Studie: Continental war in NS-Zeit “Stützpfeiler der Kriegswirtschaft”

  • Das heutige Dax-Unternehmen Continental mit Sitz in Hannover war während der Nazizeit eine tragende Säule der Wirtschaft des Regimes.
  • Die Verstrickungen waren schon länger bekannt, das ganze Ausmaß ergibt sich aber erst durch eine Studie, die das Unternehmen selbst in Auftrag gegeben hatte.
  • Unter anderem hatte der Konzern Tausende von Zwangsarbeitern ausgebeutet.
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Hannover. Der Vorläufer des Dax-Konzerns Continental hat nach den Ergebnissen einer Auftragsstudie eine bedeutsame Rolle in der NS-Wirtschaft gespielt und auch Tausende Zwangsarbeiter ausgebeutet. Dies geht aus einer Untersuchung des Historikers Paul Erker hervor, die Conti angestoßen hatte und am Donnerstag in Hannover vorstellte. Die Studie ergibt ein erschreckendes Bild. Der Konzern will daraus lernen – auch mit Blick auf das angespannte politische Klima heute.

KZ-Häftlinge, die Gummisohlen “testen” mussten, systematisch schikaniert und oft getötet wurden. Der Einsatz Tausender Zwangsarbeiter in kriegswichtigen Betrieben. Diskriminierung und Ausgrenzung jüdischer Kollegen. Erkers Untersuchung über Continentals Verstrickungen mit dem NS-Regime umfasst mehr als 800 Seiten, die es in sich haben. Und sie wirft ein Schlaglicht auf den schleichenden Wandel vom international vernetzten Unternehmen zum Teil der Ausbeutungsmaschinerie eines totalitären Systems.

“Die Lektüre war an vielen Stellen sehr bedrückend”

“Eigentlich ist das für den Leser eine Zumutung”, sagt der Forscher. Aber “die Komplexität der Transformation von Continental zu einem nationalsozialistischen Musterbetrieb nachzuzeichnen”, sei nötig gewesen. Vorstandschef Elmar Degenhart bestätigt: “Die Lektüre war an vielen Stellen sehr bedrückend.” Was Erker über die Rolle des heutigen Dax-Konzerns in der Rüstungswirtschaft des Dritten Reichs herausfand, sei beklemmend. Ein Gebot, aus der Geschichte zu lernen.

Der Wissenschaftler fand bei der Aufarbeitung der Geschichte des heutigen Autozulieferers unter anderem heraus, dass KZ-Häftlinge Schuhsohlen aus Gummiprodukten des Unternehmens testen mussten. Dabei seien sie teils “bis zu Entkräftung und Tod ausgebeutet und misshandelt worden”, hieß es. Man habe sie auch in der Herstellung von Gasmasken oder der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt.

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Continental und auch später in den Konzern gekommene Firmen wie VDO, Teves, Semperit oder Phoenix dienten von 1933 bis 1945 zumindest in Teilen einem Zweck: der Zulieferung zentraler Bestandteile von Konsum- und Rüstungsgütern im Sinne der NS-Führung. Erker zeigt dies vor allem für die “strategischen Rohstoffe Kautschuk und Gummi”.

Es ging um Reifen für Militärautos oder Schuhabsätze für Armeestiefel – aber auch Schläuche für Panzer-Bremssysteme oder Teile für Flugzeuge, Batteriekästen und Steuergeräte der V1-Waffe. Conti sei ein wichtiger Akteur in einer Branche gewesen, die “das eigentliche Rückgrat der nationalsozialistischen Rüstungs- und Kriegswirtschaft” bildete.

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Zur Herstellung und Erprobung etlicher Basisprodukte griff man auf Zwangsarbeiter und in den letzten Kriegsjahren auch auf Insassen von Konzentrationslagern zurück. Ein besonders brutales Beispiel, das Erker schildert, war die “Schuhprüfstrecke” im KZ Sachsenhausen: “Die jeweiligen Leiter waren für ihre Brutalität bekannt, und es gab zahlreiche Fälle vorsätzlicher Ermordung von dort eingesetzten Häftlingen.” Dort mussten Häftlinge täglich 30 bis 40 Kilometer um den Appellplatz am Galgen herum laufen, um den Verschleiß von Schuhsohlen und Absätzen zu testen. Wer hinfiel, wurde von SS-Leuten erschossen.

“Wenn sie tot sind, gibt’s neue”

Continental war damals auch Marktführer für Schuhsohlen und Absätze. Auch bei Frost drehten “Schuhläufer” ihre Runden, da Continental-Techniker speziell Laufversuche bei Schnee und Eis einforderten. Manche der Sohlen wurden in kurzer Zeit bis zu 2200 Kilometer weit getragen – teils “unter Absingen deutscher Marschlieder”. Der damalige Unternehmensvorstand Hans Odenwald wird in der Studie im Blick auf russische Zwangsarbeiter außerdem mit den Worten zitiert: “Wenn sie tot sind, gibt’s neue.”

Continental setzte nach der Studie im Zweiten Weltkrieg insgesamt rund 10.000 Zwangsarbeiter ein. Neben den KZ-Häftlingen waren das unter anderen italienische “Jungfaschisten”, Leiharbeiter aus dem besetzten Belgien oder französische und russische Kriegsgefangene. KZ-Häftlinge seien zudem in der Produktion von Gasmasken und bei der Verlagerung der Produktion unter Tage eingesetzt worden – unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Das Management war “aktiv involviert”

Was tat das Management? Es war laut Studie über weite Strecken “aktiv involviert”. Es profitierte von der Aufrüstung – das ist eine der Hauptthesen in “Zulieferer für Hitlers Krieg. Der Continental-Konzern in der NS-Zeit”, anhand derer Erker auch Einzelschicksale schildert.

Viele Unternehmen wie VW, Daimler oder die Deutsche Bank haben ihre Geschichte in der Nazi-Diktatur schon aufarbeiten lassen, nun liegen auch im Fall Conti Daten vor – sowohl zu Beschäftigten, die Opfer von Rassismus und Antisemitismus wurden, als auch zu Kriegsgefangenen. Letztere mussten oft “eine regelrechte Odyssee” durch die Lager und Produktionsbetriebe überstehen. Manche überstanden es nicht.

Vor der Leitungsebene machte die “Deformation der Unternehmenskultur” ebenfalls nicht halt. Erst gab es auch noch Manager mit jüdischen Wurzeln. “Im Laufe der 30er Jahre hat sich das Unternehmen dann aber selbst arisiert”, erklärt Erker. Aufsichtsratsmitglieder wurden in manchen Fällen sofort zum Rücktritt gedrängt. Als besonders nützlich erachtete Experten oder Prokuristen seien allerdings auch aus der Schusslinie genommen worden – während sich die Täter und Betreiber von Diffamierungskampagnen häufig nicht verantworten mussten.

“Das dunkelste Kapitel unserer Unternehmensgeschichte”

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Die 2015 beauftragte Durchleuchtung des “dunkelsten Kapitels unserer Unternehmensgeschichte” sei überfällig gewesen, meint Degenhart. “Die damaligen Entscheidungen waren durch nichts zu rechtfertigen”, sagt er über die Zwangsarbeiter-Einsätze. “Aber es ist gleichzeitig eine Mahnung an alle Führungskräfte in Wirtschaft und Politik, mit ihrer Verantwortung sehr sorgsam umzugehen.” Für Conti selbst bedeute das, Beschäftigte für die Vergangenheit zu sensibilisieren: “Wir halten es nicht für opportun, unterschiedliche Gruppen der Gesellschaft auszuschließen. Rassismus ist unter keinen Umständen tolerierbar.”

Über einen zweistelligen Millionenbeitrag zur Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft habe Conti bereits mit dafür gesorgt, dass Zwangsarbeiter entschädigt werden. “Damit ist aber kein Schlussstrich gezogen”, so Degenhart. “Wir möchten insbesondere Führungskräften vermitteln, welche Verantwortung wir aus der Historie heraus haben.”

Firmengeschichte wird schon Azubis vermittelt

Personalvorständin Ariane Reinhart betont die stärkere Verankerung von Werten: “Wir müssen sie laufend stärken und überprüfen.” Ein 2016 gestartetes Programm, das die Firmengeschichte Nachwuchskräften näher bringen soll, haben 450 Auszubildende in Hannover durchlaufen.

Eine Weiterführung unter dem Titel “Verantwortung und Zukunft” richtet sich nun an die ganze Belegschaft. “Es geht um die Frage: Wie hätte ich reagiert? Vom Meister an der Linie bis zum Topmanager.” Historiker Erker sieht auch einen aktuellen Bezug – angesichts eines gesellschaftlichen Klimas, in dem “falsches Wissen über die Entstehung und Funktionsweise des NS-Regimes verbreitet wird”.

RND/dpa/epd

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