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Conti-Beschäftigte auf der Straße: So schlimm steht es um die Autozulieferer

  • Es brodelt bei Continental: Hunderte Beschäftigte gingen heute gegen die Sparpläne des Autozulieferers auf die Straße.
  • Der Konzern aus Hannover ist Sinnbild einer Branche, die in der Krise steckt.
  • Ein Autoexperte spricht bereits vom „Ende eines goldenen Jahrzehnts“.
Fabian Hartmann
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Roland Thünken (52) hat Angst um seinen Job. Seit zehn Jahren arbeitet der dreifache Vater im Continental-Werk Roding. Spätestens 2024 soll der Standort in Bayern geschlossen werden. Betroffen sind davon rund 540 Arbeitsplätze. Schon heute deutet sich das nahende Ende an: „Wir kriegen keine neuen Produkte mehr, die Hallen sind leer“, sagte Thünken der „Neuen Presse“. Die Stimmung vor Ort sei „bescheiden“.

Roding ist kein Einzelfall. Die Beschäftigten bei Continental sind an allen Standorten in Aufruhr: Der weltweit drittgrößte Autozulieferer baut den Konzern massiv um. In den nächsten zehn Jahren sollen weltweit bis zu 20.000 Stellen wegfallen – fast ein Zehntel der Belegschaft. Allein in Deutschland sollen 7000 Jobs abgebaut werden, ganzen Werken droht das Aus.

IG Metall rief unter dem Motto #FairConti zum Protest auf

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Am Mittwochvormittag gingen Hunderte Conti-Mitarbeiter am Konzernsitz in Hannover auf die Straße, um gegen die Sparpläne zu protestieren. Die IG Metall hatte unter dem Motto #FairConti zum Protest aufgerufen. Roland Thünken war auch dabei. „Ich habe keine Ahnung, wie das ausgeht“, sagt er. „Wenn alles wegbricht, steht da ein großes Fragezeichen.“

Die deutsche Autoindustrie beschäftigt momentan 830.000 Menschen. Die IG Metall geht davon aus, dass in den nächsten zehn Jahren 130.000 Arbeitsplätze wegfallen. Besonders hart trifft es die Zulieferer. So war es auch das Gefühl der Ohnmacht und Zukunftsangst, das die Demo-Teilnehmer in Hannover am Mittwoch auf die Straße trieb – und die Wut auf ihren Arbeitgeber. Allerdings sind die miesen Zahlen bei Conti nicht wegzudiskutieren. Im dritten Quartal meldete der Zulieferer einen Verlust von fast 2 Milliarden Euro. Das Unternehmen steckt in der Krise. Und über den Beschäftigten schwebt bereits die Drohung eines noch härteres Sparprogramms. Damit ist der Hannoveraner Konzern aktuell zum Sinnbild einer Branche geworden, die jahrelang von guten Geschäften getragen wurde – und jetzt ins Schlingern gerät.

Alle Zulieferer, ob groß oder klein, kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen. Weltweit ist die Autoproduktion im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr um 5 Prozent gesunken. Die Zuliefererbranche lege eine „Vollbremsung“ hin, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Was andersherum ausgedrückt heißt: Gewinnmargen werden kleiner, Jobs fallen weg. So will Bosch in den nächsten drei Jahren in Deutschland mehr als 2000 Stellen streichen, bei Brose sind es im selben Zeitraum 2000 Arbeitsplätze, die wegfallen. Weltweit kürzt Schaeffler 3400 Stellen, bei Mann+Hummel sollen 1200 Menschen weniger beschäftigt werden.

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Umstieg auf E-Mobilität hat mit aktuellen Problemen wenig zu tun

Das sind nur einige der Meldungen, die die Beschäftigten in der Zulieferindustrie in den letzten Wochen und Monaten aufgeschreckt haben. „Das goldene Jahrzehnt geht zu Ende“, sagt Thomas Puls, Autoexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Weltweit sei der Markt für Fahrzeuge in den letzten zehn Jahren stark gewachsen. Doch damit sei es jetzt vorbei. Die Konjunktur lasse weltweit nach. Das trifft die Zulieferer, die Autohersteller weltweit beliefern, besonders hart. Hinzu kommt, dass die für die deutsche Autoindustrie so wichtigen Märkte Großbritannien (Brexit) und USA (Handelsstreit) derzeit politisch belastet sind. Auch in China, so Puls, sei der Automarkt eingebrochen – unter anderem eine Folge des Dauerzwists zwischen Peking und Washington. „Die deutschen Zulieferer kämpfen also vor allem mit konjunkturellen Sorgen“, sagte der IW-Forscher dem RND. Mit dem Umstieg auf Elektromobilität haben die aktuellen Probleme nach seiner Einschätzung wenig zu tun. „Weltweit ist der Markt für E-Fahrzeuge noch winzig klein“, sagt Puls.

Allerdings laufen die Vorbereitungen dafür auf Hochtouren. Die Zulieferer müssen in neue Produkte für Elektroautos investieren. Der Volkswagen-Konzern etwa hat gerade die Produktion seines Elektromodells ID.3 gestartet und will bald Hunderttausende Elektroautos pro Jahr verkaufen. Sollte die Branche konsequent den Weg in Richtung E-Mobilität weitergehen, wirkt sich das früher oder später auch auf die Zulieferer aus. Ein Elektroauto ist deutlich weniger komplex als ein Verbrenner, es werden weniger Teile benötigt – und damit auch weniger Beschäftigte, die sie herstellen.

Experte lobt Zulieferer für Patente

Es gibt allerdings auch Stimmen, die weit weniger pessimistisch klingen. So zitiert die „Deutsche Welle“ Felix Mogge, Senior Partner der Unternehmensberatung Roland Berger, der den deutschen Zulieferern ein gutes Zeugnis ausstellt. „Wenn wir uns die Anzahl der Patente anschauen, die von deutschen Zulieferern angemeldet werden, dann ist mir grundsätzlich um die Wettbewerbsfähigkeit der Zulieferindustrie nicht bange.“

Langfristig aber, darin sind sich alle Experten einig, verschwinden Jobs in der deutschen Autoindustrie. Das gelte für Hersteller und Zulieferer gleichermaßen. Neue Wettbewerber aus der Tech-Industrie und aus China, alternative Antriebe und der zunehmende Kostendruck setzen den deutschen Firmen zu. Die gegenwärtige konjunkturelle Krise könnte sich also als Vorbote erweisen für das, was noch kommt.

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