Lockdown zur umsatzstärksten Zeit des Jahres – Überlebt der Einzelhandel?

  • Ab Mittwoch gilt deutschlandweit ein härterer Lockdown – alle nicht systemrelevanten Geschäfte müssen schließen.
  • Für den Einzelhandel bedeutet das den Verlust des umsatzstärksten Zeitraum des Jahres.
  • Besonders wichtig sind jetzt die Überbrückungshilfen des Staates.
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Pünktlich zur Ladenöffnung am Montagmorgen hatten sich vor vielen Geschäften in der Frankfurter Innenstadt Schlangen gebildet. Mit geschätzten gut 100 Metern erreichte die Filiale der Luxuskette Louis Vuitton den Höchstwert. „Ich muss noch unbedingt ein Täschchen für meine Freundin kaufen“, sagte ein Mann (geschätzt 30) mit Sieben-Tage-Bart und in Jogginghosen. Anderswo dürfte es ähnlich wie in Frankfurt ausgesehen haben: Viele haben sich aufgemacht, um Last-Minute-Geschenke zu kaufen. Von Mittwoch an sind die Geschäfte bis mindestens 10. Januar geschlossen. Den Einzelhandel trifft das hart.

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Große Ketten haben E-Commerce-Aktivitäten bereits ausgebaut

Denn genau der Zeitraum, in dem die Händler nun zusperren müssen, ist der umsatzstärkste des Jahres: Die Wochen vor Weihnachten, die Tage zwischen den Jahren und die erste Woche im Januar. Da haben die Kunden Zeit zum Shoppen und Geld in der Tasche, denn Bares ist eines der beliebtesten Weihnachtsgeschenke. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer der Handelslobby HDE, geht davon aus, dass der Nonfoodhandel im Dezember Umsatzeinbußen bis zu 60 Prozent hinnehmen muss. Das könne sich auf bis zu 12 Milliarden Euro aufaddieren.

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Ob es tatsächlich so heftig wird, ist offen. Vieles wird davon abhängen, wie jeder einzelne Händler aufgestellt ist. Und ohnehin ist bereits ein Teil der Kundenbudgets für Weihnachtsverkäufe aufgebraucht. Montag und Dienstag dürfte es aber noch einmal einen Umsatzschub geben. Darüber hinaus kommt es darauf an, ob ein Händler nicht nur stationär, sondern auch im Internet mit seinem Warenangebot präsent ist – ein großer Teil des Weihnachtsgeschäfts wird sich in den Onlinehandel verlagern.

Alle größeren Handelsketten sind dafür gewappnet. Modekonzerne wie Zara oder H&M haben nach den Erfahrungen mit dem ersten Lockdown ihre E-Commerce-Aktivitäten noch einmal ausgebaut. Zudem haben unter anderem Fahrradhändler oder Babyausstatter neue Vertriebsformen schon im Frühjahr entwickelt. Click & Collect heißt das Prinzip: Der Kunde bestellt im Internet und bezahlt per Debit-/Kreditkarte. Die Ware kann er dann beim Händler mittels einer Abhol- und/oder einer PIN-Nummer in Empfang nehmen. Das Paket wird an einer Abholstelle bereitgestellt, der Kunde kann es sich nehmen, ohne mit einem Mitarbeiter in Kontakt zu kommen. Der Verband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) forderte denn auch am Montag von Verantwortlichen in den Landesregierungen und Kommunen, die Click-&-Collect-Lösungen weiterhin zuzulassen. Das sei eine wichtige Option für den Handel und eine mildere Lösung als ein vollständiges Verkaufsverbot.

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HDE: 250.000 Arbeitsplätze könnten verloren gehen

Ein weiterer Faktor wird sein, wie die Händler mit den noch nicht ausgelieferten Bestellungen umgehen. Gerade für die letzte Woche vor Weihnachten und die Zeit zwischen den Jahren haben vor allem Modegeschäfte in den vergangenen Jahren spezielle Aktionen mit Extraware und Sonderangeboten gefahren. Da diese nun flachfallen, dürfte es bei den noch nicht ausgelieferten Bestellungen Stornierungen in großem Stil geben – womit das Problem der Umsatzeinbußen zumindest in Teilen von den Händlern zu den Herstellern verschoben wird.

Hinzu kommt, dass schon ausgelieferte Ware nicht sofort bezahlt werden muss. Vielfach gelten Zahlungsfristen von 30 Tagen. Das verschafft den Händlern zumindest kurzfristig etwas finanziellen Spielraum. Gleichwohl stellt sich die Frage: Was wird mit der Ware, die im Lager liegt? Händler befürchten, dass sie vieles später nur mit massiven Abschlägen loswerden. Hier hat NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bestätigt, dass bundesweit ein neues Hilfsprogramm auf den Weg gebracht werden soll. Den Wertverlust durch einen späteren Verkauf zu einem reduzierten Preis sollen die Händler als Abschreibungen bei der Steuererklärung geltend machen können – das senkt die Steuerlast für die Unternehmen.

Gleichwohl geht der Handelsverband Deutschland (HDE) davon aus, dass der Lockdown knapp 200.000 Firmen treffe, davon seien 99 Prozent kleine und mittelständische Unternehmen. Der Innenstadthandel stehe für bis zu 600.000 Beschäftigte. Bis zu 250.000 Arbeitsplätze könnten verloren gehen. Allerdings dürften viele Händler ihre Beschäftigten zunächst einmal in Kurzarbeit schicken.

Betriebliche Stabilisierungshilfen am Gewinn orientieren

Und die Bundesregierung will Geschäftsinhabern mit zusätzlichen Hilfen in einem Volumen von 11 Milliarden Euro pro Monat unter die Arme greifen. Dabei handelt es sich um die Überbrückungshilfen, die bereits im Frühjahr eingesetzt wurden: Bis zu 90 Prozent der Fixkosten übernimmt der Staat, gemeint sind damit Mieten, Leasingraten, Wartungskosten oder Ausgaben für die Heizung.

Dennoch warnt Genth, dass viele Unternehmen den verschärften Lockdown „ohne entsprechende Staatshilfe nicht überstehen“. Er meint mit „entsprechend“ die November-/Dezemberhilfen, die der Hotellerie und der Gastronomie gewährt werden und für diesen Monat auch für den Einzelhandel gelten sollen. Die Betriebe bekämen dann 75 Prozent ihre Umsätze des Vorjahres vom Staat erstattet. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat diese Regelung allerdings heftig kritisiert. Die Zahlungen fielen im Gastgewerbe etwa ein Drittel zu hoch aus. Hauptfaktor: Durch die erzwungenen Schließungen fallen variable Kosten nicht an.

Genth betont indes, dass ab Januar eine „neue Form der Finanzhilfe“ gefunden werden müsse. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat dafür gerade ein Konzept vorgelegt. Die Wissenschaftler schlagen vor, betriebliche Stabilisierungshilfen am Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit, also vor Zinsen und Ertragssteuern (EBIT), zu orientieren, und zwar über alle Branchen hinweg. Mit folgendem Argument: Je stärker der betriebliche Gewinn wegbricht, desto stärker wird das Vermögen einen Unternehmens und damit seine Widerstandsfähigkeit angegriffen. Die Kieler schlagen in akuten Notlagen Abschlagszahlungen vor. Mit der Steuererklärung soll dann final mit dem Fiskus abgerechnet werden.

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