China: die Abwanderung der Expats

  • Internationalen Unternehmen in China gehen die ausländischen Fachkräfte aus.
  • Die Isolation der Volksrepublik wird ihr Geschäft nachhaltig verändern.
  • Doch sie hält an strengen Einreisebeschränkungen fest.
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Peking. Wie stark die Corona-Pandemie China vom Westen isoliert hat, lässt sich in den großen Ostküstenmetropolen mit bloßem Auge erkennen. Wer sich in den typischen Expat-Kneipen im Pekinger Sanlitun-Viertel umhört oder mit Cafébesitzern in der ehemals französischen Konzession Shanghais spricht, bekommt die immergleiche Antwort: Die typische Stammkundschaft – Englischlehrer, Autoingenieure und Kaufleute – ist seit Frühjahr 2020 um etwa die Hälfte eingebrochen.

Nun hat die jüngste Umfrage der europäischen Handelskammer in China empirische Zahlen vorgelegt, die auf eine regelrechte Abwanderung ausländischer Fachkräfte hindeuten. Noch immer klagen drei Viertel aller befragten Unternehmen über Angestellte, die in ihrer Heimat gestrandet sind und denen die Rückreise nach China verwehrt wird.

„Viele von ihnen haben mittlerweile einfach aufgegeben. Es gibt die berechtigte Sorge, dass sich der Pool an talentierten Mitarbeitern niemals vollständig erholen wird“, heißt es in dem Bericht. Und die Lage wird sich künftig weiter verschärfen, weil es derzeit für heimische Unternehmen mit Sitz in China „extrem schwierig“ ist, Nachfolgevisa für auslaufende Expat-Verträge zu erhalten.

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China bleibt für Unternehmen attraktiv

Gleichzeitig, und das ist die zweite Kernaussage des Reports, wollen die Unternehmen trotz der politisch zunehmend aufgeheizten Lage weiter ins China-Geschäft investieren. Überraschen sollte das nicht, denn für gewinnorientierte Firmen führt in Zukunft erst recht kein Weg am Reich der Mitte vorbei: In der nächsten Dekade wird nahezu ein Drittel des globalen Wirtschaftswachstums in der Volksrepublik generiert.

Dennoch stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die abwandernden Expats auf das China-Geschäft europäischer Unternehmen haben werden. „Eine größere Abhängigkeit von Lokalkräften dürfte ihnen kurzfristig Kopfschmerzen bereiten, doch langfristig Vorteile bringen“, sagt Gabriel Wildau vom New Yorker Beratungsunternehmen Teneo.

Durch das Streichen teurer Expat-Positionen, deren dekadente Verträge mit eigenem Fahrer und gesponserten Luxuswohnungen nicht selten an kolonialistische Nachwehen erinnern, können natürlich Kosten gespart werden.

Zudem kennen chinesische Staatsbürger die lokalen Eigenheiten des Marktes in aller Regel ohnehin besser und wissen laut Wildau auch um die „politisch roten Linien“ seitens der Regierung Bescheid, die man nicht überschreiten sollte.

„Die chinesische Regierung ist mit dem Lokalisierungstrend wahrscheinlich zufrieden, da er chinesischen Bürgern hochwertige Arbeitsplätze bietet und ihnen den Transfer von Management-Know-how und technischem Wissen erleichtert“, sagt der Analyst, der die Wirtschaft Chinas zuletzt als Büroleiter der „Financial Times“ in Shanghai beobachtet hat. „Aber der Trend ist eher das Ergebnis von Marktkräften als von der chinesischen Regierungspolitik.“

Strenge Einreisebeschränkungen

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Doch zumindest indirekt scheinen die Parteikader die zunehmende Isolierung Chinas willkommen zu heißen. Denn obwohl die Behörden die Pandemie bereits seit vergangenem Sommer unter Kontrolle gebracht haben, lässt Peking keinerlei Anzeichen durchblicken, dass die Grenzen für ausländische Staatsbürger in absehbarer Zukunft gelockert werden, geschweige denn die Visavergabe wieder normalisiert wird.

Grundsätzlich muss jeder Einreisende, ganz unabhängig vom Impfstatus, eine zweiwöchige Quarantäne in einem staatlich designierten Hotelzimmer absolvieren. Doch im Gegensatz zu chinesischen Staatsbürgern erhalten viele Ausländer mit langjährigem Wohnsitz oftmals über Monate hinweg keine Einreisegenehmigung.

Zudem werden geschätzt 200.000 internationale Studenten, vornehmlich aus Entwicklungsländern, seit anderthalb Jahren nicht mehr ins Land gelassen. Für die einzelnen Individuen markiert dies eine nachhaltige Zäsur im Bildungsweg, für die chinesische Gesellschaft insgesamt einen großen Verlust an menschlichem Austausch.

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Deutschland und China haben am Mittwoch zum sechsten Mal Regierungskonsultationen abgehalten.  © Reuters

Viele Expats hoffen, dass sich die Lage nach den Olympischen Winterspielen in Peking im Februar 2022 entspannen könnte. Doch derzeit werden die Stimmen innerhalb der chinesischen Regierung laut, dass die jetzige Isolierung auf Jahre andauern könnte.

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„Wenn wir öffnen, kann es immer noch zu einem schwerwiegenden Ausbruch führen, selbst wenn 60 Prozent oder 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sind“, sagte Feng Zijian, Vizeleiter des chinesischen Zentrums für Seuchenprävention, am Donnerstag. „Das hängt weitgehend von technischen Überlegungen, gesellschaftlichem Konsens und politischen Bedenken ab.“

Zudem verabschiedet die Regierung bald ein sogenanntes Gesetz zu ausländischen Sanktionen, dessen Folgen insbesondere für europäische Unternehmen massiv sein werden. Der bisherige Entwurf sieht vor, mit stärkeren Werkzeugen gegen internationale Konzerne in China vorzugehen, die sich etwa aufgrund von Menschenrechtsbedenken aus der Provinz Xinjiang zurückziehen.

Die Firmen müssen sich künftig also ganz explizit entscheiden, ob sie europäischen Standards folgen oder dem chinesischen Gesetz. Einen Mittelweg scheint es im Jahr 2021 nicht mehr zu geben.

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