mRNA-Technologie: Eine Goldgrube für den Standort Deutschland?

  • Gleich zwei Unternehmen aus Deutschland sind weltweit führend bei der Entwicklung von Impfstoffen mit der mRNA-Technologie.
  • Der Kampf gegen das Coronavirus könnte der Branche zum Durchbruch verhelfen.
  • Dabei kann mRNA viel mehr – und der Standort Deutschland könnte von einem neuen Milliardenmarkt profitieren.
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Mit mRNA-Technologien dürften bis zum vergangenen Jahr nur wenige Menschen vertraut gewesen sein, und auch Biontech oder Curevac kannte abseits von Fachkreisen kaum jemand. Doch nun werfen die auf der neuen Technologie aufbauenden Impfstoffe ein Schlaglicht auf Biotech made in Germany. Denn auch abseits der Bekämpfung des Coronavirus könnte sich die mRNA-Technologie bezahlt machen – auch in wirtschaftlicher Hinsicht, wie Branchenvertreter meinen.

Einer von ihnen ist Oliver Schacht: „Das Potenzial der mRNA-Technologie ist auch neben den Vakzinen sehr groß, ganz besonders in der individualisierten Krebstherapie”, sagt der Vorstandsvorsitzende des Biotech-Unternehmerverbands BIO. Zwar ließen sich konkrete Zahlen nur schwer abschätzen. „Es handelt sich aber um globale Milliardenmärkte”, so Schacht, in dessen Verband 330 Unternehmen aus der hiesigen Biotech-Branche organisiert sind.

Dabei hatte es die Pharmaindustrie in Deutschland zuletzt nicht leicht. Zwar sind mit Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck KGaA und anderen Unternehmen mehrere Branchengrößen in der Bundesrepublik ansässig. Doch die ganz großen Umsätze erwirtschafteten zuletzt US-Unternehmen, die nach Zahlen der Unternehmensberatung Ernst & Young knapp die Hälfte des etwa 1,1 Billionen Dollar umfassenden Weltmarkts abdecken. Aber die mRNA-Technologie könnte dafür sorgen, dass die Karten neu gemischt werden.

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Neue Technologie, neues Geschäftsmodell

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Denn anders als bei anderen Vakzinen funktioniert die Boten-RNA ähnlich wie eine Bauanleitung für Viruseiweiße, die dem Immunsystem vorgelegt wird. Der Körper stellt entlang des Bauplans das Eiweiß her, erkennt es als fremd – und beginnt, Antikörper zu produzieren. Der große Vorteil: Die RNA ist regelrecht programmierbar, in der Theorie sind Bauanleitungen zur Bekämpfung zahlreicher Krankheiten denkbar.

In der Praxis scheiterten mRNA-Impfstoffe zuletzt hingegen oft an einem zentralen Problem: mRNA ist instabil, immer wieder zerbröselten die Bauanleitungen auf dem Weg in die menschlichen Zellen. Doch das Problem ist bei den Corona-Impfstoffen gelöst worden. „Der durchschlagende Erfolg stimmt uns zuversichtlich, dass das Prinzip der Immuntherapie auch für andere Indikationen erfolgreich sein wird”, meint Schacht.

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Maßgeschneiderte Krebstherapien

Während Wissenschaftler weltweit nun hoffen, mRNA-basierte Behandlungen auch gegen Malaria oder Denguefieber einsetzen zu können, hat Schacht vor allem Krebserkrankungen im Blick. Deren Behandlung lassen sich Gesundheitspolitiker weltweit viel kosten – keine Überraschung angesichts von jährlichen Schäden in Billionenhöhe, die Tumore nach Angaben der Pharmaindustrie verursachen. „Tumor ist nicht gleich Tumor. Es ist daher vielversprechend, das Immunsystem von Patientinnen und Patienten mit maßgeschneiderter mRNA so zu aktivieren, dass es gezielt gegen einen Tumor vorgehen kann”, erklärt Schacht.

Das dafür notwendige Know-how haben weltweit indes nur wenige Unternehmen. Moderna aus den USA kann auf einen funktionierenden und zugelassenen mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus verweisen. In Indien tüftelt der Hersteller Gennova ebenfalls an der Technologie – bei der in Deutschland gleich zwei Unternehmen vorn mitspielen wollen.

Mitarbeiter sortieren Pakete in Kühlschränke, in denen der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer gelagert wird, in der belgischen Produktionsstätte des Pharmaunternehmens Pfizer. © Quelle: Dirk Waem/BELGA/dpa

Ein bisschen wie ein Softwareunternehmen

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Dabei geht es Curevac und Biontech weniger um die Entwicklung einzelner Wirkstoffe als um die Kontrolle über eine Plattform. Das erinnert an Softwareunternehmen wie den US-Fahrdienstvermittler Uber. Der lebt weniger von der einzelnen Fahrt als davon, dass zahllose Nutzer es gewohnt sind, über die Plattform von Uber ihr Taxi zu bestellen. Ähnlich könnte es auch bei Curevac irgendwann ablaufen: Das Unternehmen sieht sich als One-Stop-Shop für mRNA-Therapeutika. Ein standardisierter Prozess soll es irgendwann möglich machen, für zahlreiche Partner Medikamente schnell zu entwickeln und zu produzieren – und dann stets am Verkauf mitzuverdienen, weil die Patente bei Curevac liegen.

Ob das zum Erfolg wird, bleibt indes abzuwarten. Der Corona-Impfstoff von Curevac ist bislang nicht zugelassen, das Unternehmen braucht deutlich länger als die Konkurrenten Moderna und Biontech. Zumindest erlaubt die Corona-Pandemie einen Eindruck von den Summen, die die mRNA-Technologie deutschen Biotech-Unternehmen einbringen kann: Laut Schätzungen dürften Biontech und der Vertriebspartner Pfizer mit ihrem Corona-Impfstoff in diesem Jahr 25 Milliarden Euro einnehmen.

Gehälter in der Branche steigen

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Doch Impfstoffe müssen nicht nur erfunden, sondern auch produziert werden – und da kommt noch eine Reihe weiterer Unternehmen ins Spiel, die sich zunehmend für mRNA-Technologien begeistern können. Evonik aus Essen liefert etwa die Lipide, die die mRNA beim Eindringen in menschliche Zellen schützen. Und Wacker-Chemie aus München, eigentlich eher als Lieferant von Kunststoff bekannt, beteiligt sich an der Impfstoffoffensive von Curevac – ebenso wie zahlreiche kleinere Unternehmen aus der Bundesrepublik, die einzelne Produktionsschritte übernehmen. Zumindest für die Beschäftigten ist das eine gute Nachricht: Die Gehälter in der Biotech-Branche steigen, wie jüngst eine Untersuchung von Compensation Partner zeigte.

Kühlschränke, Kühlschränke und noch mehr Kühlschränke: In Puurs muss der Biontech-Impfstoff ausgiebig gekühlt werden. © Quelle: Dirk Waem/BELGA/dpa

Welche der gerade in Windeseile geschlossenen Kooperationen auch nach der Pandemie bestehen bleiben, ist allerdings noch nicht absehbar. Und ganz ohne Ausland kommt die hiesige Produktion bislang nicht aus, Evonik etwa produziert maßgeblich im kanadischen Vancouver. Auch Biontech setzt längst nicht nur auf Werke in Deutschland. Zwar wird mittlerweile auch in Marburg Impfstoff hergestellt, doch der Großteil der Biontech-Impfstoff-Produktion stammt aus dem Werk von Pfizer im belgischen Puurs.

BIO gegen Vergabe von Zwangslizenzen

Schacht ist indes überzeugt, dass all das nur der Beginn des Durchmarschs der mRNA-Technologie ist. „Das ist eine große Chance für den Biotech-Standort Deutschland”, sagt der Branchenvertreter. Doch er betont zugleich, dass sich dafür auch die Regierung ins Zeug legen müsse. Die Vergabe von Zwangslizenzen zur Corona-Impfstoff-Fertigung, wie sie derzeit bei der Welthandelsorganisation und auch in Deutschland von Parteien gefordert wird, lehnt der BIO-Verband ab. Wichtiger ist Schacht die Stärkung des Biotech-Standorts Deutschland: „Wir müssen vor allem die Rahmenbedingungen für Investoren in Deutschland so verbessern, dass sie in deutsche Unternehmen investieren möchten.”

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