Konjunkturhilfen in der Corona-Krise: Kinderbonus war hilfreicher als Steuersenkung

  • Im vergangenen Jahr war die Angst vor einer schweren Wirtschaftskrise groß.
  • Daher beschloss die Regierung ein Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket, darunter die Mehrwertsteuersenkung und der Kinderbonus.
  • Doch nur letzteres sei für viele wirklich förderlicher gewesen, wie eine aktuelle Studie des IMK zeigt.
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Hannover. Der Nachweis ist da: Der Kinderbonus hat in der Pandemie einen veritablen Wumms gebracht. Die Einmalzahlung hat nicht nur Familien mit niedrigen Einkommen geholfen, zusätzliche Belastungen zu stemmen. Mit dem Geld wurde auch die Konjunktur angekurbelt. Die Mehrwertsteuersenkung ist hingegen weitgehend verpufft. Dies geht aus einer aktuellen Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK hervor.

Im Frühsommer 2020 brachte die Bundesregierung ein viele Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket auf den Weg. Zur Erinnerung: Damals war die Furcht unter Ökonomen und Politikern groß, dass die Wirtschaft wegen der Pandemie und dem Lockdown in eine sehr schwere Krise stürzen könnte. Seinerzeit sei völlig richtig entschieden worden, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Konsumnachfrage zu beleben, erläutert IMK-Direktor Sebastian Dullien. Die beiden wichtigsten Elemente: Absenkung der Mehrwertsteuer für das zweite Halbjahr – beim regulären Satz von 19 auf 16 Prozent und von sieben auf fünf Prozent beim verringerten Satz. Die zweite Säule: Im Herbst wurden an alle Eltern, die Kindergeld beziehen, zusätzlich 300 Euro pro Kind gezahlt. Die Kosten dafür werden von der Bundesregierung auf etwa 4,3 Milliarden Euro taxiert. Doch der Effekt des Bonus könne pro eingesetzten Euro „etwa doppelt so groß sein“ wie die Wirkung der Steuersenkung, so die IMK-Experten.

Wegen der Coronakrise hatte die Bundesregierung ab dem 1. Juli 2020 eine vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent bzw. von 7 auf 5 Prozent beschlossen. © Quelle: imago images/Future Image
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Kein Einfluss auf Konsumverhalten

Befragungen von mehr als 6100 Erwerbstätigen und Arbeitssuchenden im November haben ergeben, dass eine große Mehrheit zwar registriert hatte, dass die niedrigere Mehrwertsteuer „ganz überwiegend“ oder zumindest teilweise in Preissenkungen umgemünzt wurde. Das deckt sich auch mit IMK-Untersuchungen, bei denen festgestellt wurde, dass vor allem in Supermärkten Produkte billiger wurden. Aber fast 80 Prozent der Befragten gaben an, dass dies keinen Einfluss auf ihr Konsumverhalten gehabt habe. Nur jeder Sechste habe wegen der günstigen Preise für später geplante Anschaffungen vorgezogen. Gerade einmal 4,5 Prozent hätten die Abschläge genutzt, um sich etwas zu leisten, was sie normalerweise nicht gekauft hätten.

Dies passt zu den Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts, das wegen der 16 Prozent von Mehrausgaben der Bundesbürger für Konsum von nur rund 6 Milliarden Euro ausgeht: Eine ziemlich teure Konjunkturstütze, denn die Steuersenkung hat dem Staat Mindereinnahmen von rund 20 Milliarden Euro beschert. Den IMK-Forschern ist aber auch wichtig, dass von der Großzügigkeit der Bundesregierung vor allem Haushalte mit höherem Einkommen profitiert haben. Fast jeder Fünfte der Befragten mit einem Haushaltseinkommen von mehr als 4500 Euro (netto) pro Monat hat sich vorgezogene Anschaffungen gegönnt. Aber nur rund elf Prozent Bürger mit niedrigen Einkommen (weniger als 1500 Euro) leisteten sich neue Möbel oder andere langlebige Konsumgüter.

Kinderbonus kam dort an, wo der Bedarf besonders groß war

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Ganz anders die Situation beim Kinderbonus. Schon wenige Wochen nach der Auszahlung gab ein Drittel der Befragten an, das Geld schon komplett ausgegeben zu haben. Weitere 27 Prozent hatten zumindest einen Teil schon wieder unter die Leute gebracht. Dullien und sein Team haben hochgerechnet, dass innerhalb von zwölf Monaten gut zwei Drittel der außerordentlichen Zuwendung in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden. Besonders hoch sei die Ausgabenneigung bei Haushalten mit niedrigem Einkommen (unter 1500 Euro). Diese Gruppe hat es – der Befragung zufolge – denn auch in der Pandemie besonders häufig mit höheren Ausgaben zu tun. Dahinter könnte stecken: Die Anschaffung von Laptops und Tablets für den Onlineunterricht oder höhere Kosten für Nahrungsmittel, weil wegen des Lockdowns kostenloses Schulessen weggefallen ist.

Der Kinderbonus sei dort angekommen, wo der Bedarf besonders groß war. Die Einmalzahlung wirke damit der Ungleichheit entgegen, die 2020 zugenommen haben dürfte, so Dullien. Die Befragungen deuten überdies darauf hin, dass auch Haushalte ohne Kinder mit geringen Einkommen große Teile einer einmaligen Finanzspritze vom Staat schnell ausgeben würden – da liegen enorme Umsatzpotenziale für die Wirtschaft. Der Rat der IMK-Experten: „Bei künftigen Konjunkturprogrammen wäre es deshalb sowohl aus Effizienz- als auch aus Verteilungsgründen zu raten, einen größeren Anteil der eingesetzten Mittel für Direktzahlungen zu verwenden.“ Und Dullien sieht auch schon aktuellen Handlungsbedarf: Es sei nun wichtig, dass die Pandemie nicht stärker auf die Kaufkraft weiter Bevölkerungskreise durchschlage.

Weitere Familienhilfen in Planung

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Die Chancen, dass schon bald etwas in die Richtung Direktzahlungen umgesetzt wird, stehen indes gut: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hatte schon vorige Woche im Bundestag angedeutet, dass es in diesem Jahr eine Art Kinderbonus II geben könnte: „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagte sie. Es gebe bereits Diskussionen darüber, diese würden jetzt weitergeführt, „und ich denke, dass da in den nächsten Tagen sich auch noch Dinge entwickeln werden.“ Schließlich würden die Belastungen für Familien weiter bestehen. Auch das Deutsche Kinderhilfswerk hatte kürzlich weitere Hilfen für Familien gefordert.

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