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  • Buchbranche in der Corona-Krise: Wie kann man Buchhändlern und der Literatur jetzt helfen?

“Die Bücher fallen ins Nichts” – Wie das Coronavirus die Literaturwelt erschüttert

  • Die Corona-Pandemie trifft die Buchbranche mitten ins Herz.
  • Buchkolumnistin Karla Paul erklärt im Interview, wie sie jetzt die Buchhändler unterstützen will.
  • Die Buchbotschafterin gibt außerdem Lesetipps für die Zeit zu Hause.
Silia Wiebe
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Hannover. Sie ist Buchbotschafterin, Kolumnistin und Buchbloggerin: Karla Paul liegt Literatur am Herzen. Deshalb hat sie jetzt eine Idee entwickelt, wie Buchhändlern in der Corona-Krise zu helfen ist.

Frau Paul, was bedeutet das derzeitige Szenario für eine Autorin, deren neues Buch in diesen Tagen und Wochen auf den Markt kommt?

Die Künstler trifft die Krise stark. Wer jetzt etwas veröffentlicht und darauf Monate bis Jahre hingearbeitet hat, hat schlichtweg Pech. Was erst einmal nach Luxusproblem klingt, hat in vielen Fällen lebensverändernde Folgen. Alle Lesereisen wurden abgesagt, es gibt keine Auslage im Buchhandel, die Leser haben wegen ihrer individuellen Probleme gerade kein großes Interesse an Literatur oder müssen selbst sparen und können sich keine Neuerscheinungen leisten. Weil in drei bis sechs Monaten schon wieder neue Bücher erscheinen und sich um die Aufmerksamkeit am Buchmarkt drängeln, lässt sich nichts verschieben. Die Bücher fallen ins Nichts. Das ist eine finanzielle und zugleich eine kreative Katastrophe, da Autoren mit schlechten Verkäufen meist auch keine Folgeverträge erhalten. Das betrifft einige Kollegen aus meinem Umfeld, ich weiß da wenig Tröstendes zu sagen.

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Sie sind Buchbotschafterin. Viele Tausend Menschen in Deutschland halten sich an Ihre Lesetipps, kaufen die Bücher, die Sie empfehlen, hören Ihren Literaturpodcast. Wo hat Sie die Nachricht von der Absage der Leipziger Buchmesse Anfang März erreicht und was war Ihr erster Gedanke?

Ich war bereits in der Vorbereitung auf meine dort stattfindenden Veranstaltungen und im Gespräch mit Verlagen und Autoren darüber, wie man die Lage bestmöglich handhabt. Die Absage und die Folgen trafen mich und meine Kollegen finanziell unheimlich hart. Auf einen Schlag waren bei mir geplante Einnahmen im fünfstelligen Bereich weg, und auch im Privaten war von da an klar: Das ist keine Generalprobe.

Buchbloggerin Karla Paul. © Quelle: Simone Hawlisch
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Meinen Sie mit Generalprobe im Privaten das dringend empfohlene Zuhausebleiben und Abstandhalten und die kuriose Situation, dass die Supermarktregale leer sind?

Unsere täglichen Handlungen entscheiden auf einmal tatsächlich über Leben und Tod. Das ist eine ungewollte Verantwortung, der wir nicht entkommen. Ich muss mich jetzt entscheiden: Gefährde ich meine älteren Eltern durch Besuch und Umarmung oder eher, indem ich mich nicht kümmere? Welcher soziale Austausch ist notwendig? Wie gut ist die nächste Klinik ausgerüstet? Wie lange reicht das Geld für Nahrung und Miete und wie stabil ist eigentlich meine eigene Gesundheit?

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Sie zerbrechen sich den Kopf, wie wir alle deutschlandweit die Buchhändler unterstützen können. Können Sie deren aktuelle Situation beschreiben?

Inzwischen mussten die meisten Buchhandlungen bundesweit ihre Geschäfte schließen, was besonders die unabhängigen Händler massiv trifft. Sie müssen weiter Miete und Lohn bezahlen, dürfen aber ihre Räume nicht dem Publikum zugänglich machen. Was aber nur wenige Menschen wissen: Verkaufen dürfen sie trotzdem. Wer also aktuell ein literarisches Bedürfnis hat, vielleicht spannende Hörbücher für ältere Menschen braucht, Lernmaterialien für Kinder oder für sich selbst ein bisschen Unterhaltung zur Ablenkung: Nutzen Sie die Webshops der Buchhandlungen oder kontaktieren Sie sie per Telefon, E-Mail oder über die sozialen Kanäle. Meine Lieblingsbuchhändlerin bietet Beratung und Verkauf via Whatsapp an, geliefert wird dann per Fahrrad oder Post. Das ist schnell, nachhaltig und sozial.

Was kann jeder einzelne Buchliebhaber jetzt tun?

Nehmen Sie mit den Buchhändlern genauso wie mit Ihren Nachbarn und Vertrauten Kontakt auf und fragen Sie ganz konkret: Wie kann ich jetzt helfen? Nur so sind wir nicht mehr Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. “Gemeinsam” ist das Zauberwort der Krise. Es trifft ja nicht nur Buchhandlungen, sondern auch Verlage und Autoren und viele weitere Dienstleister rund um die Literatur. Wir können alle das Netz und unsere Reichweite nutzen. Wir benötigen aber auch dringend die Unterstützung der Regierung. Damit meine ich weniger nette Worte als finanzielle Taten.

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Sie setzen sich besonders für Autorinnen ein, denn noch immer werden die meisten Bücher, die im Feuilleton rezensiert werden, von Männern geschrieben. Trifft Corona die Frauen aus der Buchbranche mit besonderer Wucht?

Es trifft sie mehrfach, die Gründe sind komplex. Die Kinder müssen jetzt zu Hause beschäftigt und Ältere besonders umsorgt werden, was größtenteils weiterhin die Frauen übernehmen. Wie sollen sie nebenbei noch Bücher fertig schreiben oder zwischen Home-Schooling und Organisation der finanziellen Katastrophe das Geschäftsmodell umstellen und neue Aufträge generieren? Auch der Buchhandel ist zum größten Teil weiblich, hier wird es selbst mit staatlichen Hilfen viele Insolvenzen und Schließungen geben.

Sie bekommen täglich Nachrichten auf Ihren verschiedenen Social-Media-Plattformen von Leserinnen, die sich Sorgen machen. Welche dieser Nachrichten beschäftigt Sie selbst besonders?

Die meisten Menschen sorgen sich aktuell weit mehr um andere als um sich selbst. Das berührt mich. Die Fürsorge funktioniert. Wir sind uns nicht egal. Die Leute schreiben mir über ihre Kinder, ihre Großeltern und Nachbarn. Sie sind bereit, Selbstverantwortung zu zeigen, und haben damit zu tun, Kontrolle abzugeben. Das führt zu großartigen solidarischen Aktionen, zu vielen Liebesbeweisen und Zusammenschlüssen, nicht nur innerhalb des Literaturbereichs. An dieser Einstellung sollten wir uns alle festhalten, sie kann, und das werden wir brauchen, Wunder bewirken.

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Zuletzt wünschen wir uns noch einen Buchtipp von Ihnen. Welche zwei Bücher sollte man gerade jetzt unbedingt lesen?

“Der Wal und das Ende der Welt” von John Ironmonger ist schon vor einem Jahr erschienen, greift den aktuellen Geschehnissen aber beängstigend genau voraus. Es geht um eine Pandemie und wie sie die Welt verändert. Die wirkliche Entscheidung für den weiteren Verlauf treffen, so lesen wir dort, die Menschen, die darauf reagieren, und davon können wir uns nun inspirieren lassen. Dieser Roman lenkt ab, informiert und gibt die Hoffnung, die viele von uns jetzt dringend brauchen.

Darüber hinaus halte ich mich gerade an den Texten von Mascha Kaléko fest, die in ihrem Gedicht und gleichnamigen Buch “Sei klug und halte dich an Wunder” schreibt: “Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet. Im großen Plan. Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.”

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