Wie umweltschädlich ist die Bonpflicht?

  • Jeder Kunde hat seit 1. Januar ein Recht auf einen Bon, muss ihn aber nicht nehmen.
  • Experten kritisieren den neuen „Müllwahnsinn“.
  • Viele Belege sind auf umweltschädlichen Thermopapier gedruckt.
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Seit Anfang Januar gilt in Deutschland die Bonpflicht. Bis zuletzt liefen der Einzelhandel und auch das Handwerk gemeinsam Sturm gegen die Gesetzespläne zur Eindämmung des milliardenschweren Steuerbetrugs an Deutschlands Ladenkassen.

Doch aller Kritik aus der Koalition zum Trotz: Apotheken, Friseure oder der Bäcker müssen nun einen Kassenbon ausstellen. Denn wenn Händler über elektronische Kassensysteme verfügen, müssen sie nun Kunden bei jedem Kauf unaufgefordert einen Beleg aushändigen. Der Kunde muss diesen aber nicht mitnehmen, er kann ihn einfach liegen lassen.

Betroffene Unternehmen hierzulande warnen nicht nur vor höheren Kosten und mehr Bürokratie, sondern auch vor massiven Umweltschäden. Gerade dieser Punkt trifft in Zeiten von Umweltbewegungen wie Fridays for Future und vor dem Hintergrund eines neuen nationalen Ökogewissens einen Nerv.

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Ein gigantischer Müllberg

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks beispielsweise verlangte bereits im Vorfeld des Starts der Bonpflicht, mit dem „Müllwahnsinn“ aufzuhören und verwies auf bedenkliche Zahlen, die nur allein im Bäckerhandwerk hierzulande zutage kommen:

Betroffen vom neuen Gesetz sind demnach rund 11.000 Betriebe des Deutschen Bäckerhandwerks mit 46.000 festen und 15.000 mobilen Verkaufsstellen, die nun die Bonpflicht eingeführt haben und einen großen Abfallberg produzieren. Bei durchschnittlich 100.000 Kunden je Verkaufsfiliale ergeben sich laut dem Zentralverband über fünf Milliarden Bons aus Papier pro Jahr.

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Wie sehr belastet die Bonpflicht unsere Umwelt?
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Seit Jahresbeginn besteht in Deutschland die Bonpflicht. Die Bon-Gegner kritisieren nicht nur den Bürokratieaufwand, sondern auch die Folgen für unsere Umwelt.  © RND

Das entspricht nur für das deutsche Bäckerhandwerk dem 25-fachen Erdumfang oder der zweieinhalbfachen Wegstrecke Erde–Mond. Dies gilt bei vorsichtiger Schätzung und der Annahme, dass ein Durchschnittsbon rund 20 Zentimeter lang ist, so der Verband in seiner Berechnung. Am Ende ist es aber egal, ob der Bon nun zehn oder 20 Zentimeter lang ist. Was bleibt, ist ein gigantischer Müllberg aus oftmals beschichtetem Papier.

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Thermo-Bons gehören nicht ins Altpapier

Denn die meisten Bons sind aus sogenanntem Thermopapier und genau hier liegt das Problem. Das Umweltbundesamt spricht sich seit langem klar dafür aus, dass Thermo-Bons nicht ins Altpapier gehören, sondern im Restmüll entsorgt werden müssen, weil die Bons meist auf Thermopapier gedruckt sind.

Thermopapier ist ein Spezialpapier, das circa 0,5 bis 3 Prozent Farbentwickler enthält, der unter Temperatureinwirkung in einer chemischen Reaktion die Schwarzfärbung des Papiers auslöst. Als Farbentwickler wurden bisher im wesentlichen Bisphenol A und Bisphenol S eingesetzt.

Bisphenol A ist ein Ausgangsstoff für sogenannte Polykarbonat-Kunststoffe sowie Epoxidharze. Der Stoff steckt neben Thermopapier-Bons noch in vielen anderen Alltagsprodukten wie Trinkflaschen, Konservendosen oder DVDs. Landen die Bisphenol A-haltigen Kassenzettel im Altpapier, kann der Stoff über recycelte Papierprodukte wie Toilettenpapier in die Umwelt gelangen.

Bisphenol A ist jedoch hormonell wirksam und kann die Fortpflanzungsfähigkeit von Lebewesen beeinträchtigen. Studien belegen bereits, dass der Stoff bei Fischen und Amphibien Fortpflanzung und Entwicklung schädigt, so das Umweltbundesamt.

Bisphenol A ist laut der Behörde mittlerweile EU-weit als „besonders besorgniserregender Stoff“ (Substance of Very High Concern, SVHC) unter REACH identifiziert, sowohl für den Bereich der menschlichen Gesundheit als auch der Umwelt.

Bon-Papier enthält oftmals Schadstoffe

Als „besonders besorgniserregender Stoff“ ist Bisphenol A (BPA) daher ab diesem Jahr zwar als Beschichtung von Thermopapier verboten, um die menschliche Gesundheit zu schützen. Doch eine Beschränkung für BPA in Thermopapier besteht bereits seit längerem. Seit Januar 2020 dürfen nun Thermopapiere, die 0,02 Gewichtsprozent oder mehr BPA enthalten innerhalb der EU nicht mehr in Verkehr gebracht, also auch nicht weiterverkauft werden und auch nicht an die Kunden ausgegeben werden.

Dennoch werden Thermopapier-Bons nicht ganz verschwinden beziehungsweise um ein hohes Maß wohl auch nicht umweltfreundlicher. Für den Stoff BPA hat die Wirtschaft schon seit längerem einen Ersatz gefunden. Unter anderem Bisphenol S.

„Bisphenol S steht aber auch im Verdacht, für Mensch und Umwelt endokrin wirksam zu sein. Für Bisphenol-S-haltiges Thermopapier wurde ermittelt, dass 2018 rund 104.000 Tonnen in Verkehr gebracht wurden, was einer Steigerung um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht“, so das Bundesumweltamt. Die europäische Chemikalienagentur ECHA berichtet derweil, dass primär andere Bisphenole (insbesondere Bisphenol S), sowie Pergafast 201 und D8 zukünftig als Optionen statt Bisphenol A genutzt werden.

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Markt für Thermopapier ist groß

Dass diese genutzt werden, daran besteht kein Zweifel. Der Markt für Thermopapier ist groß und angesichts der Bonpflicht in Deutschland wird laut dem Bundesumweltamt hierzulande ein Anstieg in Form von Kassenrollen, zum Beispiel in Kantinen und im Einzelhandel, erwartet. In der EU ist der Markt für Thermopapier in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen. 2018 betrug er 491.000 Tonnen.

Für die Kunden an der Kasse klingt das alles andere als beruhigend. Denn eine Unterscheidung von farbentwicklerhaltigen und farbentwicklerfreien Thermopapieren wird für das Gros der Verbraucher wohl kaum möglich sein.

Weit mehr als 1000 Kassenquittungen hängen als dekorativer Protest im Karlsruher Restaurant Gasthaus Gutenberg – es ist die Ausbeute einer Woche. © Quelle: Christoph Schmidt/dpa

Aufgrund der problematischen Zusammensetzung des Papiers mit den Ersatzstoffen von BPA müssen Thermo-Bons auch künftig im Restmüll entsorgt werden. Viele Kunden dürften das nicht wissen.

Bon? Nein danke!

Stattdessen sollte jeder Kunde lieber aus Umweltgründen bei der Frage „Möchten Sie den Kassenzettel?“ mit „Nein danke, und bitte schmeißen Sie diesen für mich bitte in den Restmüll“ antworten. Man tut auch seiner eigenen Gesundheit etwas Gutes.

Laut Michael Wippler, Verbandspräsident des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks liegt der Anteil der Kunden, die einen Bon brauchen, bei unter 3 Prozent: „In Zeiten, in denen unsere Betriebe und die Gesellschaft zunehmend auf Nachhaltigkeit und Abfallvermeidung achten, ist es geradezu unsinnig, wenn für den Kauf von ein paar Brötchen ein Kassenzettel gedruckt werden muss" – und das Ganze noch oftmals auf Papier, das schwer bis gar nicht dem Recycling-Kreislauf zugeführt werden kann.

Auch das Bundesumweltamt sieht aktuell lediglich eine umweltfreundliche Alternative zu ausgedruckten Thermo-Bons und empfiehlt, „dass Kaufbelege von den Kassen elektronisch gespeichert werden. Diese können dann insgesamt für das Finanzamt ausgelesen werden.“

Die Behörde geht noch einen Schritt weiter und bringt die Entwicklung elektronischer Belegsysteme ins Spiel, mit denen sich die Kunden zur Prüfung ihrer Abrechnung ihre Belege auf das Handy oder nach Hause schicken lassen können, was bereits in skandinavischen Ländern schon Realität und weit verbreitet ist.

RND/dpa

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