US-Ökonomen: Lieber die Wirtschaft als die Gesundheit leiden lassen

  • Weniger Schäden für die Wirtschaft oder eine möglichst effektive Corona-Eindämmung.
  • So könnte man dieser Tage die Diskussion interpretieren, die in Deutschland entbrannt ist.
  • och ganz so einfach ist es nicht, wie in Blick auf die Debatte in den USA zeigt.
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Etwa zwei Milliarden Euro pro Woche – so viel kosten die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen laut Konzernchef Herbert Diess allein den Volkswagen-Konzern. Und auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sieht es kaum besser aus: Um 2,8 bis 5,4 Prozent könnte die Wirtschaft wegen des Coronavirus 2020 schrumpfen, berechneten jüngst die Wirtschaftsweisen für die Bundesregierung – je nachdem, wann die Schutzmaßnahmen zurückgefahren werden. Bis zu 8,7 Prozent Wirtschaftsleistung könnte es kosten, wenn der Stillstand bis August anhält, heißt es vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Und das Münchener Ifo-Institut erwartet gar, dass im Falle eines lange anhaltenden Shutdowns ein Fünftel der deutschen Wirtschaftsleistung verloren ginge.

Das wären laut Ifo-Chef Clemens Fuest ganze 729 Milliarden Euro – für den Ökonomen ein Grund, bei Anne Will am vergangenen Sonntag Ende Mai als möglichen Zeitpunkt für einen Einstieg aus dem Ausstieg aus den Corona-Schutzmaßnahmen ins Gespräch zu bringen. „Ein Monat im Shutdown, wenn die Hälfte der Wirtschaft zugemacht wird, kostet vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts“, sagt allerdings Fuest. Er dringt darauf, die Wirtschaft alsbald wieder hochzufahren. Allein ist er damit nicht, mehrere deutsche Ökonomen klangen zuletzt ähnlich.

Haben US-Ökonomen andere Prioritäten?

In den USA, wo die Regierung unter Präsident Donald Trump lange vor drastischen Eindämmungsmaßnahmen zurückgeschreckt war, hauen hochrangige Ökonomen indes in eine andere Kerbe. Einer Umfrage der Universität Chicago zufolge warnen US-Wissenschaftler davor, zu Gunsten der Wirtschaft auf ein frühes Ende der Gegenmaßnahmen zu setzen.

80 Prozent der befragten Fachleute sind demnach der Ansicht, dass das größere Schäden als verlängerte Gegenmaßnahmen verursachen würde. Stattdessen rät der Umfrage nach die Mehrheit der Ökonomen, sehr große wirtschaftliche Schäden in Kauf zu nehmen, bis die Zahl der Corona-Fälle deutlich sinkt. 87 Prozent der befragten Wissenschaftler befürworteten das.

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Das Gesundheitssystem hat Priorität

Erstellt wurde die Umfrage zwar, bevor Trump jüngst ein rigoroseres Vorgehen angekündigt hatte – doch trotzdem wird vor allem eine Tendenz klar: Auch die Mehrheit der Top-Ökonomen in den USA sorgt sich derzeit vor allem um das Gesundheitssystem. Fast 90 Prozent empfehlen, zunächst einmal das Gesundheitswesen massiv zu stärken. Sie schlagen unter anderem vor, die improvisierten Krankenhäuser zu errichten, mehr Schutzmasken und Beatmungsgeräte zu fertigen und die Impfstoff-Forschung staatlicherseits finanziell zu unterstützen.

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Hauptgrund für die Ökonomen, auf rigorose Maßnahmen zu setzen, ist dabei die große Unsicherheit in Bezug auf das neuartige Virus. “Wir wissen nicht, wie schlimm es wird”, sagte etwa Princeton-Professor Angus Deaton. “Wir müssen die wahren Infektionsraten und den Anteil der Infizierten ohne Symptome herausfinden, bevor wir über die Lockdowns entscheiden können”, meinte auch Pinelopi Goldberg aus Yale.

Bessere Datenlage nötig

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In dem Punkt sind sich die US-Ökonomen mit deutschen Wissenschaftlern einig. IfW-Präsident Gabriel Felbermayr betonte zuletzt, dass zusätzliche Tests in Deutschland dringend geboten sein, um die Wirksamkeit der Corona-Eindämmung zu überprüfen. Dann sei es möglich, mit Hilfe der verbesserten Datenlage die Maßnahmen zielgenauer zu machen, sagte Felbermayr.

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