Burger aus der Petrischale: Wie Start-ups Fleisch im Labor wachsen lassen

  • Fleisch essen, ohne Tiere zu töten – geht das?
  • Das Unternehmen Mosa Meat produziert Hackfleisch im Labor und will damit 2022 auf den Markt.
  • Das soll den Konsum von Fleisch umwelt- und tierfreundlicher machen.
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Alle Anwesenden “können es kaum erwarten, zu sehen, was unter dieser Glosche ist”, sagt die Moderatorin. Es ist der 5. August 2013 und die Kameras in dem Londoner Studio sind auf eine silberne Kuppel gerichtet, wie sie sonst schicke Restaurants benutzen, um ihre Speisen mit dem nötigen Wow-Effekt zu präsentieren. “Erweisen Sie uns die Ehre: Heben Sie den Deckel von Ihrer Kreation”, sagt die Moderatorin zu dem Mann neben ihr. Mark Post, Wissenschaftler an der Universität Maastricht, beugt sich vor und enthüllt: ein Petrischälchen mit Hackfleisch.

Das daraus zubereitete Burgerpatty sieht unscheinbar aus. Es schmeckte auch eher neutral, wird ein Kritiker später sagen. Aber: Es ist der erste In-vitro-Hamburger, der jemals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Ein Burgerpatty aus echtem Fleisch, aber nicht zubereitet aus dem Fleisch eines Lebewesens. Und dafür sei die Textur, das Gefühl im Mund, sagt der Kritiker, doch sehr beeindruckend.

Menschen essen immer mehr Fleisch

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Post, eigentlich Professor für Gefäßphysiologie, hatte drei Gründe, die ihn veranlassten, an einer Alternative für herkömmlich produziertes Fleisch zu forschen: Erstens: Der weltweite Bedarf an Fleisch steigt. Zweitens: Massentierhaltung ist schlecht für die Umwelt und das Klima. Und drittens: Immer mehr Menschen finden es unethisch, dass Tiere für den menschlichen Konsum sterben müssen.

An dieser Zustandsbeschreibung hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Ein Bericht des Weltklimarats IPCC aus dem vergangenen Jahr zeigt: Die bereitgestellte Menge an Pflanzenölen und Fleisch für die Menschen hat sich seit 1961 pro Kopf mehr als verdoppelt. Auf diese Weise wird jede Menge CO₂ produziert – durch die Viehhaltung selbst, aber etwa auch beim Anbau von Futtermitteln. Auch die Corona-Krise, in der sich Schlachthöfe zum Hotspot für Infektionen entwickelten, machte noch einmal deutlich: Nicht nur Tiere leiden unter der industriellen Massenproduktion, sondern auch Menschen.

Fleischersatzprodukte sind noch ein Nischenprodukt

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Tatsächlich ist die Zahl der Fleischersatzprodukte heute schon vergleichsweise groß. Und auch wenn der Anteil der Produkte am weltweiten Fleischmarkt noch minimal ist, erwarten Analysten, dass sich das in den kommenden Jahren durchaus ändert. Die Burger aus Soja, der Speck aus Pilzen oder die Würstchen aus Erbsenprotein haben dabei alle das gleiche Ziel: Mit pflanzlichen Zutaten tierischen Geschmack nachstellen. Einige Marken haben es mittlerweile sogar in die Supermärkte und Fastfood-Restaurants geschafft.

Richtig überzeugend sei das Ergebnis jedoch nicht, urteilt das Umweltbundesamt. Die “vollständige Imitation” des “sensorischen Spektrums von Fleisch” sei bisher “nicht zufriedenstellend gelungen”, so die Behörde. Die Prognose: Zumindest in dieser Form bleiben Fleischersatzprodukte erst mal ein Nischenprodukt.

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Muskelfasern wachsen im Labor

“Wir würden es wundervoll finden, wenn die ganze Menschheit zu Vegetariern oder Veganern werden würde”, sagt Hannah Tait, Pressesprecherin von Mosa Meat, dem globalen Start-up, zu dem Posts Forschungsprojekt geworden ist. “Doch angesichts dessen, wie populär Fleisch ist, halten wir das eher für unwahrscheinlich.” Deshalb verfolgt Mosa Meat einen anderen Ansatz. “Wir wollen das gleiche Produkt machen, aber auf eine Art und Weise, die tierfreundlicher, besser für die Umwelt und die Gesundheit ist”, sagt Tait. Das Konzept dahinter trägt viele Namen: In-vitro-Fleisch, kultiviertes Fleisch, Clean Meat oder auch Laborfleisch. Appetitlich klingt das alles nicht, aber das Konzept ist verlockend: Echtes Fleisch, echter Geschmack – ohne Tiere zu schlachten.

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Um Laborfleisch herzustellen, braucht man einige Muskelstammzellen von einem lebenden Spendertier (also etwa einer Kuh), entnommen bei einer Biopsie unter Betäubung. Das Besondere an diesen Stammzellen ist, dass sie neue Zellen bilden können, wenn zum Beispiel der Muskel verletzt ist. Mosa Meat und andere In-vitro-Fleischproduzenten nutzen diese Eigenschaften für die Produktion von Fleisch außerhalb des Körpers. Mithilfe eines Bioreaktors und in einem Nährmedium vermehren sich die Zellen zunächst und differenzieren sich dann. Auf einem Trägergerüst wachsen anschließend Muskelfasern, die geerntet werden können. Um einen natürlichen Fleischgeschmack zu erzeugen, “sollten dem Muskelgewebe zudem Fettzellen hinzugefügt werden”, beschreibt das Umweltbundesamt den Prozess. Mosa Meat sei es inzwischen auch gelungen, das Nährmedium, das vorher tierischen Ursprungs war, durch eine nicht-tierische Substanz zu ersetzen, sagt Tait.

Produkt für High-End-Restaurants

Die Zahl der Herausforderungen bleibt jedoch trotzdem noch groß. Allen voran ist da der Preis: Es kostete stolze 250.000 Euro, den ersten Laborfleischburger quasi von Hand zu produzieren. Finanziert wurde das Unterfangen von Google-Gründer Sergey Brin. Aber auch wenn Mosa Meat die Kosten seitdem erheblich senken konnte, billig wird das Laborfleisch wohl nicht. “Es wird sich erst einmal um ein Premiumprodukt handeln, das wir in High-End-Restaurants ausrollen wollen”, sagt Tait. Doch später soll sich das kultivierte Fleisch durchaus auch im Supermarkt gegen die herkömmlich produzierten Fleischprodukte durchsetzen können. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass es dem Unternehmen gelingt, seine Produktion zu skalieren. In einer neu in Betrieb genommenen Pilotanlage in den Niederlanden soll die Produktion daher weiter automatisiert werden.

Wann kommen die ersten Produkte auf den Markt?

Mosa Meat plane derzeit, seine ersten Produkte 2022 auf den Markt zu bringen, sagt Tait. Der nächste große Schritt dafür sei es, die nötigen Zulassungen zu bekommen. Das “dauert anderthalb bis zwei Jahre”. In der Zwischenzeit hat Mosa Meat schon reichlich internationale Konkurrenz erhalten. Während sich Mosa Meat derzeit auf Rinderhack konzentriert – “weil das 50 Prozent des weltweiten Fleischkonsums ausmacht” –, stellte etwa das Unternehmen Memphis Meat aus Kalifornien 2016 das erste Fleischklößchen, 2017 dann Huhn- und Entenfleisch vor. Aber auch in Israel, China, Asien oder Singapur arbeiten Unternehmen an ihren Produkten. Der Markt mit dem In-vitro-Fleisch könnte 2025 bereits 214 Millionen US-Dollar Wert sein, schätzt eine Analyse von Markets and Markets.

Auch das Umweltbundesamt sieht das In-vitro-Fleisch als Substitution für Fleisch gegenüber Fleischersatzprodukten klar im Vorteil – quasi von Natur aus. Wann und zu welchem Preis die Produkte auf den Markt kommen, sei jedoch bisher kaum realistisch absehbar, heißt es in dem Report. Genauso wie die Umwelt- und Gesundheitswirkungen von In-vitro-Fleisch bisher schwer abzuschätzen seien. Dann bleibt nur noch die Frage, ob Menschen bereit sind, das Laborfleisch zu testen und zu probieren. Denn obwohl die Bereitschaft dazu in vielen Umfragen regelmäßig abgefragt wird, wirklich In-vitro-Fleisch probiert haben nur die wenigsten. “Es schmeckt wirklich wie Fleisch”, versichert zumindest Tait.

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