Zum Börsendebüt: Siemens Energy notiert unter Buchwert

  • Die große Siemens-Abspaltung Siemens Energy ist heute an die Börse gegangen – unter Buchwert.
  • Siemens Energy gilt als defizitärer Sanierungsfall, der mitten im globalen Umbruch der Energiemärkte steht.
  • Der Konzern will bis 2023 rund 1,3 Milliarden Euro einsparen.
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Theodor Weimer hat einen guten Rat parat. “Dauerhafte Profitabilität hilft dem Aktienkurs, Herr Bruch“, sagte der Chef der Deutschen Börse kurz vor 9 Uhr auf dem Frankfurter Parkett. Gerichtet sind diese Worte an Christian Bruch, seines Zeichens Chef der seit Montag an der Börse notierenden Siemens Energy. Mit 91.000 Beschäftigten sowie 29 Milliarden Euro Jahresumsatz ist das die bisher größte Abspaltung des Mutterhauses und zugleich die problematischste. Denn Siemens Energy ist ein defizitärer Sanierungsfall, der mitten im globalen Umbruch der Energiemärkte steht. Entsprechend fiel der erste Börsenkurs in Frankfurt aus. In Zahlen: Es waren 22,01 Euro, was 16 Milliarden Euro Börsenwert bedeutet.

Es drohen Standortschließungen und Jobabbau

Der Buchwert, den Siemens für seine scheidende Tochter in der Bilanz hat, liegt eine Milliarde Euro höher. Die internen Erwartungen zum Börsendebüt waren andere.

Mit gut 20 Milliarden Euro könne Siemens Energy zum Start von Börsianern bewertet werden, wurde im Umfeld von Siemens zuletzt gemutmaßt. Profianleger waren skeptischer, sind nun aber auch nicht erbaut.

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“Das ist am unteren Ende der Bandbreite“, erklärte Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank, spontan zum ersten Kurs für Siemens Energy. Mit Bandbreite meint er die Spanne der ohnehin mäßigen Analystenerwartungen. Bruch, der in Frankfurt um Punkt 9 Uhr die Börsenglocke zum Gang aufs Parkett läuten durfte, weiß, was auf ihn und sein Unternehmen zukommt.

Gegenüber Analysten bekannte er sich gerade zu Profitabilitätssteigerungen, die das Personal bluten lassen dürften. 6,5 bis 8,5 Prozent operative Rendite verspricht er bis 2023. Vergangenes Quartal wurden gut 450 Millionen Euro Verlust erwirtschaftet. Nun drohen Standortschließungen und Jobabbau, den das Personal schon seit Jahren kennt. Vor allem auch deutsche Standorte wie Mülheim, Erlangen oder Berlin fürchten um Jobs.

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Umweltaktivisten fordern: Konzern soll so schnell wie möglich aus den Fossilen aussteigen

Die anhaltende Misere des Bereichs ist ein Hauptgrund, warum Siemens das Geschäft separat an die Börse bringt. “Wir machen nur noch das, womit wir hohe Rendite haben“, beschreibt Halver die Strategie des Mutterhauses – und das sind Digitalgeschäfte. Siemens Energy stört da nur. Nur noch 45 Prozent ihrer Aktien halten Mutter und Siemens-Pensionsfonds nach dem Börsengang noch. Auch dieser Anteil soll binnen maximal 18 Monaten auf etwa ein Viertel reduziert werden. Ein Börsengang im herkömmlichen Sinn ist die Notierung von Siemens Energy ohnehin nicht. Bestehenden Siemens-Aktionären wurde schlicht für je zwei Siemens-Aktien ein Papier der Siemens Energy ins Depot gebucht.

Gleichwohl ist der Sanierungsfall gemessen an Personalzahl, Umsatz und Marktbedeutung ein Riese. Etwa ein Sechstel der weltweit erzeugten Elektrizität basiert derzeit auf seinen Technologien. Derzeit ist das Geschäft aber zu 70 Prozent noch fossil in Form von Kohle, Gas und Öl. Am Windenergiegeschäft der deutsch-spanischen Siemens Gamesa hält Siemens Energy zwei Drittel, aber auch das ist defizitär. Als Hoffnungsträger gilt Wasserstofftechnologie, mit der vorerst kein Gewinn gemacht wird, räumt Bruch ein.

Die fordernde wirtschaftliche Situation wird durch Begehren von ökologischer Seite verschärft. Denn Kohle, Gas und Öl belasten das Klima und fördern die Erderwärmung. „Es ist höchste Zeit intern zu klären, wie der Konzern so schnell wie möglich aus den Fossilen aussteigen kann“, fordert nicht nur Regine Richter von der Umweltorganisation Urgewald. Auch die Protestbewegung Fridays for Future hat Siemens Energy wegen seiner fossilen Hypothek aufs Korn genommen.

1,3 Milliarden Euro sollen gespart werden

Um dieser Kritik zu begegnen, hat der scheidende Siemens-Chef und künftige Oberaufseher von Siemens Energy, Joe Kaeser, dem Problemfall jüngst einen Ausstieg aus dem Bau von Kohlekraftwerken dringend empfohlen. Ein genaues Datum dafür steht noch nicht fest. An Gas und Öl wird zudem bislang noch gar nicht gerüttelt. „Wir haben Herausforderungen, die Zwischenlösungen brauchen“, sagt Bruch dazu verklausuliert. Siemens Energy werde für eine Übergangszeit vor allem am Bau neuer Gaskraftwerke festhalten, heißt das übersetzt. Im sonnenreichen Israel, das für Solarenergie prädestiniert ist, baut Siemens Energy demnächst ein solches. Auch am bereits beschlossenen Bau eines großen Kohlekraftwerks in Indonesien hält man fest.

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Unter Druck kommt Siemens Energy damit nicht nur seitens Umweltaktivisten. “Die Nachfrage nach Nachhaltigkeit nimmt zu“, weiß Börsenchef Weimer mit Blick auch auf große Kapitalanleger.

Damit wird der Konzern von Forderungen, rasch profitabel zu werden und sich von klimaschädlichen Technologien zu trennen, in die Zange genommen. Zu spüren bekommen wird das nach Lage der Dinge in Kürze das Personal. 1,3 Milliarden Euro sollen bis 2023 gespart werden. Betriebsräte und IG Metall bringen sich bereits in Stellung. Es gab schon Börsengänge, die unter einem glücklicheren Stern standen.

Chancen für Dax-Aufstieg sind groß

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Siemens Energy wird künftig von Berlin aus geführt. In der offiziellen Konzernzentrale werden aber neben Teilen des Managements um Firmenchef Christian Bruch nur wenige Beschäftigte arbeiten. Schon heute ist die Bundeshauptstadt mit seinem Gasturbinenwerk einer der größten Standorte des Konzerns weltweit. Dessen juristischer Sitz bleibt indessen München. Dort werden damit auch weiter Steuern bezahlt. Die Chancen, dass Siemens Energy wegen seiner schieren Größe in absehbarer Zeit in den Dax aufsteigt, gelten als groß. Das gilt auch für das bereits im März 2018 vom Mutterkonzern abgespaltene Geschäft mit Medizintechnik unter dem Namen Siemens Healthineers mit Sitz in Erlangen. Kommt es auch dazu, würden künftig drei Siemens-Konzerne im Dax notieren.

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