Chronologie: Der tiefe Fall der Lufthansa

  • Das Traditionsunternehmen Lufthansa hat goldene Zeiten erlebt.
  • Die Airline navigierte lange zielsicher trotz Ölkrise, Billigkonkurrenz und Arbeitskampf.
  • Doch die Corona-Krise hat dem Konzern den Rest gegeben. Eine Chronologie.
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Die Lufthansa hat in ihrer Geschichte viele Höhen und Tiefen erlebt – doch die Corona-Krise markiert den Tiefpunkt. Zwischenzeitlich waren fast alle der konzernweit 750 Maschinen am Boden, der Passagierverkehr in der Luft kam wegen der Pandemie praktisch zum Erliegen. Für die deutsche Airline eine Katastrophe: Die Milliardenverluste konnte das Unternehmen nicht mehr aus eigener Kraft stemmen und holte sich Hilfe beim Saat. Das sogenannte Stabilisierungspaket soll die Lufthansa mit neun Milliarden Euro stützen. Dennoch stehen aktuell 22.000 Vollzeitstellen auf der Kippe. Eine Chronologie:

Bereits 1926 wurde die erste Deutsche Luft Hansa AG (Schreibweise ab 1933: Deutsche Lufthansa AG) gegründet. Mit Beginn der Nazi-Herrschaft wurde die Lufthansa zur Fluglinie des Regimes. 1945 stellte sie den Betrieb ein und wurde von den Alliierten 1951 endgültig liquidiert. Die heutige Deutsche Lufthansa AG ist nicht die Rechtsnachfolgerin der Nazi-Lufthansa.

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Lufthansa: Fast jeder fünfte Job in Gefahr
1:35 min
Die hart von der Corona-Krise getroffene Lufthansa muss tiefe Einschnitte bei den Personalkosten vornehmen.  © Reuters

1953: Die “Aktiengesellschaft für Luftverkehrsbedarf” (Luftag) wird in Köln gegründet, 1955 wird der Flugbetrieb aufgenommen.

1958: Der Start ist rasant, schon drei Jahre nach dem ersten Flug begrüßt die Lufthansa ihren millionsten Fluggast.

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Die 70er-Jahre: Die Stimme der Belegschaft wird lauter

1969: Die Lufthansa wird immer größer und mächtiger, zeitgleich wächst die Belegschaft. Die Piloten gründen 1969 einen Berufsverband, um ihre Interessen besser zu vertreten: die Vereinigung Cockpit (VC).

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1970: Der erste Arbeitskampf startet, ausgelöst allerdings nicht von den Piloten, sondern vom Bodenpersonal, damals vertreten durch die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). 5000 von 15.000 Beschäftigten des Lufthansa-Bodenpersonals melden sich geschlossen krank und legen damit den Flugverkehr weitgehend lahm. 40.000 Flüge fallen aus, beinahe 80.000 Maschinen starten mit Verspätung. Die ÖTV erreicht ein Lohnplus von 15,9 Prozent für ihre Mitglieder.

1973: Die erste Ölkrise lässt die Preise für Kerosin explodieren und bringt die Lufthansa in Bedrängnis. Gleichzeitig treibt die Krise die Entwicklungen spritsparender und leiser Triebwerke voran.

1977: Das Frachtgeschäft wird immer wichtiger: Lufthansa gründet ihre Tochtergesellschaft “German Cargo Services GmbH” für Frachtcharterflüge.

1977: Drama von Mogadischu

13. bis 17. Oktober 1977: Terroristen entführen die Lufthansa-Maschine “Landshut” auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um inhaftierte RAF-Terroristen freizupressen. Nach einem Irrflug über Rom, Larnaka und Bahrein landet die Maschine zunächst in Dubai, dann in Aden. Dort ermorden die Terroristen den Flugkapitän Jürgen Schumann. Auf dem Flughafen von Mogadischu kann eine Kommandoeinheit der Truppe GSG 9 die 86 Geiseln befreien.

1984: Der irische Billigflieger Ryanair wird gegründet.

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1986: Die ersten Frauen beginnen bei der Lufthansa ihre Pilotenausbildung: Evi Lausmann und Nicola Lunemann.

1986: Boeing übergibt das 200. von Lufthansa gekaufte Flugzeug.

Die 90er-Jahre: Rezession in Folge des Börsencrashs

1991: Die Lufthansa schreibt herbe Verluste, es droht die Insolvenz. Weltweit leidet die Wirtschaft unter den Folgen des New Yorker Börsencrashs von 1987. Der Ölpreis steigt drastisch, auch als Folge des Golfkriegs im Irak 1991. Die Fluggesellschaften leiden außerdem unter den extrem gesunkenen Passagierzahlen.

1992: Ein hartes Sanierungsprogramm beginnt. Mit der Streichung von 8000 Vollzeitstellen, davon vielen in der Verwaltung, will der Konzern knapp 300 Millionen Mark einsparen. Die Gewerkschaften verhindern betriebsbedingte Kündigungen.

1993: Lufthansa startet sein Bonusprogramm Miles & More. Heute ist es ist mit mehr als 30 Millionen Teilnehmern das größte Vielflieger- und Prämienprogramm in Europa.

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1997: Die Lufthansa wird privatisiert, der Staat zieht sich als Anteilseigner zurück. 143 Millionen Aktien werden nun an der Frankfurter Börse gehandelt.

Die 00er-Jahre: Im Zeichen des Streiks

2001: Die Vereinigung Cockpit fordert für die Piloten Gehaltserhöhungen von durchschnittlich mehr als 30 Prozent. Die Lufthansa bietet 3,3 Prozent. Eine Einigung ist lange nicht in Sicht. Die Piloten streiken in den folgenden Wochen zweimal, insgesamt fallen rund 1500 Flüge aus, mehr als 100.000 Passagiere sind betroffen, der Verlust für die Airline wird auf knapp 100 Millionen Mark geschätzt. Im Juni 2001 schließen VC und Lufthansa mithilfe einer Schlichtungskommission einen Kompromiss: 8 Prozent lineare Steigerung pro Jahr über die Laufzeit von drei Jahren und drei Monaten (insgesamt 26,1 Prozent).

11. September 2001: Der Terroranschlag auf das World Trade Center erschüttert die Welt. Die Terroristen töten insgesamt fast 3000 Menschen.

2004: Lufthansa beförderte erstmals mehr als 50 Millionen Passagiere.

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Lufthansa-Beschäftigte demonstrieren für ihre Arbeitsplätze
1:53 min
Am Donnerstag steht das milliardenschwere staatliche Rettungspaket für die Lufthansa zur Abstimmung.  © Reuters

Lufthansa übernimmt Brussels und Eurowings

2008: Die Lufthansa beteiligt sich mit 45 Prozent an Brussels Airlines.

2008: Lufthansa übernimmt ein Aktienpaket mit 50,9 Prozent an Eurowings.

2009: Die Eurowings Luftverkehrs AG verkauft ihre Anteile an der Low-Cost-Airline Germanwings an die Deutsche Lufthansa AG.

2010: Eyjafjallajökull legt den europäischen Flugverkehr lahm

März 2010: Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull stößt große Mengen Magma aus, eine gigantische Aschewolke steigt mehrere Kilometer in die Luft. Die Wolke breitet sich über ganz Europa aus und legt beinahe den gesamten europäischen Luftverkehr lahm. Die europäischen Airlines erleiden in wenigen Wochen Verluste in Millionenhöhe.

2012: Der Arbeitskampf zwischen der Lufthansa und dem Kabinenpersonal weitet sich aus. Es folgen große Streiks, erst im Sommer 2014 schließen die Gewerkschaft Ufo und die Lufthansa die weitreichende Tarifvereinbarung “Agenda Kabine”.

2013: Die Lufthansa reagiert auf den Preiskampf im Markt mit der Billiglinie Germanwings: Die größte deutsche Low-Cost-Airline stellt sich mit einem Premierenflug vor.

2015: Katastrophe in den französischen Alpen

24. März 2015: Es ereignet sich das schwerste Unglück in der Geschichte der Lufthansa. Ein Airbus der Germanwings stürzt auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf 140 Kilometer nordöstlich von Marseille in den französischen Alpen ab. Alle 144 Fluggäste und sechs Besatzungsmitglieder sterben. Der Abschlussbericht der französischen Untersuchungsbehörde für Flugunfälle BEA stellte fest, dass der Kopilot Andreas Lubitz Selbstmord hatte begehen wollen und die Maschine deshalb bewusst in den Sinkflug geführt hatte.

2015: Im Herbst streikt die Lufthansa-Kabine erneut, es wird der bis dahin längste Ausstand in der Geschichte der Lufthansa. Das Ergebnis sind insgesamt 29 Tarifverträge zu Themen wie Vergütung, betriebliche Mitbestimmung, Wechselmöglichkeiten, Teilzeit und Versorgung.

2017: Das Konkurrenzunternehmen Air Berlin kann dem Preisdruck am Markt nicht mehr standhalten und beantragt Insolvenz. In der Folge geht auch das Tochterunternehmen Niki Pleite.

2020: Die Corona-Krise trifft die Lufthansa hart

30. März 2020: Infolge der Corona-Pandemie müssen immer mehr Flugzeuge am Boden bleiben, die Lufthansa vereinbart daraufhin Kurzarbeit. 31.000 Beschäftigte der Kernfluggesellschaft Lufthansa sind betroffen.

30. April 2020: Die Piloten der Lufthansa bieten einen freiwilligen Gehaltsverzicht bis zum Sommer 2022 an. Das Angebot beinhaltet laut VC für die mehr als 5000 aktiven Piloten im Konzerntarifvertrag ein um bis zu 45 Prozent abgesenktes Gehalt und hat ein Gesamtvolumen von 350 Millionen Euro.

25. Mai 2020: Die Bundesregierung bietet dem schwer angeschlagenen Lufthansa-Konzern finanzielle Unterstützung an. Das Rettungspaket hat einen Gesamtumfang von neun Milliarden Euro.

4. Juni 2020: Nach einem extremen Wertverlust der Aktie fliegt die Lufthansa aus dem Dax – es folgt der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen.

11. Juni 2020: Nach einem Tarifgipfel mit den Gewerkschaften Ufo, ver.di und der Vereinigung Cockpit erklärte die Lufthansa, dass nach der Krise 22.000 Vollzeitstellen weniger gebraucht werden.

15. Juni 2020: Die Bundesregierung hat das geplante Rettungspaket für die Lufthansa offiziell bei der EU-Kommission angemeldet.

15. Juni 2020: Die von der Corona-Krise hart getroffene Lufthansa hat allein in Deutschland etwa 11.000 Stellen zu viel an Bord. Gut eine Woche vor der entscheidenden Abstimmung der Aktionäre über das staatliche Rettungspaket nannte die Airline genauere Zahlen. Danach gibt es im Flugbetrieb einen rechnerischen Überhang von knapp 5000 Stellen, 2600 entfallen auf Flugbegleiter, 1500 auf Bodenmitarbeiter und 600 auf Piloten.

16. Juni 2020: Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele hat seinen Anteil vor der entscheidenden außerordentlichen Hauptversammlung zum Staatseinstieg kräftig aufgestockt. “Am Montagabend habe ich die meldepflichtige Schwelle von 15 Prozent überschritten”, sagte der Unternehmer der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (Mittwoch). Die Aufstockung sei aber “kein Signal, auf der Hauptversammlung gegen irgendetwas zu stimmen”, betonte Thiele. Er kritisierte aber, dass Lufthansa-Chef Carsten Spohr nicht die mit dem Bund behandelten Alternativen benannt habe.

22. Juni 2020: Die Aktien der größten Fluggesellschaft Deutschlands werden von nun an im MDax der mittelgroßen Werte gehandelt. Den Platz im Deutschen Aktienindex übernimmt die Deutsche Wohnen.

23. Juni 2020: Die Lufthansa-Beteiligung SunExpress schließt in der Corona-Flaute ihren deutschen Flugbetrieb mit rund 1200 Mitarbeitern. Die verbleibenden Flüge sollen von der türkischen Schwestergesellschaft, Eurowings und anderen Airlines abgewickelt werden, wie das Unternehmen mitteilte. Kunden würden automatisch umgebucht.

24. Juni 2020: Die Lufthansa soll einen Alternativplan in der Schublade haben für den Fall, dass das staatliche Rettungspaket bei der Hauptversammlung an diesem Donnerstag durchfällt. Auf diese Weise könnte die Bundesregierung auch ohne Zustimmung der übrigen Anteilseigner zu der vorgesehenen Aktienbeteiligung von 20 Prozent kommen, erfuhr die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX am Mittwoch aus Unternehmenskreisen. Der Lufthansa würde dadurch ähnlich viel Geld zufließen wie im bisherigen Plan vorgesehen. Ein Lufthansa-Sprecher lehnte eine Stellungnahme dazu ab.

RND

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