SPD im Plus, AfD konstant: Wer ist Deutschlands Arbeiterpartei?

  • Seit der Bundestagswahl gibt es eine neue stärkste Kraft unter Werktätigen: Die SPD kam bei ihnen auf 26 Prozent Zustimmung.
  • Doch die AfD bleibt stark: Während sich andere abwandten, haben ihr Arbeiterinnen und Arbeiter die Treue gehalten.
  • „Man sieht, dass die Bäume für die AfD in den Betrieben nicht in den Himmel wachsen“, sagt der Arbeitsoziologe Klaus Dörre trotzdem.
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Hannover. Die eine Arbeiterpartei gibt es in Deutschland nicht mehr, wie sich bei der Bundestagswahl gezeigt hat: 26 Prozent Zustimmung unter Arbeiterinnen und Arbeitern konnte die SPD laut Infratest Dimap für sich verbuchen. Doch ausgerechnet die AfD kam auf 21 Prozent. Sie wurde zweitstärkste Partei unter dem Fünftel der Wählerinnen und Wähler, die in Deutschlands Betrieben und Fabriken schuften. Dabei hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) vor der Wahl noch erklärt, dass die immer weiter nach rechts rückende Partei „keine Alternative für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“ sei.

Der Forschungsgruppe Wahlen zufolge verlor die AfD unter Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern nun 3,7 Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Bundestagswahl. Doch insgesamt machten 12,2 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder ihr Kreuz bei der AfD – überdurchschnittlich viele angesichts eines AfD-Gesamtergebnisses von 10,3 Prozent.

Während man das beim DGB nicht kommentieren möchte, fallen andere Umfrageergebnisse noch eindrücklicher aus: Infratest verzeichnete bei Angestellten, Selbstständigen, Rentnerinnen und Rentnern sowie Arbeitslosen Einbußen für die AfD. Lediglich Arbeiterinnen und Arbeiter wählten sie genau so häufig wie 2017.

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Erfolg für die SPD

„Man sieht, dass die Bäume für die AfD in den Betrieben nicht in den Himmel wachsen“, sagt Klaus Dörre trotzdem. Der Jenaer Arbeitssoziologe erforscht seit 30 Jahren die Arbeiterschaft in Deutschland, hat auch Untersuchungen zu den Erfolgen der AfD verfasst. Dörre betont, dass Arbeiterinnen und Arbeiter keineswegs homogen wählen. Davon zeugen auch 20 Prozent von ihnen, die laut Infratest die Union gewählt haben. Aber zuversichtlich macht Dörre vor allem, dass „erstmals seit Jahrzehnten“ der Arbeiteranteil unter Wählerinnen und Wählern der SPD gestiegen ist – laut Infratest Dimap von 20 auf 26 Prozent.

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„Die Sozialdemokratie hat in Teilen dazu gelernt“, sagt Dörre deshalb. Die Forderung nach einem höheren Mindestlohn sowie das Rententhema hätten das soziale Profil deutlich geschärft. „Aber in erster Linie muss man sehen, dass sich die SPD still und leise von Hartz 4 verabschiedet hat. Und dass die sozialdemokratischen Minister Arbeit geleistet haben, die bis tief in den Gewerkschaftsapparat hinein als solide empfunden wurde.“

Es gibt genug „Problemrohstoff“ für die AfD

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„Auch der Erfolg der SPD steht auf brüchigem Fundament“, warnt Dörre aber. „Respekt“ sei zwar eine wichtige Formel, bestehende Ungleichheiten würden der AfD aber weiter genug „Problemrohstoff“ liefern. „Ich habe gerade wieder mit einem Betriebsrat gesprochen. Der meinte, schlussendlich blieben vielen Familien 1000 Euro zum Leben – und dann koste schon eine Karte fürs Fußballstadion 100 Euro.“ Dass die AfD dafür echte Lösungen bietet, glaubt Dörre nicht. „Fundamental widersprüchlich“ seien die sozialpolitischen Ideen der Rechtsaußenpartei.

Auch gebe es bei Arbeiterinnen und Arbeitern zum Beispiel oft konventionelle Lebensentwürfe, einschließlich einer bei der Mittelschicht verpönten geschlechterspezifischen Arbeitsteilung. „In Interviews sagten Arbeiter: Was wollt ihr eigentlich, natürlich kann auch meine Frau Hauptverdienerin sein, aber jetzt machen wir es anders, weil mein Lohn eben höher ist“, schildert der Soziologe. Die Abwertung des in den Augen der Arbeiterinnen und Arbeiter Normalen sei ein zentrales kulturelles Problem. „Das hat die AfD direkt zur Parole gemacht.“

Grüne punkten auch bei Arbeiterinnen und Arbeitern

Indes betont Dörre auch, dass längst nicht alle Arbeiterinnen und Arbeiter solche Aspekte für zentral halten. Die Grünen legten bei ihnen laut Infratest um drei Prozentpunkte auf 8 Prozent Zustimmung zu. „Ganz einfach, weil auch im Arbeiter- und Gewerkschaftsbereich das Transformationsthema angekommen ist“, so Dörre.

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Ganz anders sieht er die Lage der Linkspartei: „Die hat einen reinen Sozialwahlkampf geführt – und da sind die Unterschiede zur SPD verschwommen“, urteilt Dörre über die linke Partei, die Infratest zufolge unter Werkstätigen auf gerade einmal 5 Prozent Zustimmung kam.

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