Corona-Lage spitzt sich zu: Europas Gastronomie kämpft ums Überleben

  • Ganz Europa kämpft mit steigenden Corona-Zahlen. Davon unmittelbar betroffen ist die Gastronomie.
  • Mit neuen Lieferangeboten und kreativen Ideen stemmen sich Restaurant und Cafe-Besitzer ein weiteres Mal gegen neue Beschränkungen.
  • Die neuen Corona-Beschränkungen schmerzen die Branche besonders, weil das wichtige Weihnachtsgeschäft vor der Tür steht.
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Heikruis. Um allen Corona-Regeln gerecht zu werden, verlegten Heidi Vanhasselt und Christophe Claes ihr Freitagsdinner in die Kirche im belgischen Heikruis. Sie installierten für den Betrieb ihres Restaurants „De Viering“ eine Küche und neue Toiletten in „Sankt Bernardus“, investierten all ihre Energie in kreative Corona-Lösungen und verpflichteten sich auf Miete für mindestens zehn Monate.

Die Taktik der belgischen Gastronomen schien aufzugehen. Das Reservierungsbuch war voll, die Küche gut beschäftigt. Dann kam der neue Schlag: Die Regierung ordnete angesichts der massiv steigenden Infektionszahlen in Belgien die Schließung von Cafés, Bars und Restaurants für mindestens einen Monat an.

Arbeitsplätze und Einkommen stehen auf dem Spiel

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„Das ist natürlich ein weiterer Schock“, sagt Küchenchefin Heidi Vanhasselt. „Denn wir hatten ja schon alle Investitionen getätigt.“ Vanhasselts Frust spiegelt sich in weiten Teilen Europas wider. In mehreren Ländern sind inzwischen wieder neue Einschränkungen für Restaurants verhängt worden, die die Freiheiten über die Sommermonate wieder stark zurückschrauben.

Dabei stehen Arbeitsplätze und Einkommen auf dem Spiel - doch nicht nur das, meint Griet Grassin vom „Tartufo“ am Rande von Brüssel. Ein Restaurant sei ein Ort, an dem die besonderen Momente gefeiert würden, betont sie. „Es ist nicht nur das Essen, es ist auch das Wohlbefinden.“

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Das wichtige Weihnachtsgeschäft

Die neuen Beschränkungen schmerzen besonders, weil Weihnachten schon fast vor der Tür steht. Adventliche Bürofeiern werden ebenso infrage gestellt wie feine Weihnachtsessen.

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Schon während der ersten Einschränkungen verbuchte die Hotel- und Gastronomiebranche in Europa zwischen Februar und April laut EU-Zahlen einen Einbruch von fast 80 Prozent. Der Sommer brachte dann eine leichte Erholung, vor allem in den Küstengegenden, aber mehr auch nicht. Und nun die steigenden Corona-Zahlen, die die Regierungen erneut die Reißlinie ziehen lassen.

Maßnahmen oft nicht nachvollziehbar

Viele Gastronomen können das nicht nachvollziehen. Neben lautstarkem Protest kommen vor allem Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. Die französische Regierung bestrafe die Branche, findet Xavier Denamur, der in Paris fünf Cafés und Bistros mit rund 70 Beschäftigten betreibt. Den Sinn der Sperrstunde um 21 Uhr, die nun für mindestens einen Monat angeordnet wurde, bezweifelt er. „Das ist eine katastrophale Maßnahme“, sagt Denamur. Wenigstens bis 23 Uhr sollte er öffnen dürfen, um zumindest ein richtiges Abendessen anbieten zu können.

Allein in Italien waren im September mehr als 400.000 Angestellte von Restaurants oder Cafés arbeitslos, wie aus Schätzungen des Gastronomie-Verbands Fipe hervorgeht. Und seine Prognosen für die kommenden Monate sind düster: „Hunderttausende Jobs sind bedroht.“ Ihre Kollegen in Europa sehen dem Winter mit ähnlichen Befürchtungen entgegen. Es sei eine Insolvenzwelle zu erwarten, erklärt etwa der Gastronomie-Anwalt Simon van Zijll in den Niederlanden.

Branche muss schnell reagieren

Das retten, was zu retten ist, lautet das Motto der meisten. Restauranteigner Paolo Polli in Mailand hat seinen Betrieb im Frühjahr auf einen Pizza-Lieferservice umgestellt. Damit habe er mehr verdient als im eingeschränkten Restaurantbetrieb nach den Schließungen, sagt er.

Das „Tartufo“ in Belgien konnte im ersten Lockdown nicht so schnell reagieren. Jetzt waren sie besser vorbereitet. Der Lieferservice kann ausgebaut werden, im Angebot sind neue Eigenkreationen wie Gin mit mediterranen Gewürzen. Dennoch rechnen Griet Grassin und ihr Ehmann Kayes Ghourabi, der Küchenchef, mit Einkommensverlusten von 70 bis 80 Prozent.

Die neuen Angebote würden aber zumindest helfen, die Kosten zu decken, die ja schließlich weiter anfallen, erklärt Grassin. „Ich habe immer zu meinem Mann gesagt: "Das Restaurant war unser erstes Kind"“, sagt die Mutter eines Sohnes. „Dafür kämpft man.“

RND/AP

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