zeigt sich derzeit kulant, falls sich Folgeschäden erst verzögert bemerkbar machen. „Eine spätere Meldung steht der Anerkennung als Arbeitsunfall oder Berufskrankheit nicht entgegen“, erklärte eine DGUV-Sprecherin auf Anfrage.

Anzeige

Die Anerkennung als Arbeitsunfall ist nicht leicht

Zwischen Meldung und Anerkennung als Arbeitsunfall liegt mitunter ein weiter Weg: Von 17.328 wegen einer Covid-Infektion angezeigten Arbeitsunfällen sind laut DGUV seit Beginn der Pandemie 5545 bestätigt worden. Für die Anerkennung ist entscheidend, dass die Berufstätigkeit letztendlich die Ursache für die Erkrankung war. „Das muss man nachweisen können, die Berufsgenossenschaften sind dabei sehr restriktiv“, erklärt Bender. „Ganz, ganz zentral ist, dass man gut dokumentiert, wie die Ansteckung erfolgt ist“, sagt er deshalb. Er empfiehlt, schon beim Arzt möglichst detaillierte Angaben zu dem Moment zu machen, indem man sich vermutlich das Virus am Arbeitsplatz eingefangen hat.

Entscheidendes Kriterium ist nach Angaben der DGUV, dass es während der Arbeit einen intensiven Kontakt zu einer nachweislich infizierten Person gab und man danach innerhalb von zwei Wochen selber erkrankt. Mindestens 15 Minuten Kontakt mit weniger als 1,5 bis zwei Meter Abstand zur sogenannten Indexperson müssen laut einer DGUV-Sprecherin vorgelegen haben. In Einzelfällen können aber auch längere und weniger intensive Kontakte ebenso wie kürzere und besonders intensive Kontakte zu einer Anerkennung als Arbeitsunfall führen – ebenso wie ein größerer Corona-Ausbruch im unmittelbaren Tätigkeitsumfeld des Antragstellers.

Ansteckung auf dem Arbeitsweg problematisch

Anzeige

Die Kriterien gelten laut DGUV auch für Arbeitswege – wobei der Nachweis einer Ansteckung etwa im ÖPNV kaum möglich sein dürfte. „Hier wird es allerdings in der Regel ungleich schwerer sein, eine entsprechende Indexperson identifizieren zu können“, so die DGUV-Sprecherin.

Ob die sogenannte Indexperson ein Kollege oder ein Kunde war, spielt aus Sicht der DGUV hingegen keine Rolle. Bender betont allerdings, dass gerade Infektionen infolge von Kundenkontakten schwer nachzuweisen sein könnten. Er rät deshalb, bei Problemen sowohl den Arbeitgeber als auch den Betriebsrat hinzuziehen. Gegebenenfalls können ihm zufolge auch Arbeitsrechtler und Gewerkschaften helfen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen