Ein Jahr nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: Arbeitssituation kaum verbessert

  • Ein Jahr nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies ist die Aufarbeitung noch immer nicht abgeschlossen.
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach rund 50 Anzeigen und Kritiker werfen der Politik vor, dass sich die Wohn- und Arbeitsbedingungen kaum verbessert haben.
  • Was ist seit dem Fleischskandal passiert?
|
Anzeige
Anzeige

Gütersloh. Mitte Juni 2020: Nach dem massenhaften Ausbruch des Coronavirus unter den Beschäftigten des Schlachtbetriebs Tönnies zieht der Kreis Gütersloh die Reißleine. Alle 7000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in Quarantäne, Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) macht den Laden vorübergehend dicht. Bis zu den Sommerferien dürfen auch Kitas und Schulen nicht mehr öffnen. Die Sieben-Tage-Inzidenz im Kreis steigt in Richtung 300. Urlaubsregionen in Deutschland machen die Schotten dicht, Menschen aus der Region sind nicht mehr willkommen.

Kritik gab es nicht nur wegen mangelnder Infektionsschutzmaßnahmen. Auch die Arbeits- und Wohnsituation der Leiharbeiter stand in der Kritik: Viele Beschäftigte sind über Subunternehmen und mit Werkverträgen angestellt und müssen für ihre Unterkünfte überhöhte Mieten zahlen. Was ist seitdem passiert?

Nach Corona-Ausbruch bei Tönnies: „Politik muss mehr Druck ausüben“

Anzeige

Mitte Mai 2020 hatte Marktführer Tönnies die ersten Corona-Fälle, Anfang Juni gingen die Zahlen dann steil nach oben. „Der Ausbruch in unserem Werk war einfach zu früh. Im Juni haben doch alle geglaubt, Corona sei unter Kontrolle. So haben wir dann ein paar Monate vor allen anderen erlebt, was in der zweiten und dritten Welle überall in Deutschland passiert ist“, sagt Gereon Althoff der Deutschen Presse-Agentur (dpa), der bei Tönnies das Qualitätsmanagement und Veterinärwesen leitet. Heute sieht das Konzept vor: zwei Tests pro Woche pro Mitarbeiter per PCR. „Wer positiv ist, wird erkannt, bevor er überhaupt Symptome hat. So können wir Infektionsketten durchbrechen und haben bei uns keine Dunkelziffer“, sagt Althoff.

Anzeige

Mängel sieht das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium noch bei der Umsetzung des Abstandsgebotes in den Unternehmen sowie beim Tragen des Mund-Nasen-Schutzes. Hier seien bei Kontrollen wiederkehrend Verstöße entdeckt worden.

Werksverträge sind inzwischen im Kernbereich der Branche verboten, doch die Arbeitssituation der Menschen habe sich kaum verbessert, beobachtet Pfarrer Peter Kossen. Er kämpft seit Jahren gegen die prekären Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie in Deutschland und sagt dem RedationsNetzwerk Deutschland (RND): „Es fehlt an Druck und Anreiz.“ Kossen fordert: „Die Politik muss mehr Druck auf die Fleischkonzerne ausüben.“ Dies betreffe etwa die Unterkünfte: „Konzerne sollten verpflichtet werden, sich besser um die Wohnungssituation zu kümmern“, fordert er im Gespräch mit dem RND. „Wenn fünf oder sechs Leute in einer Wohnung sind und jeder 200 oder 300 Euro für das Bett zahlt, ist das einfach Mietwucher“, meint der Pfarrer und appelliert an die Politik: „Das muss man einfach regulieren.“

Anzeige

Er beobachtet, dass Verdienstausfälle derer, die mit Menschen gehandelt haben, nun durch Mietwucher kompensiert werden würden. Immerhin höre er aber aus dem Tönnies-Betrieb in Rheda-Wiedenbrück, dass sich die Wohnsituation verbessert habe.

Dies bestätigt auch Thorsten Kleile, Gewerkschaftssekretär der zuständigen Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Tönnies stellt mit seiner Immobiliengesellschaft vielen Beschäftigten bessere Wohnungen zur Verfügung“, sagt er dem RND.

An Wohnbedingungen „noch nicht viel geändert“

Allerdings profitieren offenbar nicht alle von den besseren Wohnungen. „Bei einer großen Zahl hat sich an den Wohnbedingungen aber bislang noch nicht viel geändert – hier werden noch Wohnungen gebaut und dies dauert natürlich etwas“, so Kleile gegenüber dem RND. Sein Fazit: „Fortschritte sind in einigen Bereichen erkennbar, aber es besteht nach wie vor großer Handlungsbedarf.“

Problematisch sei laut NGG, dass alte Hierarchien weiter bestehen, „da viele der alten Vorgesetzten der Subunternehmer von Tönnies übernommen wurden“. Daher gebe es häufig ein problematisches Vorgesetzten-Verhalten, was zu Unruhe und Unzufriedenheit in der Belegschaft führe.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".
Anzeige

Gewerkschaft: „Viele Probleme sind nicht vom Tisch“

Eine Konsequenz aus der Diskussion: Tönnies hat zahlreiche Mitarbeiter von Subunternehmen nun selbst angestellt. Doch der Gewerkschaftssekretär Kleile sagt dem RND: „Viele Probleme sind nicht vom Tisch.“ Zwar habe sich die Zahl der Beschäftigten vervielfacht, doch „gegen viele Subunternehmer bestehen noch Ansprüche aus den alten Arbeitsverhältnissen“, erläutert Kleile gegenüber dem RND. Die Aufarbeitung gestaltet sich schwierig, denn offenbar versuchen viele bisherige Subunternehmen, sich aus der Verantwortung zu ziehen. „Viele der Subunternehmer haben ihre Gesellschaften abgemeldet und unter neuem Namen angemeldet, um Ansprüche ihrer ehemaligen Beschäftigten nicht erfüllen zu müssen“, sagt Kleile.

Dort wo es erlaubt ist, arbeite Tönnies weiterhin mit Subunternehmen, sagt die Gewerkschaft. Dies betrifft zum Beispiel die Reinigung. „Dort sind teilweise auch monatliche Arbeitszeiten weit über das vertragliche Maß bekannt, was dann nur schwer mit dem Arbeits- und Gesundheitsschutz vereinbar ist“, so der Vorwurf des Gewerkschaftssekretärs. Bei der Vermittlung von Arbeitskräften würde Tönnies ebenfalls weiterhin mit Subunternehmen zusammenarbeiten.

Fleischkonzerne: Änderungen bei Lohn ein „Meilenstein“

Es gibt aber auch positive Veränderungen, meint Pfarrer Kossen. „Im Tarifbereich hat sich etwas getan – das ist ein Meilenstein“, sagt er mit Verweis auf den flächendeckenden Mindestlohn-Tarifvertrag. Er sieht eine stufenweise Lohnsteigerung von 10,80 Euro auf bis zu 12,30 Euro ab 1. Januar 2023 vor.

Als besondere Herausforderung sieht Kossen die Integration der Arbeitsmigranten: Sprachkurse oder auch Angebote für Familien mit Kindern erreichen oft die Menschen gar nicht, so Kossen. Er warnt daher vor „Parallelgesellschaften, in denen selbst junge Menschen abgehängt werden“.

Anzeige

Gewerkschafter Kleile sagt dem RND: „Die Betriebsübergänge von Tönnies sind nach unserem Kenntnisstand im Großen und Ganzen ordentlich durchgeführt worden, Beschäftigungszeiten und alte Urlaubsansprüche wurden/werden anerkannt.“ Dies bedeute allerdings nicht, dass es zwangsläufig eine Verbesserung der Arbeitsverträge gebe, sondern nur, dass es keine Verschlechterung gibt. „Die Löhne sind nach wie vor sehr niedrig“, so die Kritik. Eine Stellungnahme des Unternehmens zu Wohn- und Arbeitsbedingungen steht noch aus.

Juristische Aufarbeitung im Fall Tönnies läuft

Nach etwa 50 Anzeigen gegen die Tönnies-Geschäftsführung – darunter auch Clemens Tönnies – ermittelt die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Dabei geht es um fahrlässige Körperverletzung und Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz. Nach Angaben von Sprecher Moritz Kutkuhn sind die Ermittlungen (Stand Mitte Juni 2021) noch nicht abgeschlossen.

Zwischen der Fleischindustrie und dem Land hatte sich ein Streit um die Erstattung von Verdienstausfall entwickelt. Das Gesundheitsministerium hatte den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) angewiesen, entsprechende Anträge abzulehnen. Laut Infektionsschutzgesetz können Betriebe Entschädigungen beantragen, wenn die Unternehmen durch die Behörden geschlossen wurden. Daraufhin erreichte die Verwaltungsgerichte eine Klagewelle. In Minden und Münster sind es den Angaben nach jeweils mehrere Hundert Fälle. Um der Masse der Verfahren Herr zu werden, einigten sich die Beteiligten in Minden auf ein Musterverfahren. In Münster wird derzeit sondiert und in Absprache mit den Unternehmen nach vergleichbaren Fällen gebündelt.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen