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  • Corona verändert die Arbeitswelt: Wie Homeoffice und Co. von der Pandemie vorangetrieben werden

Mehr als Homeoffice: fünf Entwicklungen, mit denen die Pandemie die Arbeitswelt umkrempelt

  • Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt in Deutschland umgekrempelt.
  • Dass immer mehr Beschäftigte im Homeoffice sind und dort bleiben wollen, ist nur die offensichtlichste Entwicklung.
  • Arbeitsforscherinnen und Arbeitsforscher sehen noch eine ganze Reihe anderer Veränderungen, die bleiben könnten.
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Maskenpflicht, Abstandsregeln, Homeoffice – die Pandemie hat die Arbeitswelt drastisch verändert. Und sie wird auch langfristig Spuren hinterlassen, der allem Anschein nach anhaltende Boom der Arbeit in den eigenen vier Wänden zeugt schon jetzt davon. Doch mittel- und langfristig zeichnen sich in vielen Bereichen der Arbeitswelt Veränderungen ab, über die sich Arbeitsforscherinnen und -forscher schon jetzt Gedanken machen.

1) Mehr Wertschätzung für systemrelevante Jobs

Zwischenzeitlich galten sie zwar als Heldinnen und Helden der Pandemie, doch letztendlich werden Pflegekräfte ebenso wie Supermarktbeschäftigte und andere gesellschaftlich wichtige Berufe schlecht bezahlt. „In Krisensituationen gelten andere Beschäftigtengruppen als wichtiger als in normalen Zeiten. Das hat die Corona-Pandemie deutlich gemacht“, glauben Malte Lübker und Aline Zucco. Aus Sicht des Duos von der Hans-Böckler-Stiftung könnte es nun zu einer Neubewertung der – oft von Frauen erledigten – systemrelevanten Jobs kommen. Tatsächlich erstritten etwa Beschäftigte aus dem öffentlichen Dienst, vor allem in der Pflege, zuletzt Tarifabschlüsse mit üppigeren Lohnsteigerungen als in den Vorjahren. Das könnte sich nun fortsetzen – allerdings nur mit Unterstützung der Politik, wie Lübker und Zucco betonen.

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2) Spaltung zwischen Arbeitern und Angestellten

Die einen malochen in der Fabrik, die anderen arbeiten gemütlich zu Hause – in der Pandemie sind die Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten so deutlich wie lange nicht mehr hervorgetreten. Längst zeichnet sich ab, dass der Trend zum Homeoffice auch nach der Pandemie weitergeht. Doch der weckt auch Neidgefühle bei denen, die nicht im Homeoffice arbeiten können, wie kürzlich 54 Prozent von ihnen laut einer Studie des Jobportals Indeed zugaben. Unter Umständen bringt das Homeoffice nun neue Reibungspunkte im Betrieb mit sich – auch wenn vielen Beschäftigten nach einem Jahr Homeoffice gerade klar wird, dass auch die Arbeit in den eigenen vier Wänden kein Zuckerschlecken ist.

3) Besorgte Gewerkschaften

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Mit dem Trend zum Homeoffice hängt eine weitere Entwicklung zusammen, die bislang vor allem Gewerkschaften Kopfzerbrechen bereitet. „Beschäftigte im Homeoffice oder in anderen Formen digitaler Zusammenarbeit sind für Belegschaftsvertretungen und Gewerkschaften kaum zu erreichen“, erklärte kürzlich Karin Erhard, Vorständin bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), bei einem von der Hans-Böckler-Stiftung organisierten Streitgespräch. „Die Unternehmen müssen den Gewerkschaften den Dialog mit den Beschäftigten etwa über betriebliche Mailadressen, Firmenintranet und -netzwerke und virtuelle Schwarze Bretter ermöglichen“, ist Erhard deshalb überzeugt. Doch eine gesetzliche Regelung lehnen Arbeitgeberverbände bislang ab – und so könnte der Homeofficeboom Gewerkschaften und Betriebsräte schwächen.

Mittlerweile dürften die Gesundheitsämter in Deutschland Millionen Kontakte von Corona-Verdachtsfällen nachverfolgt haben. Doch das war für die öffentlichen Einrichtungen eine völlig neue Herausforderung – die auch Schwachstellen offengelegt hat. © Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

4) Umbrüche im öffentlichen Dienst

Knapp fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland für den Staat. Und Gesundheitsämter, Arbeitsagenturen und andere Einrichtungen waren in der Pandemie gefragt wie lange nicht mehr: „Öffentliche Einrichtungen, wie die oft zu Unrecht geschmähte Verwaltung, haben im bisherigen Verlauf der Krise eine zentrale Rolle gespielt“, meint Berthold Vogel, Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts in Göttingen. „Wir müssen diejenigen Menschen stärken, die bereit sind, sich für öffentliche Aufgaben zu engagieren“, sagt Vogel nun. Ob und wie das geschieht, hängt von der Politik ab, doch die hat ausweislich zahlreicher Wahlprogramme zur Bundestagswahl noch andere Prioritäten: Der öffentliche Dienst soll mittels Digitalisierung leistungsfähiger werden. Für die Beschäftigten dort könnte das eine anstrengende Umbruchphase mit sich bringen.

5) Neue, alte Rollenmuster

Der Anteil berufstätiger Frauen in Deutschland stieg zuletzt, doch dann kam Corona. Für Eltern war die Pandemie ein Kraftakt – schließlich mussten sie Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen, weil Schulen und Kitas weitgehend geschlossen hatten. Zahlreiche Studien belegen, dass das vor allem Frauen ausgebadet haben: Sie übernahmen zahlreichen Studien zufolge den Großteil der Betreuung, reduzierten unter anderem häufiger ihre Arbeitszeit. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, warnt deshalb vor einer „Retraditionalisierung“. Immerhin könnten die in der Pandemie wiederaufgeblühten Rollenmuster das Coronavirus überleben. Zugleich hat allerdings die Pandemie in vielen Unternehmen das Bewusstsein dafür geschärft, wie essenziell eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. Vielleicht haben es Eltern in der Arbeitswelt künftig sogar leichter.

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