China: Die Kosten einer virusfreien Zone

Chinas Nulltoleranzstrategie gegenüber dem Virus steht derzeit vor der größten Belastungsprobe seit letztem Sommer.

Chinas Nulltoleranzstrategie gegenüber dem Virus steht derzeit vor der größten Belastungsprobe seit letztem Sommer.

Peking. In der Nacht auf Mittwoch fiel der Covid-Test eines Hafenarbeiters in Ningbo überraschend positiv aus. Gesundheitlich bestand für den 34-Jährigen zu keinem Zeitpunkt ernsthafte Gefahr: Der Mann war bereits doppelt mit dem chinesischen Sinovac-Vakzin geimpft und zeigte zudem keinerlei Symptome. Doch für die rigide „Zero Covid“-Strategie der chinesischen Regierung löste er eine existenzielle Krise aus: Noch vor dem Morgengrauen, um 3:30 Ortszeit, schlossen die Behörden den gesamten Meishan-Terminal inklusive angeschlossenem Zolllager auf unbestimmte Zeit.

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Chinas Nulltoleranzstrategie gegenüber dem Virus steht derzeit vor der größten Belastungsprobe seit letztem Sommer. Doch wie es ausschaut, werden die Behörden den bisher größten Infektionsstrang der Delta-Variante im Land schon bald eindämmen können: mit strikten Lockdowns, Reisebeschränkungen und einem rigiden Quarantänesystem. Doch ebenso gewiss ist, dass die wirtschaftlichen Kosten massiv sein werden – und mit jedem weiteren Ausbruch werden sie weiter steigen.

Chinas Wirtschaft wuchs um 2,3 Prozent

Dabei ging Chinas „Zero Covid“-Strategie im letzten Jahr nicht nur epidemiologisch auf, sondern sorgte auch für wirtschaftliches Wachstum von 2,3 Prozent. Als einer der ersten Länder der Welt konnte die Volksrepublik das Virus praktisch vollständig eindämmen: Nur mehr alle paar Wochen tauchte ein lokaler Infektionsstrang auf, der jedoch sofort mit gezielten Lockdowns ausradiert wurde. Dementsprechend ließ Peking die Wirtschaft ohne Handbremse wieder hochfahren. Chinas Fabriken produzierten, was der Rest der Welt dringend benötigte: medizinische Geräte und Elektronikwaren fürs Homeoffice.

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Jede Infektion löst kostspieligen Lockdown aus

Angesichts der hochinfektiösen Delta-Variante droht sich das Blatt nun jedoch zu wenden, denn das Risiko für neue Virusausbrüche wird zunehmend größer. Seit Ende Juli kämpfen Chinas Behörden erstmals seit über einem Jahr wieder gegen einen Infektionscluster an, der weite Teile des Landes erfasst hat. Mehr als die Hälfte aller Provinzen sind derzeit betroffen.

Die absolute Zahl an Ansteckungen ist mit etwas mehr als 1300 Fällen immer noch verschwindend gering, doch jeder einzelne von ihnen löst in China unweigerlich einen extrem kostspieligen Lockdown aus: Im Pekinger Bezirk Wangjing siegelten die Behörden aufgrund eines einzigen Infizierten eine gesamte Wohnsiedlung mit 26 Apartmenttürmen ab. Und im Containerhafen von Ningbo – immerhin der weltweit größte seiner Art – wurde ein ganzer Terminal geschlossen.

Wachstum verliert deutlich an Geschwindigkeit

Das ökonomisch kostspielige Katz-und-Maus-Spiel gegen das Virus wird auf absehbare Zeit weitergehen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die nächsten Häfen, Fabriken und möglicherweise erneut ganze Städte dichtmachen müssen.

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Chinas Handelsdaten für Juli sind jedoch nach wie vor solide, die Geschwindigkeit des Wachstums ist allerdings bereits deutlich abgekühlt. Und auch der Einkaufsmanagerindex des Wirtschaftsmedium Caixin, der auf einer Umfrage unter Industrievertretern beruht, ist ebenfalls von 51,3 auf 50,3 abgerutscht. Sollte der Wert die Grenzmarke von 50 unterschreiten, so bedeutet dies, dass die Wirtschaft schrumpft.

Binnenkonsum und Dienstleistungssektor könnte weiter straucheln

Einige der großen Investmentbanken haben ihre Prognosen für China bereits nach unten angepasst. Goldman Sachs etwa erwartet nur mehr ein Wirtschaftswachstum von 8,3 Prozent, zu Beginn des Monats waren es noch 8,6 Prozent. Auch Morgan Stanley korrigierte ebenfalls nach unten. Insbesondere der Binnenkonsum und der Dienstleistungssektor dürften für den Rest des Jahres ins Straucheln kommen.

Eine öffentliche Debatte über Chinas epidemiologische Strategie flammt im autoritär regierten Land nur langsam auf. Doch einzelne Wortmeldungen, die dazu aufrufen, mit der Existenz des Virus leben zu lernen, werden meist von den Staatsmedien harsch kritisiert.

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Etliche Provinzen in den Miesen

Rein finanziell wird die Nulltoleranzpolitik jedoch zunehmend zur Belastungsprobe für die Lokalregierungen, die praktisch sämtliche Kosten für das strenge Quarantäneregiment und die flächendeckenden Massentests tragen. Bereits jetzt konnte Shanghai als einzige Region in der ersten Jahreshälfte einen Haushaltsüberschuss vorweisen. Sämtliche andere Provinzen sind deutlich in die Miesen gegangen.

Der jetzige Infektionsstrang scheint zumindest wieder unter Kontrolle: Seit fünf Tagen sinken die täglichen Ansteckungen, am Sonntag meldete die nationale Gesundheitskommission nur mehr 24 lokale Infektionen. Die Wirtschaft kann also bald wieder hochfahren – jedoch nur bis zum nächsten Ausbruch.

RND/Fabian Kretschmer

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