Clemens Tönnies: Der umstrittene Mann hinter dem Fleischkonzern

  • Die hohe Zahl an Corona-Infizierten im Großschlachtbetrieb Tönnies hat deutschlandweit für Aufsehen gesorgt.
  • Der Tönnies-Chef und Schalke-Vorsitzende Clemens Tönnies bedauert die Vorkommnisse und versprich, das Unternehmen aus der Krise zu führen.
  • Der Familienstreit zwischen Clemens und seinem Neffen Robert scheint durch die steigenden Infektionszahlen erneut angeheizt zu werden.
Talisa Moser
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Der Corona-Ausbruch bei Tönnies hat bundesweit für Aufsehen gesorgt: Mindestens 1550 Mitarbeiter haben sich in dem Schlachtbetrieb in Westfalen infiziert. Der Hauptproduktionsbetrieb in Rheda-Wiedenbrück wurde bereits heruntergefahren, gut 7000 Menschen befinden sich in Quarantäne. Im betroffenen Kreis Gütersloh gilt bis zum 30. Juni ein Lockdown.

Der Konzern reagierte bereits auf zahlreiche Kritik wegen der hohen Zahl an Werksarbeitern und der Wohn- und Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und verspricht, mit entsprechenden Maßnahmen darauf zu reagieren. Trotz Forderungen will Unternehmenschef Clemens Tönnies von einem Rücktritt nichts wissen. Aber wer ist der Mann hinter dem Riesenkonzern überhaupt?

Großschlachter und Schalke-Chef

Das Familienunternehmen Tönnies hat laut eigenen Angaben seinen Ursprung als kleiner Schlachtereibetrieb des Fleischers Klemens Tönnies in der Altstadt von Rheda. Dessen Sohn Bernd Tönnies gründete den Großhandel Tönnies für Fleisch und Wurst 1971, Bruder Clemens stieg kurze Zeit später ein, gemeinsam bauten sie die B. & C. Tönnies Fleischwerk GmbH & Co. KG. auf.

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Clemens Tönnies führt das Unternehmen bis heute – es ist Deutschlands größter Schlachtbetrieb für Schweine. Er hält, wie sein Neffe Robert, 50 Prozent an dem Unternehmen. Die Holding beschäftigt 16.500 Mitarbeiter weltweit und machte 2018 insgesamt 6,65 Milliarden Euro Umsatz.

Neben dem Fleisch geht es im Leben des Clemens Tönnies aber auch viel um Fußball: Der 64-Jährige ist seit 1994 Mitglied des Aufsichtsrates des FC Schalke 04 und seit 2001 dessen Vorsitzender. Das US-Magazin “Forbes” schätzt Tönnies’ Vermögen auf umgerechnet etwa 2 Milliarden Euro.

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Rassismusvorwürfe kosteten ihn fast seinen Schalke-Posten

Doch der Mann ist umstritten: Mit seinen Äußerungen beim Tag des Handwerks in Paderborn 2019 trat Tönnies eine große Rassismusdebatte los. Während eines Vortrags zum Thema “Unternehmertum mit Verantwortung – Wege in die Zukunft der Lebensmittelerzeugung” äußerte er sich kritisch zur Idee, bestimmte Steuern für den Kampf gegen den Klimawandel zu erhöhen. Stattdessen sollte das Bundesentwicklungsministerium Kraftwerke in Afrika finanzieren: “Der spendiert dann jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afrika. Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elektrifizieren, Kinder zu produzieren.”

Daraufhin befasste sich der Ehrenrat des FC Schalke 04 mit Tönnies’ rassistischen Äußerungen. Der stufte die Vorwürfe jedoch als “unbegründet” ein. Trotzdem ermahnte der Rat Tönnies, er habe mit seinen Äußerungen gegen das in der Vereinssatzung und im Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoßen. Tönnies legte sein Amt für drei Monate nieder, kehrte anschließend jedoch als Vorsitzender zurück.

Nach dem vielfach kritisierten Rassismuseklat gab Tönnies Ende 2019 bekannt, sich zukünftig für Afrika-Projekte der Kindernothilfe engagieren zu wollen. “Da, wo’s wehtut, will ich im Stillen helfen”, sagte Tönnies damals der “Bild”-Zeitung. “Ich rufe alle auf, Afrika zu unterstützen – diesem wunderbaren Kontinent und seinen wunderbaren Menschen zu helfen.”

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Kritik an den Arbeitsbedingungen im Unternehmen

Darüber hinaus geriet das Unternehmen unter der Führung von Clemens Tönnies mehrfach in die Kritik. Grund war der hohe Anteil von Niedriglohnbeschäftigten im Fleischwerk. So berichtete der Sender ARD in der Reportage “Deutschlands neue Slums – das Geschäft mit den Armutseinwanderern” über die Kolonne von südosteuropäischen Fleischzerlegern im Tönnies-Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück. In der Reportage wurde unter anderem über Fälle von Überstunden, fehlenden Krankenversicherungen, Niedriglohn und Kündigung im Falle von Krankheit sowie gefährliche Arbeitsbekleidung berichtet.

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Hunderte neue Coronafälle in Fleischbetrieb
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In der Fleischfabrik Tönnies im Kreis Gütersloh wurden mehr als 650 Mitarbeiter positiv auf das Coronavirus getestet.  © Talisa Moser/Reuters

Das Unternehmen kündigte als Reaktion auf die Kritik an, einen externen Beauftragten einzustellen, der die Arbeitsbedingungen und den Zustand der Sammelunterkünfte überprüfen soll.

Corona-Fälle heizen Familienstreit an

In der Familie Tönnies kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen. Clemens Tönnies’ Bruder Bernd starb bereits 1994 an den Folgen einer Nierentransplantation. Sein Sohn Robert trat daraufhin in seine Fußstapfen. 2019 kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Neffe und Onkel über die Führung des Unternehmens, die vor Gericht landete. Damals pochte Robert Tönnies auf einen Verkauf der Gruppe. Laut der Klage, die von einer privaten Schiedsstelle verhandelt werden sollte, gab es in den zurückliegenden Jahren immer wieder Streit über die Entnahme von Finanzmitteln, die umstrittenen Werkverträge und das Thema Tierwohl.

Nun scheint die hohe Zahl von Corona-Fällen im Betrieb den Familienstreit wieder anzuheizen. 50-Prozent-Mitinhaber Robert Tönnies äußerte sich vergangene Woche “schockiert über die hohe Zahl” der positiven Befunde und wirft der Firmenspitze um seinen Onkel Clemens Tönnies schwere Versäumnisse vor. In einem Brief fordert er die Geschäftsleitung des Konzerns und mehrere Beiratsmitglieder zum Rücktritt auf. Clemens Tönnies hatte diese Forderung bei einer Pressekonferenz am Samstag zurückgewiesen. „Ich werde dieses Unternehmen aus dieser Krise führen“, sagte der 64-Jährige. „Und dann sehen wir weiter. Ich mach‘ mich nicht aus dem Staub.“

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